Kultur : Kunsthalle Hamburg: Oh, heilige Hallen

Nicola Kuhn

Kaum ein Jahrhundert ist es her, da wollten die Futuristen "die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören". Die Museen seien Friedhöfe, tobte Marinetti in seinem berühmten Manifest von 1909, "absurde Schlachthöfe der Maler und Bildhauer, die sich gegenseitig mit Farben und Linien entlang der heiß begehrten Ausstellungswände abschlachten". Doch am Ende landeten auch sie da, wo noch jede gute Kunst hinstrebt: im Museum.

Die Futuristen hatten nur am radikalsten die Hassliebe der Künstler zum Museum formuliert. Nach ihnen hat jede Generation neu ihr Verhältnis zum offiziellen Weihetempel der Kunst geklärt: In den Sechzigern probten die einen den Auszug, indem sie ihre Werke in Ladenlokalen und Möbelhäusern zeigten; in den Siebzigern attackierten die anderen die Gralshüter wieder vor Ort, indem sie die nicht immer astreinen Besitzverhältnisse etwa eines Stilllebens von Manet enthüllten. Mit dem Museum bekämpften sie stellvertretend das gesellschaftliche System, mit dem sich die nachfolgende Generation offensichtlich besser arrangierte.

Seit diesem letzten aggressiven Aufbäumen scheint es still geworden zu sein in den heiligen Hallen. Ist die sprichwörtliche Museumsruhe tatsächlich wieder eingekehrt? Die Kuratoren der Hamburger Kunsthalle wollten es nicht recht glauben und luden knapp 50 internationale Künstler unter dem Ausstellungstitel "ein/räumen" ein, auf originärem Terrain das Thema Museum zu sondieren. Da mag zwar so mancher auf den belebenden Donnerschlag, zumindest ein Zündeln gehofft haben, doch derlei blieb aus. "Mit gerechtem Stolz dürfen Hamburgs Bürger auf diese der edlen Kunst gewidmeten Hallen und auf das, was sie enthalten, blicken!", hatte es zur Eröffnung des klassizistischen Museumsbaus 1869 gleich neben dem Hauptbahnhof geheißen. Den Satz könnten die Hamburger getrost noch heute unterschreiben, selbst nachdem das "Ein/räum"-Kommando seine Spuren in den Sammlungssälen hinterlassen hat - nur die Vorstellung von edler Kunst dürfte sich seitdem gewandelt haben.

Die schlechte Nachricht zuerst: Kein Künstler hat die Flex rausgeholt oder das Portal besudelt, keiner die Nebeneinkünfte des Direktors offen gelegt oder die Arbeitsbedingungen des Wachpersonals durchleuchtet. Für den Skandal also taugt das Experiment der Hamburger Kunsthalle nicht. Stattdessen schlüpft die Amerikanerin Andrea Fraser ins Business-Kostüm und gibt "Gallery Talks", die en passant die sozialen Hintergründe eines Museums enthüllen. Das Berliner Künstlerduo "p.t.t.red" wird vorübergehend zum Haushaltsexperten und addierte sämtliche Liegenschaften. Die nun an der Fassade prangende Gesamtsumme von 1,7 Milliarden Mark dürfte die öffentliche Debatte um Kulturbudgets durchaus bereichern. Die Berlinerin Maria Eichhorn wiederum schenkt dem erschöpften Museumsbesucher in ihrer Klimakammer eine aerosolgeschwängerte Frischluftzufuhr.

Und das ist zugleich die gute Nachricht: Keineswegs haben die Künstler den nach wie vor starren institutionellen Strukturen nachgegeben. Sie gehen nur andere Wege, um ihr Verhältnis zu klären - ein durchaus fruchtbarer Prozess, denn das Museum bietet ihnen noch immer das beste Forum. Nirgendwo sonst ließen sich ihre vielfach großen und auch großspurigen Installationen realisieren.

Schon länger ist im Ausstellungsgewerbe die Methode üblich, junge Künstler auf alte Meister zu hetzen, um den Museumsbetrieb aufzupeppen. In Hamburg hat sich nun jedoch ein ganzes Haus das Hemd aufgerissen und dem vermeintlichen Angriff die Brust dargeboten. Das ist in dieser Vehemenz neu und wäre wahrscheinlich an anderen Orten zum Spektakel verkommen. Nicht so in der Hansestadt, wo Seriosität über allem steht und seit Werner Hofmanns Zeiten die Kunsthalle nicht nur Hort "edler Kunst" ist, sondern auch als exklusive Stätte der Erkenntnissuche gilt. Mag der Anspruch der Kuratoren, am Beginn des neuen Jahrtausends das Museum neu zu verorten, auch ein wenig hoch gegriffen sein; hier wurde zumindest der Versuch dazu unternommen.

Neue Gewissheiten sind also nicht zu erwarten. Das signalisiert sogleich Carsten Höllers sich langsam drehendes "Karussell", das dem Besucher bildhaft "eine Versuchsanordnung für produktive Ratlosigkeit" anbieten will, wie es der Künstler formuliert. Diese mag ihn erneut befallen, wenn er etwa Peter Friedls Variation auf ein Gemälde des 19. Jahrhunderts begegnet. Den von Eugène Delacroix in realistischer Manier gemalten Kampf zwischen Tiger und Schlange re-inszenierte der Österreicher mit zeitgenössischen Mitteln, indem er die eher spielerische Begegnung zwischen einer leibhaftigen Raubkatze und einer Stoffschlange im Olympiasaal der Kunsthalle mit der Videokamera aufzeichnete.

Leicht macht es auch Achim Bitter dem Besucher nicht. Er konfrontiert Hans Makarts gigantisches Historiengemälde vom "Einzug Kaiser Karls V. in Antwerpen" mit einer entsprechend großen Konstruktion aus ausrangierten Möbeln, in deren Innerem der Besucher Filmausschnitte betrachten kann. Während diese beiden Künstler ihren Fokus aufs Innenleben des Museums richten, sich mit Fragen der Repräsentation beschäftigen, stellt Tobias Rehberger die Verbindung zur Außenwelt her. Im wörtlichen Sinne - denn seine 80 mundgeblasenen Deckenlampen lassen sich nicht innerhalb des Hauses einschalten, sondern nur im Büro eines gegenüber der Kunsthalle gelegenen Verwaltungsgebäudes. Ob den Ausstellungsbesuchern das Licht nun leuchtet oder nicht, steht nicht mehr in der Macht des Museumspersonals. Dabei kann es auch vorkommen, dass ein Scherzkeks auf der gegenüber liegenden Seite den Lichtschalter eine ganze Weile nonstop an- und ausschaltet. Für Kurator Frank Barth ein gutes Zeichen: Kontaktaufnahme gelungen!

Erstaunlicherweise scheint den jungen Künstlern daran weniger als je zuvor gelegen. Hatten die früheren Generationen den Auszug aus der Institution proklamiert, um nicht zuletzt dem Betrachter die Schwellenangst zu nehmen, und waren dann doch wieder reumütig zurückgekehrt, so drängt es den Nachwuchs heute gleich in die heiligen Hallen. In ihrer Pragmatik haben die Künstler der Neunziger das Museum als geeignetsten Präsentationsort ihrer Arbeiten, als Stätte ihrer wahren Wertschätzung erkannt. Vermutlich wären heute selbst die Futuristen milde gestimmt, denn zu ihrer Zeit waren lebende Künstler im Museum ein Sakrileg. Heute dagegen sind sie als Lebenselixier hoch willkommen. Und wenn sie wie Florian Slotawa mit Stoppuhr durch die Sammlung sprinten.

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