Kultur : Kunsthandwerk: Schatz ohne Kammer

Nicholas Körber

Handwerk hat goldenen Boden, heißt es. Das müsste erst recht für das mit kostbaren Materialien hantierende Kunsthandwerk gelten. Aber dieses fristet allzu oft sein Dasein im Schatten der Gemäldegalerien. "In den USA ist das Interesse an angewandter Kunst viel stärker als hier", klagt Barbara Mundt, die nach über 13-jähriger Dienstzeit als Direktorin des Kunstgewerbemuseums am Berliner Kunstforum soeben in Pension ging. Eine Ausstellung im Eingangsbereich des am Kulturforum gelegenen Gebäudes würdigt derzeit die Arbeit der ausgewiesenen Spezialistin für das Kunsthandwerk vom Historismus bis zur Gegenwart. Bis Juni allerdings wird dann ihr Haus zusammen mit der Dependance in Schloss Köpenick nur kommissarisch geleitet, da die Nachfolgerin Angela Schönberger bis dahin noch das Internationale Design Zentrum Berlin leitet.

Der Wechsel in Berlin fällt zusammen mit allerhand Bewegung in der Museumslandschaft. Das Kölner Museum für angewandte Kunst, das von der Größe ungefähr mit dem Haus am Kulturforum vergleichbar ist, zählte im Jahr 2000 über 100 000 Besucher, doppelt so viele wie im Vorjahr. Und das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg verkaufte sogar 270 000 Tickets - wobei die Besucher dort ihr Geld nicht nur für Eintrittskarten und Andenken im Museumsshop ausgaben: "Wir haben ein riesiges Spendenaufkommen", jubelt Direktor Wilhelm Hornbostel. So konnte das Museum jüngst einen durch private Mittel finanzierten Neubau für 19 Millionen Mark eröffnen. Berlin hat an diesem Boom noch nicht teilhaben können. Nur 76 000 Besucher kamen während des vergangenen Jahres, fast 10 000 weniger als 1998.

Entsprechend unverhohlen wird auswärts Kritik an der Berliner Museumsleitung laut. Peter Nickl, Leiter der Galerie Handwerk in der Münchner Handwerkskammer, verweist auf Aktivitäten anderer Häuser. So knüpften das Frankfurter Museum für angewandte Kunst, das Leipziger Grassi-Museum und das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe mit Leistungsschauen zeitgenössischer Kunsthandwerker neue Kontakte zu Gegenwartskunst und Publikum: "Berlin müsste hier mit Ausstellungen präsenter sein."

Die so gescholtene Barbara Mundt erklärt Berlins missliche Lage mit beschränkten Mitteln für Öffentlichkeitsarbeit: "Wir können nicht werben, wenn wir keinen Etat haben und für eine ganze Ausstellung zwischen 7000 und 12 000 Mark zur Verfügung stehen!" Zudem sei die Personaldecke für Wettbewerbe oder Verkaufsmessen zu dünn. "Ich hatte als einzige Wissenschaftlerin die ganze Abteilung Gegenwart zu betreuen und war außerdem als Direktorin für beide Museumsgebäude und die Verwaltung verantwortlich. Wie sollten wir daneben noch besondere Initiativen realisieren?"

In Köln hat man zu diesem Zweck Sponsoren wie die KölnMesse, Ford und den WDR als Partner gewonnen, die in die Organisation von Ausstellungen aktiv eingebunden werden. Dieses Verfahren sichert nicht nur finanzielle Ressourcen, sondern sorgt auch für personelle und logistische Verstärkung. Andererseits beeinträchtigt es die Unabhängigkeit der Museen, denn die privaten Geldgeber können auch auf die Inhalte Einfluss nehmen. In Berlin werden ebenfalls Mäzene gesucht. So gründete Barbara Mundt gleich in ihrem ersten Jahr die Julius-Lessing-Gesellschaft, einen Verein der Freunde des Kunstgewerbemuseums. "Man muss den Freundeskreis ausbauen und weitere Partner in der Wirtschaft suchen", hat sich die kommende Direktorin Angela Schönberger vorgenommen. Sie verweist auf ihre Erfahrungen beim Internationalen Designzentrum, wo sie überhaupt keine öffentlichen Gelder in Anspruch nehmen konnte.

Außerdem will sie die Eingangssituation verbessern, damit die Besucher künftig leichter den Weg ins Gebäude am Kulturforum finden. In diesem Punkt urteilt selbst Peter Nickl nachsichtig: "Bei einer solchen Ausstellungssituation würde sich jeder schwer tun." Dennoch sollen in dem 1985 fertig gestellten Gebäude am Kulturforum und nicht im Schloss Köpenick künftig Wechselausstellungen stattfinden. Die Kuratoren werden sich auch weiterhin mit Rolf Gutbrods problematischer Architektur auseinander setzen müssen.

In deren Innerem verbirgt sich eine einzigartige Kollektion mit Exponaten vor allem aus der Zeit zwischen Mittelalter und Barock. Sowohl die Brandenburgisch-Preußische Kunstkammer wie auch der Reliquienschatz des Lüneburger Doms sind in die Sammlung eingegangen. Bereits im 19. Jahrhundert wurde bei Neuerwerbungen gezielt darauf geachtet, Lücken zu schließen, um alle kunstgeschichtlichen Epochen repräsentieren zu können. Somit entspricht das Konzept dem Charakter einer Lehrsammlung wie bei der Gemäldegalerie. Die älteste und laut Schönberger "bedeutendste kunsthandwerkliche Sammlung Deutschlands" hätte ein attraktiveres Haus verdient - und gewiss mehr öffentliche Aufmerksamkeit.

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