Kultur : Kunstgeschichte für alle

CARSTEN PROBST

"Ich bin Rationalist, begeisterter Aufklärer, und ich möchte es bleiben bis an mein Lebensende" - so der Londoner Kunsthistoriker Ernst H.Gombrich vor wenigen Jahren in einem Interview, mit dem er sich in typisch lakonischer Weise allen "Zeitinteressen" entzieht.Sein umfangreiches wissenschaftliches Werk ist bei den Klassikern abgelegt.Der 1988 von der Queen in den Adelsstand erhobene Forscher wird allenthalben geachtet als der letzte große Vertreter des Londoner Warburg Institute, das er in der Nachfolge Fritz Saxls von 1959 bis 1976 leitete.Zugleich aber, und dann mit eher abschätzigem Unterton, betrachtet man ihn als "populär".Als einer der wenigen Vertreter der Branche hat der gebürtige Wiener es nämlich zum Bestsellerautor gebracht.Seine mittlerweile in etwa dreißig Sprachen übersetzte "Story of Art" (dt."Geschichte der Kunst"), erstmals 1950 verlegt, ist "auch in Zeiten, die gar nicht darauf erpicht sind, zu einer Art Hausbuch geworden", wie Henning Ritter einmal schrieb.Mit anderen Worten weiß Gombrich sich im Besitz einer seltenen Doppelbegabung als herausragender Forscher und Pädagoge, der (auch gegen den ausdrücklichen Rat Saxls) in einfachen und klaren Sätzen einer breiteren Leserschaft die "Story" der abendländischen Kunst ausbreitet.Das Buch markiert den Beginn seiner von vielen internationalen Auszeichnungen begleiteten Karriere.

Zugleich dürfte Gombrich - nach Wölfflin - damit bis heute gerade außerhalb der engen und oft eitlen Grenzen seiner Disziplin zu den einflußreichsten Kunsthistorikern überhaupt zählen.Daß er neben seinen herausragenden Forschungen zur Renaissance, zum Barock oder zur Kunsttheorie auch eine "Weltgeschichte für Kinder" verfaßte oder auch verpönten Medien wie Cartoons Abhandlungen widmete, sorgte immer wieder auch für den Neid und einige höhnische Kommentare von Kollegen, von denen ihn mancher schlicht für sentimental hielt.

Für Gombrich, der aus einer assimilierten jüdischen Familie stammt und 1933 vor den Nazis nach England flüchtete, standen jedoch ambivalente Eindrücke bereits am Beginn seiner Laufbahn.Kurz vor der Emigration hatte er noch bei Julius von Schlosser promoviert, als sich schon deutlich die Rolle vieler Kunsthistoriker für die Kulturpolitik der Nazis abzeichnete: als Hort einer noch bürgerlich-versponnenen Kunstreligiosität, die sich das Künstler-Genie gern als Übermenschen und "Erzieher" vorstellte, war ihre Wandlung zu einer der großen wissenschaftlichen Legitimationsinstanzen für die rassenideologische Ästhetik des Regimes abzusehen.Gombrich hat eine prinzipielle Skepsis gegenüber allen Schulen und Moden verinnerlicht, seinen Schriften haftet die Tendenz zur "Entmythologisierung" sowohl der Kunst, als auch seines Faches an.Seine vielfältige Themenliste und auch das gemischte Publikum, das er anspricht, sind Teil des Programms einer "humanen" Kunstgeschichte, die für Gombrich nie etwas mit hehrer Geistesgeschichte zu tun hatte und ebensowenig mit historiologischem Fortschrittsglauben hegelscher Prägung.

Überzeugungen, die er auch immer wieder im Verein mit seinem verstorbenen Freund, dem Philosophen Karl Popper verfochten hat.Kunst besitze einen der Sprache analogen, kommunikativen Grundcharakter, der sie letztlich zu den vernunftbedingten Äußerungen des Menschen zählen lasse.Praxis des Künstlers sei es, im Stil-Experiment mit bestimmten Vorgaben wie Traditionen und Materialien Lösungen von Aufgaben zu suchen, um die er mit seinen Kollegen konkurriert.Wobei, wie Gombrich in der "Geschichte der Kunst" anmerkt, durchaus auch konservative Künstler hervorragende "Lösungen" gegen ihren Zeitgeist gefunden haben und bei weitem nicht jede neue Kunstrichtung Aufmerksamkeit verdiene.Die spürbare Skepsis gegenüber allem Zeitgenössischen relativiert sich bei der Kennerschaft von zweieinhalbtausend Jahren Kunstgeschichte zur vornehmen Zurückhaltung.Heute begeht Sir Gombrich seinen 90.Geburtstag.

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