Kunstfestival : Sei ein Frosch!

Neu auf der europäischen Sommerroute: das Festival von Festival de las Artes von Kastilien-León in Salamanca.

Eberhard Spreng

Höhere Söhne und Töchter schickt man gerne zum Sprachstudium nach Salamanca, weil dort das sauberste Spanisch gesprochen werden soll, an einer der ältesten Universitäten Europas, die zu Beginn des 13. Jahrhunderts gegründet wurde. Lope de Vega und Calderón de la Barca studierten in der Stadt. Aber es sind nicht mächtige kulturgeschichtliche und vor allem literarische Traditionen, mit denen das junge Festival de las Artes von Kastilien-León die Stadt zu einem Pol im Ensemble der Sommerfestivals machen will. Sie soll, nach dem Willen des Festivaldirektors Guy Martini zusammen mit Athen, Rom und Avignon zum festen Pol in einem südeuropäischen Festivalquartett werden.

Vor allem wer Avignon kennt, kommt beim Blick in die alten Straßen der weitgehend verkehrsberuhigten Altstadt von Salamanca ins Träumen: Wie wäre es, wenn ihre von herrlichem ockergelben Sandstein eingefassten Plätze, ihre Kirchen und Renaissance-Paläste eines Tages von derselben inspirierenden Programmvielfalt durchpulst wären, wie die, mit der Avignon weltweit berühmt geworden ist? Salamanca hat dieselbe Fußläufigkeit und mit seinen über 30 000 Studenten eine noch größere Vitalität als die französische Stadt an der Rhone.

Aber hier enden schon die Parallelen. Salamanca liegt im Abseits der europäischen Verkehrsströme, und jenseits kultureller Vernetzung in der bevölkerungsärmsten Region der iberischen Halbinsel. Wer in Kastillien-León zum Kunstbetrieb aufschließen will, hat eine Reconquista der besonderen Art vor sich. Das weiß auch Festivaldirektor Guy Martin: „Das Festival will neue Räume schaffen, auch neue mentale Räume beim Publikum. Fusion ist wichtig, deshalb habe ich die Berliner Schaubühne eingeladen, mit dem ,Sommernachtstraum’, Ostermeiers erster Arbeit zusammen mit Constanza Macras – diese Kombination aus Tanz und Theater. Wir wollen die Leute auf eine Entdeckungsreise mit zeitgenössischen Ausdrucksformen bringen. Ich will die jungen Leute ins Theater zurückbringen, also an einen Ort, der für sie gar nicht existiert. Denn in Spanien ist das Theaterpublikum völlig überaltert."

Festivalmotor ist vor allem das studentische Publikum in der Stadt. Ihm bietet das Programm auf der Plaza Major, einem prächtigen barocken Stadtmittelpunkt, Konzerte wie das der flippig feministischen Gruppe Chicks on Speed aus Berlin, der Elektronic-Band Long Range aus England, oder den „Balkan Beat Boys“ aus Israel. Nachts geht für die Unermüdlichen die Party in einem Stadtpalais, der Casa de las Conchas weiter, dessen Fassade rund 300 Muscheln schmücken, einem Erkennungszeichen der Pilger auf dem Jacobsweg nach Santiago de Compostella.

Am anderen Flussufer des Tormes, unterhalb der Altstadt, feiert derweil auf einem Sportplatz das Feuerwerks-Theater der Gruppe Panoptikum das „Ballgefühl“, eine Fortsetzung ihres Fußballweltmeisterschafsspektakels aus dem vergangenen Jahr, während im Teatro Liceo in einer etwas zeremoniellen Ehrung an seinen russischen Erfinder durch das dänische Hotel Pro Forma das Theremin, ein elektroakustisches Instrument vor sich hin jault, oder das Tel Aviver Cameri Theater die arabo-israelische Theaterproduktion „Plonter“ spielt, die vor weniger Monaten auch in Berlin gastierte.

Salamanca – ein Nachspielort des international bereits etablierten Allerleis? Durchaus nicht: Rodrigo Garcias neue Arbeit ist hier noch vor Avignon zu sehen, ebenso wie Romeo Castellucci „Hey Girl“, die Salamanca koproduzierte. Die französische Arbeit „Sentimantal Bourreau“ (Gefühlvoller Henker) erlebt in Salamanca seine Premiere und im kommenden Jahr will man bei fünf internationalen Produktionen mit dabei sein.

Was aber vorerst für die Zukunft hoffen lässt, sind die Ströme von Familien, Gruppen und Paaren, die von Bühne zu Bühne durch die Gassen Salamancas ziehen, so als ließe sich Kultur letztlich nur mit den Füßen erobern. Die Hoffnung ist, dass die Welle – 150 000 Zuschauer hatte das Festival im Vorjahr – dauerhaft von draußen in die Theater schwappt. Tagsüber ist von dem Festival nur an bestimmten Orten etwas zu spüren, unterhalb der Kathedrale, wo Sprayer weiße Kuben mit bunten Mustern überziehen.

„Les Voisins“, die Nachbarn. So heißt eine Sammlung von lebensgroßen Puppen, die der Franzose Claude Merle in den Theatern und der Festivalverwaltung postiert hat. Sie stehen für das alte Europa, das der Akkordeonspieler, der gebeugten Damen mit Handtäschchen und Hütchen. Sie sind die stummen Zeugen der neuen Fête ebenso wie eine kleine, vierhundertfünfzig Jahre alte Froschskulptur an einer Wand der Universität an der Plaza Patio de Escuelas; ein Frosch, der auf einem Totenschädel hockt. Einige sagen, wer ihn auf der überreich verzierten Fassade inmitten der anderen Figuren entdecke, kehre eines Tages nach Salamanca zurück, andere, dass man dann seine Klausuren bestehe, wieder andere, dass er die Studenten vor einem ausschweifenden Lebenswandel warnen solle. Solche Mahnungen sind nicht mehr in Mode. Auf dem Festivalplakat kann man auch eine Froschgestalt entdecken – aber die hockt auf der Schulter einer nackten Frau.

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