Kultur : Kunsthalle Emden: Lichter des Nordens

Nicola Kuhn

Wie sich die Bilder ähneln: Nachmittags im neuen Oldenburger Horst-Janssen-Museum. Eine aufgekratzte Gruppe, die sich unschwer als Arbeitskollegen auf Ausflug erkennen lässt, schiebt ins gläserne Foyer, erhascht gerade noch die Angebote von Museumsshop und Kuchentheke im daneben liegenden Café, um sich durch das Drehkreuz zu zwängen und schließlich die Ausstellungsräume zu entern. Keine Stunde später im gerade eröffneten Anbau der Emdener Kunsthalle, wo nur wenige Besucher die verlängerten Öffnungszeiten nutzen. Umso aufmerksamer lauschen die zu einem Museumsbesuch vereinten Straßennachbarn den Worten des Volontärs, der sie in die Geheimnisse des abstrakten Expressionismus einzuführen versucht.

Kunstvermittlung im äußersten Nordwesten der Republik, das ist Kärrnerarbeit, aber sie lohnt sich, wie die Macher versichern. Dabei brauchen sie ihre Besuchergruppen längst nicht mehr zu überzeugen: Man ist stolz in der Region auf seine beiden neuen Museen und nimmt nun mit dem Hochgefühl des Neubesitzers die darin ausgestellten Werke in Augenschein.

Innerhalb weniger Wochen wurden im hohen Norden gleich zwei millionenschwere Kunsthäuser ihrer Bestimmung übergeben. Jedes Mal reiste eigens der Kanzler aus der Kapitale an, um sie einzuweihen; schließlich hatte er sie als niedersächsischer Ministerpräsident mit aus der Taufe gehoben. Die Worte seines scheidenden Kulturstaatsministers von überkommenem Föderalismus mögen ihm auf dem langen Weg zurück in den Ohren geklungen haben. Doch dürften spätestens mit den ostfriesischen Küstenwinden die letzten Zweifel weggeblasen sein. Denn wer hier ein Museum eröffnet, der muss schon gute Gründe haben. So unterschiedlich Organisationsstruktur und gezeigte Kunst in beiden neuen Häusern auch sind, sie ähneln sich doch in ihrem Ansatz, denn beide mussten aus eigener Kraft einen Neubau stemmen, um eine zuvor großherzig geschenkte Sammlungen beherbergen zu können. Ein gewisser Trotz liegt also in diesen frisch bezogenen Ausstellungssälen in der Luft: Trotz Hauptstadtsog und leerer Staatskassen ist die Realisierung beider Museen gelungen.

In Emden erzählt man sich deshalb besonders gern die Geschichte, wie es dazu kam, dass der Münchner Sammler und Galerist Otto van de Loo seine 200 Werke des abstrakten Expressionismus den Ostfriesen überließ. Henri Nannen persönlich, der hier nach Abschluss seiner "Stern"-Laufbahn ein eigenes Museum für seine bemerkenswerte Kollektion aus "Brücke"-Künstlern, "Blauer Reiter", Neuer Sachlichkeit gegründet hatte, war 1995 mit einem "Bettelbrief" an den Münchner Galeristen herangetreten: "Wenn Sie uns gelegentlich mit einem Bild helfen könnten, um unsere Sammlung sinnvoll zu ergänzen, wäre ihnen unser Dank sicher," schrieb er damals vorsichtig.

Was Nannen nicht ahnen konnte: Gerade zu diesem Zeitpunkt hatte van de Loo eine Absage aus Nürnberg bekommen, wohin er seine Sammlung eigentlich geben wollte. Dieses Desinteresse erinnerte nur allzu schmerzlich an die kurz zuvor aus Berlin erfahrene Kränkung. 1992 hatte der Münchner Sammler der Neuen Nationalgalerie 55 Meisterwerke der Nachkriegsmoderne gestiftet, die vom damaligen Kultursenator Roloff-Momin bei einer Aufzählung jüngster Schenkungen einfach vergessen wurden. "Bei uns würden Sie besser behandelt", traf Nannen den Nerv. Und so kam man zueinander. Karel Appel, Asger Jorn, Constant, Pierre Alechinsky, Antonio Saura, Antoni Tàpies, K. R. H. Sonderborg, Wolf Vorstell, Emil Schumacher, Arnulf Rainer, Hans Platschek und Heimrad Prem, schlicht die Avantgarde abstrakter Malerei der Nachkriegsjahre, sollten in Emden Einzug halten; eine im zweistelligen Millionenbereich geschätzte Sammlung umgesiedelt werden.

Für die kleine Kunsthalle hatte das große Folgen. Vierzehn Jahre nach ihrer Gründung erhielt sie nun einen Anbau, der die Ausstellungsfläche auf einen Schlag auf 1700 Quadratmeter verdoppelt. Den Anbau durfte wieder das Hannoveraner Architektenpaar Ingeborg und Friedrich Spengelin besorgen, das damals schon auf ortstypisches rotes Klinkermauerwerk, strahlend blaue Fensterrahmen und Schrägdächer gesetzt hatte. Die äußere Form hat man beim rund 14 Millionen Mark teuren Ergänzungsbau beibehalten; dafür ist man im Inneren von der etwas deftigen Putzverschlämmung zu Gunsten klassisch glatter Museumswände abgerückt, um den neuesten Ansprüchen von Sicherheits- und Klimatechnik zu entsprechen.

