Kunsthalle auf Berlins Schlossplatz : "Es weht ein neuer Wind"

Im August wird über eine temporäre Kunsthalle auf dem Schlossplatz entschieden. Die Architekten von Graft über Berliner Vorteile und Widersprüche – und den Reiz von Diktaturen.

Im August wird über eine temporäre Kunsthalle auf dem Berliner Schlossplatz entschieden. Sie haben eine futuristische Wolke vorgeschlagen. Wie kamen Sie zu dieser Form?

KRÜCKEBERG: Die Wolke ist die Versinnbildlichung des Temporären: nicht lastend, nicht beschwerend, nicht verweilend. Sie ruht kurzfristig dort und zieht dann weiter.

PUTZ: Der Schlossplatz ist ideologisch aufgeladen, er ist das Zentrum der Grabenkämpfe nach der Wiedervereinigung. Wir haben lange überlegt, welches Haus man dahin stellen kann. Es heißt immer, nur das Schloss könne dort stehen. Aber dass es sich dreht, aus der Achse kippt, ist ein Trick des 19. Jahrhunderts: eine Art Prellbock. Heutzutage denkt man Gebäude viel komplexer, nicht mit vier Seiten, sondern mit 80 000 Perspektiven. Man kann dadurch die Stadtsituation viel weicher, viel vielfältiger darstellen.

Das heißt also, die Wolke ist speziell für diesen Ort entworfen, auch wenn sie danach weiterwandern soll?

PUTZ: Wir nehmen natürlich auf den Genius loci Bezug. Die Terrasse der Wolke kragt so aus, dass sie sich in einer Achse mit dem Denkmal Friedrichs des Großen befindet. Für den Schlossplatz ist sie trotzdem zu klein, auch wenn sie schon doppelt so groß wie der White Cube ist. Aber das ist eine Frage des Geldes.

KRÜCKEBERG: So ein Gebäude kann viel, auch woanders. Die Wolke könnte auch auf dem Tiananmen-Platz in Peking stehen – oder am Strand von Santa Monica. Die Form hat die Chance, viele Beziehungen einzugehen – wie ein Schmetterling, der eine Zeitlang verweilt und dann weiterfliegt. Es geht darum, kurze One-Summer-Stands mit verschiedenen Orten der Welt zu haben, die alle in irgendeiner Weise aufregend sind für Kunst.

Sie sitzen mit Ihrem Büro hier in der Heidestraße direkt hinter dem Hamburger Bahnhof – einer der Standorte, der für eine dauerhafte Kunsthalle im Gespräch ist. Könnte die Wolke nach ihrem Gastspiel auf dem Schlossplatz auch dauerhaft hier landen?

KRÜCKEBERG: Das ist eine Frage der Konstruktion, wie groß die Lebenserwartung einer Halle ist. Man muss sich entscheiden: entweder ein gut aussehendes Bierzelt oder etwas, das später auf Reisen gehen oder woanders landen kann. Natürlich wollen auch wir eine richtige Kunsthalle für Berlin, aber das wird noch Jahre dauern. Wir wollten einfach schnell etwas machen. Das hilft auch der Diskussion um die dauerhafte Kunsthalle.

PUTZ: Über die Kunsthalle wird überhaupt erst politisch diskutiert, seit es dieses Projekt gibt. Wir machen dieses Projekt auch, um die Leute darauf einzuloten, dass Berlin eine Kunsthalle braucht. Wir sagen immer: Wir gehen danach weg, aber hoffentlich wird die Idee der Kunsthalle in Berlin bleiben.

Nun kommt das Humboldt-Forum schneller als angenommen: Derzeit rechnet man mit einem Baubeginn 2010. Der Palast der Republik wird erst 2008/2009 abgerissen sein. Lohnt es überhaupt, für ein Jahr eine Kunsthalle auf den Schlossplatz zu bauen?

KRÜCKEBERG: Ich glaube, die Kunsthalle wird dort länger stehen als ein Jahr. Jetzt kommt erst einmal der Wettbewerb für das Schloss, im Frühjahr wird entschieden und dann verhandelt. Die Planung dauert mindestens anderthalb Jahre. Wir richten uns auf ein Jahr ein, aber es gibt viele Signale, dass der Schlossbau nicht so schnell zu schaffen ist.

Heute in vier Wochen ist Deadline für die Entwürfe. Sind Ihre Planungen soweit, dass Sie bei Zuschlag sofort beginnen können?

KRÜCKEBERG: Mit den Planungen sind wir fertig. Die Kosten belaufen sich im oberen einstelligen Bereich, aber es ginge auch billiger. Nur bringt es nichts, das Ganze aus Lkw-Planen zusammenzubauen. Wir wollen nicht die nächste Currywurstbude auf dem Schlossplatz, sondern aus dem Parkplatz- und Brachengefühl herauskommen und den Ort emotional auf das Kommende vorbereiten.

Wie sieht es mit der Finanzierung aus? Das Land Berlin will für die Kosten nicht aufkommen.

KRÜCKEBERG: In Deutschland gibt es für solche Größenordnungen keine Privatsponsoren. Aber es gibt verschiedene Finanzierungs-Modelle, auch mit internationaler Beteiligung. Wir sind optimistisch, auch wenn wir nur die Architekten, nicht die Bauherren sind.

PUTZ: Man kann auf dem Schlossplatz über Eintrittspreise, Merchandising, Café Geld einnehmen. McKinsey hatte den White Cube durchgerechnet und ist zu dem Schluss gekommen, dass das mit dem Grundkapitel von 900 000 Euro und den Einnahmen zu machen ist. Aber wir rechnen konservativ und wollen lieber das Projekt vorab finanziert haben, statt uns auf spätere Einnahmen zu stützen.

Wie steht es in Berlin um Architektur? Bedeuten Projekte wie die Wolke einen Wendepunkt? Immerhin gab es auch in der Bauverwaltung einen Generationswechsel.

KRÜCKEBERG: Man spürt schon neuen Wind. Allein die Diskussion über die Wolke hätte vor ein paar Jahren so nicht stattfinden können. Die neue Senatsbaudirektorin Regula Lüscher bekam unlängst bei einer Diskussion beim Bund Deutscher Architekten Beifall für Sachen, die seit 15 Jahren hier niemand mehr gesagt hat. Sie war selbst verblüfft. Die Stimmen des Pluralismus werden derzeit wieder lauter. Das sind die Stärken von Berlin.

PUTZ: Obwohl Berlin auch extrem provinziell ist. Es hat eine der unambitioniertesten Kreativszenen. Das macht natürlich viel Spaß. Aber das, was man an London oder New York bewundert, kommt auch daher, dass man dort ganz anders agiert. Wenn man in Berlin lebt, hat man schnell das Gefühl, dass wir das Zentrum der Welt sind. Dabei ist Berlin eine 3,5Millionen-Stadt in einer 6-MilliardenWelt. Es gibt hier kreative Sparten, die überhaupt nicht internationalisiert sind. Die Architektur zum Beispiel schläft einen Dornröschenschlaf. Das hat mit der Wiedervereinigung zu tun, dem Wunsch zu reparieren. In den USA denkt man stattdessen nach vorn. Draußen findet seit 15 Jahren ein Paradigmenwechsel statt. Man hat ihn hier nur nicht mitbekommen.

Worin besteht dieser Wandel?

PUTZ: Die formale Debatte, die durch die neuen Möglichkeiten des Computers vor zwanzig Jahren ausgelöst wurde, ist abgeschlossen. Das hat in den USA zu einer neuen Avantgarde geführt, in Europa gibt es nur Ableger davon. Ihre Vordenker kommen aus den USA – nicht nur, weil sie dort das Geld haben, sondern auch, weil die Gesellschaft vitaler ist, offener und neugieriger. Die haben uns einfach zehn Jahre voraus.

Also ist die deutsche Architektur nicht auf internationalem Stand?

KRÜCKEBERG: Man muss sich nur Holland anschauen, unseren kleinen Nachbarn, was da in den letzten 15 Jahren entstanden ist. Die Architektur bringt dem Land einen Tourismusboom. Der ImageGewinn lässt sich wahrscheinlich auch in Zahlen und Euro berechnen. Unser Land mit so viel mehr Ressourcen und Geld kriegt das nicht hin. Berlin hatte immer das Problem, dass es nicht beweglich ist. Wenn man kein Spielbein hat, kann man nicht spielen – und keine Tore schießen.

PUTZ: Das Problem bei beschleunigten Innovationen ist aber, dass man sofort in die Defensive geht, wenn man den Anschluss verloren hat, und alles schlecht findet. Die deutschen Architekten haben ein paar Jahre lang nicht aufgepasst und dann gemerkt: Ich verstehe die Sprache nicht mehr, in der die anderen reden. Das ist so, als ob man in der Mathematik in der siebten Klasse ausgefallen ist. Man hat keine Peilung mehr.

KRÜCKEBERG: Eine Gesellschaft, die vital und intelligent bleiben will, muss mitdenken. Das heißt ja nicht, dass alles so gebaut werden muss. Es wird nicht tausend Blobs geben, unsere Städte werden nicht aussehen wie Schaum.

Wo wären denn die Orte in Berlin für solche neuen Bauten?

PUTZ: Es ist ja leider in den letzten Jahren viel gebaut worden. Berlin ist eine schrumpfende Stadt, anders als Wien oder L.A. Es gibt nicht diesen Druck in der Stadt.

KRÜCKEBERG: Aber irgendwann wird er kommen. Dann hat Berlin unglaubliche Potenzialflächen. Hier in der Heidestraße sind wir um die Ecke von Hauptbahnhof und Kanzleramt. Die ganze Lehrter Platte wartet darauf, definiert zu werden.

Sie bauen fast überall, in Las Vegas, China und Georgien. Welche Gegend ist derzeit für Architekten die interessanteste?

PUTZ: China natürlich.

KRÜCKEBERG: Es werden dort die schlimmsten städtebaulichen Sünden verübt, weil alles so schnell gehen muss, aber gleichzeitig entstehen unglaubliche Bauwerke. Das Olympiastadion von Herzog & de Meuron, der CCTV-Tower von Rem Koolhaas in Peking, das sind unglaublich schöne Bauwerke. So etwas kann sich offenbar nur eine Gesellschaft leisten, die so strukturiert ist wie China. Vielleicht geht das in Demokratien nicht mehr.

PUTZ: Die innovativsten Bauten entstehen derzeit in Gesellschaften, die nicht demokratisch, sondern direkter organisiert sind, in denen eine Person entscheiden kann – sei es ein Bürgermeister oder König. Uns Architekten werden dabei die Augen feucht, weil das hier nicht möglich ist. Eigentlich möchte man auch in seiner Gesellschaft, die man für die richtige hält, also in den westlichen Demokratien solche Bauten sehen. Aber um innovativ bauen zu können, muss man sich derzeit offensichtlich dorthin bewegen. Also tun wir es auch.

Das Gespräch führten Nicola Kuhn und Christina Tilmann.

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