Kunstfilmfestival : Models am Pool

Mit dem Festival "Artist Films" im Kino International wagt der Sammler Axel Haubrok ein Experiment. Er will Künstlerfilme zeigen, die sonst ein Nischendasein führen.

Jens Hinrichsen
"Fireworks" von Kenneth Anger.
Klassiker des Underground: "Fireworks" von Kenneth Anger.Foto: Kenneth Anger, Galerie Sprüth Magers

„Seien wir ehrlich“, sagt Pierre Bismuth, „90 Prozent aller kommerziellen Filme sind Propaganda.“ Der französische Künstler gewann 2005 einen Oscar – für das mit Michel Gondry und Charlie Kaufman verfasste Originaldrehbuch von „Vergiss mein nicht“. Er nennt als entscheidenden Unterschied zwischen Kommerz und Kunst die Planlosigkeit des Künstlers. „Filme kosten viel Geld. Hollywood-Regisseure müssen ihr Vorhaben genau erklären, bevor sie anfangen dürfen“, so der Grenzgänger Bismuth, dessen „Where Is Rocky II?“ ab 20. Oktober ins Kino kommt, die filmische Spurensuche nach einem Werk des US-Künstlers Ed Ruscha.

„Rocky II“, ein künstlicher, in der Mojawe-Wüste verschollener Felsen, ist Ausgangspunkt eines Experiments im Kino. Ein seltener Fall. Kunst, die keinerlei kommerziellen Ziele verfolgt, verirrt sich selten ins Filmtheater. Am 14. September soll das anders sein. Im Kino International werden lauter „Artist Films“ gezeigt: kürzere Produktionen, die sonst ein Nischendasein in abgedunkelten Kojen von Museen und Galerien führen. Warum eigentlich?, fragte sich der Berliner Sammler Axel Haubrok und mietete für einen Abend und einen Tag das International an; Kurator Marc Gloede stellte das Programm zusammen. Er zeigt zum Auftakt eine Auswahl britischer Produktionen aus der Haubrok-Sammlung Unter dem Motto „No joke, my dear“ sind Filme von Martin Creed zu sehen, der ungewöhnliche Inhalte in Videoclip-Ästhetik kleidet.

Kenner fordern mehr Sorgfalt im Umgang mit Künstlerfilmen

Gloede, Filmhistoriker und -kritiker, zwischen 2008 und 2014 Leiter der Sektion Film auf der Kunstmesse Art Basel, wählte Arbeiten „von Künstlern, die sich regelmäßig mit dem Medium auseinandersetzen“. Eine Definition dieses „dynamischen Feldes“ sei nicht möglich. Im Standardwerk „Art Cinema“ stellen Paul Young und Paul Duncan eine Parallele zur Pornografie her: Art Cinema sei schwer zu definieren, „aber man erkennt es, wenn man ihm begegnet“. Fest steht: Was sich zur Art Week im International abspielt, unterscheidet sich von den dort ansonsten gezeigten Werken. Und die ausgewählten Filme werden unter optimalen Bedingungen aufgeführt – auf einem Silverscreen, auf dem Tom Tykwer und Wim Wenders ihre Testvorführungen laufen lassen.

Kenner fordern schon lange mehr Sorgfalt im Umgang mit Künstlerfilmen. So ärgert sich Gloede stets auf Biennalen, „wie beiläufig mit dem Medium Film umgegangen wird. Das würde mit Skulpturen oder Malerei nie passieren“. Der Aufwand, den viele Filmkünstler treiben, spiegelt sich in der Präsentation selten wider. Wird das Pilotprojekt im Kino International ein Erfolg, wollen Gloede und Haubrok dem Künstler-Kino ein Festival über drei oder vier Tage folgen lassen.

Künstlerfilme erzählen anders als der Mainstream

Natürlich gibt es Produktionen, die den Kinorahmen sprengen. „Expanded Cinema“, das seit 2006 in der Berlinale-Sektion Forum Expanded eine Plattform hat, findet definitionsgemäß außerhalb des Kinos statt: auf mehreren Leinwänden oder anderen Projektionsflächen, im Museum oder im öffentlichen Raum. Diesem skulpturalen Ansatz entspricht Peter Welz mit seiner Soloschau in der Bibliothek des Kino International, während der eigentliche Kinoraum den Einkanal-Arbeiten vorbehalten bleibt. Dort sind allerdings Kinoversionen von skulpturalen Werken zu sehen, etwa eine One-Channel-Fassung der Installation „I love John Giorno“, mit der Ugo Rondinone seinem Lebenspartner Giorno ein Denkmal setzt. Auch Anthony McCalls „Solid light films“, in die das Publikum 2006 im Hamburger Bahnhof eintreten konnte, werden im Kino International ganz anders wirken.

Zusammen mit zehn Galerien präsentieren Haubrok und Gloede am 14. September 14 Künstlerpositionen, darunter Sarah Morris, Stephen Prina, Lawrence Weiner, Ceryth Wyn Evans und Christopher Roth. Die einstündigen Vorführungen werden von neuen Arbeiten Olaf Nicolais wie von Vorfilmen unterbrochen. Die vierminütigen Zooms auf Steine gehen auf einen Klassiker des Avantgardefilms zurück: Michael Snows „Wavelength“ (1967), das aus einer einzigen Kamerafahrt auf ein an die Wand gepinntes Foto von Wellen besteht. Dazwischen konterkarieren Realitätsfragmente – Schatten auf den Fensterscheiben, den Raum kreuzende Menschen – die abstrakte Form. Künstlerfilme verweigern sich nicht der Erzählung, sie erzählen nur anders als der Mainstream.

Schöne Menschen, extravagante Orte

Mit Kenneth Anger kommt auch der US-Avantgardefilm in den Blick. Gezeigt wird außerdem „Dirty Eyes“ des Konzeptkunst-Altmeisters Lawrence Weiner mit Models, die sich an Pools, auf Dachterrassen, in Büros und Museen langweilen. Weiner, der in seinen Ausstellungen vor allem mit auf Wänden angebrachten Sätzen arbeitet, legt seine Formulierungen nun den Fotomodellen in den Mund: „How much is much?“, heißt es zum Beispiel, und: „How much is too much?“ Antworten bleiben selbstredend aus.

Schöne Menschen, extravagante Orte: Weiners Film spiegelt die Konventionen des Mainstreams und unterläuft sie zugleich. Ein Einsatz im Museum erscheint wenig sinnvoll – „Dirty Eyes“ gehört ins Kino. Diese Erkenntnis mag nicht für jeden Film gelten. „Vielleicht stellt man fest, dass man bestimmte Filme doch besser auf dem Monitor anschaut“, mutmaßt Marc Gloede. Umgekehrt stimmt aber auch, dass man sich auf positive Überraschungen gefasst machen kann – und auf frischen Wind im Kino.

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