Schade, mag mancher denken, denn gerade dieser Landhausstil machte den besonderen Charme der Kunsthalle aus. Doch auch im Altbau wird man nachrüsten müssen. Die Gemütlichkeit trügt ohnehin. Emden versteht sich lange schon als Vorreiter: Hier hat Eske Nannen, die seit dem Tod ihres Mannes vor vier Jahren die Geschäftsführung übernahm und treibende Kraft des Unternehmens ist, einen der ersten Museumsshops bundesweit eröffnet, der bis heute neben Spendern eine der wichtigsten Einkunftsquellen des Hauses darstellt.

Auf Eigeneinnahmen wird auch das Oldenburger Horst-Janssen-Museum in Zukunft angewiesen sein, das auf eine ähnlich mythische Gründungsgeschichte verweisen kann. Auch hierhin gelangte die Kunst, der erst ein eigenes Schatzhaus gebaut werden musste, auf Umwegen. Zwar ist Horst Janssen Sohn der Stadt, aber die längste Zeit seines Lebens verbrachte er in Hamburg, wo eigentlich auch die Sammlung des Ehepaares Carl und Carin Vogel beheimatet ist. Erst in den letzten Jahren vor seinem Tod 1995 näherten sich das niedersächsische Städtchen und sein enfant terrible einander an. 1992 erhielt der genialische Zeichner und Grafiker sogar die Ehrenbürgerwürde, die er "glücklich und dankbar" entgegennahm. So dürfte es ihm auch gefallen haben, dass die Stadt ausschließlich ihm ein Tausend-Quadratmeter-Museum einrichtete. Grundstock sind die 1800 zumeist frühen Arbeiten aus der Sammlung Vogel, die von der Stiftung des Oldenburger Fabrikanten Claus Hüppe für 1,5 Millionen Mark angekauft wurden.

Ähnlich wie in Emden ist auch der zwölf Millionen Mark teure Bau des Horst-Janssen-Museums von Pragmatismus geprägt. Eine Ausschreibung sparte man sich und überließ die Planung dem städtischen Bauamt, weil zeitig zur Expo eröffnet werden sollte, was am Ende dennoch nicht gelang. Trotzdem wurde ein erstaunlich pfiffiger Entwurf daraus, der sich sowohl gegenüber der tristen grauen Fassade eines gegenüberliegenden Kaufhauses behauptet als auch geschickt in ein Ensemble aus zwei 19.-Jahrhundert-Villen und einem Ausstellungskubus einfügt, die gemeinsam das städtische Museum bilden.

Wie ein großer weißer Wal ist der oval geschwungene Museumsbau an der vierspurigen Straße gelandet, doch im Inneren ist es mit der vermeintlichen Großzügigkeit schnell vorbei. Schon im Entree mit seinem zusammengepferchten Kassenschalter, Museumsshop und Café wird spürbar, wie knapp die von Land, Stadt, Sponsoren und Förderverein bereitgestellten Mittel waren. Das Gefühl von Enge verlässt den Museumsbesucher beim gesamten Rundgang nicht, denn auf Grund der benachbarten Traufhöhen mussten die Etagen niedrig gehalten werden. In die geschossweise durchgehenden Säle wurden sogleich Stellwände eingezogen, die eher an Sparkassenausstellungen als ein Museum erinnern.

Der Startschuss für das neue Haus gehört dem Namensgeber ganz allein: Die Wechselausstellung im ersten Stockwerk ist seinen "Metamorphosen" gewidmet, denn immer wieder porträtierte sich Janssen selbst auf der Schwelle zum Tierhaften. Künftig aber sollen hier auch Grafiker der Vergangenheit, wie Goya und Rembrandt, zu sehen sein. Die darüber liegenden beiden Ebenen bleiben jedoch dem Oldenburger Meister reserviert; sie würdigen sein Schaffen als Illustrator, Grafiker, Zeichner und Plakatkünstler. Zu den Attraktionen gehört seine Hamburger Werkstatt, wie er sie kurz vor seinem Tod verlassen hatte. Dazu kommen Fotografien aus Kindertagen und natürlich Porträts seiner vielen Frauen; Videos dokumentieren des Künstlers legendäre Auftritte bei seinen eigenen Vernissagen.

Für einen überraschenden Moment kommt sogar Henri Nannen ins Bld, auf den Janssen mit seiner unvergleichlichen versoffen-nuscheligen Art einzureden versucht. Worum es geht, wird nicht ganz klar. Nur so viel ist sicher: Hier hatten sich schon viel früher zwei Museumsgründer des Nordens getroffen.

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