Kunsthändler : Keine Kompromisse

Zum Tod des Schweizer Kunsthändlers und Sammlers Ernst Beyeler.

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Profil zeigen. Ernst Beyeler 2004 in seinem Museum in Riehen, im Picasso-Saal. Foto: dpa, © VG Bild-Kunst, BonnKEYSTONE

Er hat sich eins der schönsten Museen der Welt bauen lassen, im sanften Hügelland, direkt an der deutschen Grenze. Einen lang gestreckten Gebäuderiegel aus rotem Porphyrstein, mit Terrassenfenstern, die den Blick freigeben auf Weinberge und die Ebene, und auf den Park mit den schönen alten Bäumen, die Christo einmal verhüllt hat. Wer vom Basler Bahnhof SBB die Straßenbahnlinie Nr. 6 in den beschaulichen  Vorort Riehen besteigt, unternimmt eine Pilgerfahrt zur Kunst der Klassischen Moderne. Die 1997 eröffnete Fondation Beyeler ist eines der beliebtesten Museen der Region, mit über 300 000 Besuchern pro Jahr. Schon 1999 musste eine Erweiterung her, die Ausstellungen, von Giacometti bis Turner, von Matisse bis Klee sind regelmäßig Publikumsmagneten. Aktuell ist das Werk des malenden Zöllners Henri Rousseau zu sehen.

Der Sammler, Kunsthändler und Mäzen Ernst Beyeler, der sich dieses Haus von dem Genueser Stararchitekten Renzo Piano bauen ließ und der am Donnerstag im Alter von 88 Jahren gestorben ist, war eine Institution, in Basel und in der internationalen Kunstwelt. Nicht nur, dass er, gemeinsam mit seiner 2008 verstorbenen Frau Hildy, 1971 Mitbegründer der renommierten Kunstmesse Art Basel war. Seine Basler Galerie in der Bäumleingasse, in den Räumen eines Antiquariats, in dem er seit 1940 als Assistent arbeitete, ist seit Jahrzehnten eine Anlaufstelle für Kunstenthusiasten. Wenn man Glück hatte, konnte man den Mäzen und Kunstsammler bis zuletzt dort antreffen, „sinnend, lesend, Bekannte empfangend“, wie es die Kritikerin der Basler Zeitung schilderte.

Die Leitung von Galerie und Museum hatte der 88-Jährige, der zuletzt im Rollstuhl saß, jedoch schon 2009 aus den Händen gegeben. Im vergangenen Mai war gemeldet worden, dass sich der Galerist aus den Alltagsgeschäften zurückgezogen habe. Edgar Fluri, sein langjähriger Mitarbeiter, habe die Geschäfte übernommen, hieß es, und auch die Kontrolle über An- und Verkäufe. Nach und nach leeren sich nun in Basel die Depots, die Galerie wird aufgelöst. Beyeler wollte nicht, dass sie nach seinem Tod unter seinem Namen weitergeführt oder verkauft wird. Sein Vermächtnis ist seine Stiftung.

Museumsleiter in Riehen ist heute Sam Keller, und die Sammlung ist auf über zweihundert Werke angewachsen. Rund 16 000 Spitzenwerke der Klassischen Moderne sind im Lauf der Jahrzehnte durch Beylers Hände und die sympathisch altmodischen Räume in der Bäumleingasse gegangen – 2007 hat Beyeler die Hauptwerke noch einmal in Riehen versammelt, in einem großartigen Überblick: Picasso, Braque, Miro, Matisse und Leger, Mondrian und Klee, Cézanne und Monet.

Und doch hat auch Ernst Beyeler seine dunklen Momente erlebt. Etwa im langjährigen, erbitterten Rechtsstreit um Kandinskys „Improvisation Nr. 10“, die Beyeler 1951 erworben hatte. Jahrzehnte später hatte der Lissitzky-Sohn Jen auf Herausgabe geklagt, mit der Begründung, Beyeler habe damals wissen müssen, dass es sich um Raubkunst handelte. Am Ende einigte man sich außergerichtlich. Ein bitterer Nachgeschmack ist geblieben, es war ein Schatten auf das Bild des vorbildlichen Schweizer Händlers und Sammlers gefallen. Beyeler selbst, so unnachgiebig er in dem Rechtsstreit auftrat, wird das am meisten geschmerzt haben.

Und doch ist er eine Jahrhundertfigur, ein Zeitzeuge, der die Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts kannte, mit ihnen befreundet war, anekdotenreich von ihnen erzählen wusste. Darin ähnelte er dem Berliner Heinz Berggruen, mit dem ihn auch die Leidenschaft für Picasso, Klee und Giacometti verband. Auch Beyeler hatte, wie Berggruen, früh Zugang zu Picassos Atelier, durfte sich dort selbst die Werke aussuchen. Und hat immer entschieden und mutig gekauft. Was wäre die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf ohne die Klee-Bestände, die Beyeler ihr vermittelt hat. Was wäre die Schweizer Giacometti-Stiftung ohne die Sammlung des amerikanischen Sammlers David Thompson, die zunächst keiner wollte und die Beyeler dann auf eigenes Risiko angekauft hatte.

Einige der schönsten Giacometti-Figuren allerdings finden sich immer noch in Riehen, zwischen Monets „Seerosen“ und dem Blick nach draußen, in den Garten. Schmale Gestalten vor überwältigendem Grün. Die „Seerosen“, eins der Hauptwerke der Sammlung, markieren für Beyeler genau den Schritt vom Händler zum Sammler. Der Monet sei ganz lange ein Ladenhüter in seiner Galerie gewesen, erzählt Beyeler in einer Fernsehdokumentation, und irgendwann habe er sich entschlossen, das Bild zu behalten. Als kurz danach Hans Heinrich von Thyssen-Bornemisza erschienen sei, um das Bild als Hochzeitsgeschenk für seine fünfte Frau zu kaufen, habe er es nicht mehr hergeben wollen. Das Resultat: „Ich habe ihn nie wieder gesehen.“

Das ist typisch Beyeler, das Understatement, der Schalk, aber auch die Unbedingtheit, mit der er im Sinne der Kunst entschieden hat. Keine Kompromisse. Sie haben am Ende immer die Kunst vor den Gewinn gestellt, solche Händler, wie Beyeler einer war. Das spürt das Publikum in den Museen – und liebt sie dafür.

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