Kunsthandel : "Der Markt dreht durch"

Wenn auf Auktionen für einen Warhol 36 Millionen Euro gezahlt werden und für einen Raffael lediglich 23 Millionen, dann ist etwas aus dem Gleichgewicht geraten, meinen Experten - und sprechen von "Geschmacksdiktatur".

Susann Huster[ddp]

BambergWenn auf den Frühjahrs-Kunstauktionen für einen Warhol 36 Millionen Euro gezahlt werden und für einen Raffael lediglich 23 Millionen drin sind - dann ist etwas aus dem Gleichgewicht geraten. Das meinen zumindest Experten wie der Kunstkritiker Eduard Beaucamp aus Frankfurt am Main. "Der Markt dreht durch", sagt er angesichts der Dominanz zeitgenössischer Werke auf dem internationalen Kunstmarkt. Auch der Kölner Kunst-Versteigerer Markus Eisenbeis berichtet über "extreme Preise", die bei Sotheby's oder Christie's für moderne Kunst erzielt werden. Die Gründe für diesen Trend sind nach Ansicht der Fachleute vielschichtig. Diesem Problem will der Kongress "Neue Wege zur alten Kunst" auf den Grund gehen, der am Freitag und Samstag im bayerischen Bamberg stattfindet.

Etwa 100 Kunstexperten wollen dort über Tendenzen auf dem Kunstmarkt sowie über deren Ursachen diskutieren. Organisiert wurde der Kongress vom Deutschen Kunsthandelsverband in Berlin. "In Deutschland hat man derzeit den Eindruck, es gibt nur eine Tendenz auf dem Kunstmarkt", sagt der Verbandsvorsitzende Alexander Sandmeier. Einen großen Anteil an diesem Ungleichgewicht hätten die Medien, deren Berichterstattung über den Run auf moderne Kunst die Wahrnehmung weitgehend bestimme. Die Ursachen sind seiner Meinung nach aber auch schon in der Schule zu suchen, wo jungen Menschen die alte Kunst nicht nahe genug gebracht werde.

"Enorme Schwellenangst"

Ebenso müssten aber auch die Museen mehr Öffentlichkeitsarbeit leisten, moniert Beaucamp. Sandmeier spricht von einer "enormen Schwellenangst", die viele Menschen beim Betreten eines Geschäfts mit alter Kunst haben. "Sie denken, man sieht ihnen an, dass sie nichts von alter Kunst verstehen", sagt er. Dabei seien die Händler gern bereit, Auskunft über ihr Angebot zu geben.

Letztlich werden Markttrends von Käufern, aber auch von den PR-Strategien der Verkäufer bestimmt. Wer als Galerist in der Szene einflussreich ist und einen Künstler fördert, hat mit etwas Glück einen neuen Star unter Vertrag und kann daran kräftig mitverdienen. Oft werden Werke junger Künstler nach Ansicht Beaucamps von gewinnorientierten Händlern oder Händlerketten bewertet, die ihren künstlerischen Nachwuchs in vielen Fällen selbst züchteten. "Denen geht es nur ums Geld", betont er. Qualität sei zweitrangig.

"Es wird nichts anderes mehr zugelassen"

Offenbar aber gibt es in Deutschland eine wohlhabende Käuferschicht, die sich vom Trend zum Zeitgenössischen gern anstecken lässt und sich lieber das Werk eines Malers der Neuen Leipziger Schule als ein mehrere Jahrhunderte altes Gemälde in die Villa hängt - mit der Hoffnung auf raschen Wertzuwachs.

Hans Ottomeyer, Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums in Berlin, macht eine enge Verbindung zwischen Banken, Galeristen, Künstlern, Medien und Politikern aus. Diese gut organisierte Szene habe in Deutschland den bereits seit Ende der 70er Jahre anhaltenden Trend hin zu zeitgenössischer Kunst gesetzt. "Mittlerweile haben wir fast den Zustand der Ausschließlichkeit erreicht. Es wird nichts anderes mehr zugelassen", sagt er. Auch die öffentliche Förderung für Kunstankäufe der Museen beschränke sich fast nur auf zeitgenössische Avantgarde-Kunst. Der Louvre in Paris kaufe alte Kunst mit Unterstützung staatlicher Mittel an.

"Mit der Entwicklung der Zeit nicht mitgegangen"

Hierzulande gebe es eine "Geschmacksdiktatur", die dies unmöglich mache. "Deutschland ist aus dem europäischen Konzert ausgeschert. In unserer Abwendung von der Geschichte isolieren wir uns", warnt der Museumsdirektor.

Sehr deutlich wird Kunst-Szene-Kenner Eisenbeis, der auch bei den Händlern und den Messen in Deutschland Defizite sieht. "Viele deutsche Kunsthändler, die mit alter Kunst handeln, sind mit der Entwicklung der Zeit nicht mitgegangen", sagt er. So hätten es die deutschen Kunsthändler bisher nicht geschafft, eine eigene Verkaufsplattform im Internet anzubieten.

Experte glaubt an Normalisierung

Beaucamp führt einen ebenso simplen wie einleuchtenden Grund für die wachsende Rolle moderner Kunst auf dem Weltmarkt an: "Das Material an alter Kunst ist knapper geworden", erklärt er. Da die zeitgenössischen Künstler meist noch leben, könnten sie immer wieder neue Werke auf den Markt bringen.

Beaucamp glaubt ebenso wie andere Kunstexperten, dass sich die Entwicklung früher oder später normalisieren wird. Junge Künstler wie etwa die der Neuen Leipziger Schule um ihre Galionsfigur Neo Rauch sind derzeit weltweit erfolgreich. Manche von ihnen werden aber in einigen Jahren wieder von der Bildfläche verschwunden sein. Sandmeier weiß aus Erfahrung: "Die alte Kunst hat sich etabliert. Bei der neuen Kunst muss die Zeit entscheiden." (mit ddp)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben