Kunsthaus Graz : Die Wunden der Evolution

Im Grazer Kunsthaus startet das Darwin-Kulturjahr und trifft auf den wahnsinnigen Finanzdschungel.

Peter von Becker

Ist das die Börsenhölle, die Intensivstation der Finanzkrise oder eine multimediale Geisterbahn? In einer riesigen dunklen Halle mit vielfach gebrochenen, gekrümmten Wänden flimmern raumhohe Projektionen mit grünlichen, am Rand auch rot aufzackenden Linien, Skalen, Zahlen, Fieberkurven. Und ein unaufhörliches englisches Gemurmel in diesem sonst ausblicklosen Weltraum, intensiv, fast dramatisch, doch zugleich sonderbar gedämpft, kaum mehr verständlich. Nur einzelne Worte wie "capital" stechen hervor, gehen wieder unter.

Aus solcher Geisterhöhle geht es auf einem diagonalen Fließband wie in einem Airport empor: und wieder eine graumetallische Halle ohne einen einzigen rechten Winkel. Ohne festen Halt. Und hier schauen uns schwarze Urviecher an. Stoisch. Oder turnen plötzlich über die Wände durch den Raum, in gleichfalls monumentalen wie grenzenlosen Projektionen oder auch ganz trennscharf zerlegt auf zweimal 16 Videoschirmen. Multiple Menschenaffen.

In China ist 2009 zwar das Jahr des Rinds. Aber für die UN-Umweltschutzorganisation ist es das "Jahr des Gorillas". Das Jahr des 1809 geborenen Charles Darwin und seines vor 150 Jahren erschienenen Epochalwerks "Über die Entstehung der Arten", in dem Spottdrosseln und Menschenaffen eine evolutionäre Rolle spielen, ist 2009 sowieso. Außerdem steht die kapitalistische Evolution auf der Krisenkippe, was uns Tag für Tag an den Darwin, einem studierten Theologen, bloß fälschlich zugeschriebenen Satz vom "Survival of the fittest" erinnert.

"gorillagorillagorilla"

Darwin-Jahr, Gorillas und die Welt der globalen Finanzströme geraten ausgerechnet hier, am Ufer der rauschenden Mur, auf höchst überraschende Weise zusammen. Die Mur fließt durch die steirische Landeshauptstadt Graz, und von deren wunderschöner Altstadt nur durch den Fluss getrennt, liegt seit fünf Jahren das futuristisch anmutende Kunsthaus Graz. Entworfen von den Londoner Architekten Peter Cook und Colin Fournier, gleicht es mal einer gläsern-metallischen Riesengurke, einem gestrandeten Walfisch oder einem amphibischen UFO. Dorthin passen sogar die Mysterien des Kapitalismus, in Richard Kriesches visueller Untersuchung "Capital + Code", und die Wunder der Gorillanatur fast mühelos übereinander.

Fangen wir in der Höhe und zugleich mit dem Einfacheren an. Im "Space01", dem Obergeschoss des Raumschiffs, ist als künstlerische Weltpremiere des Darwin-Jahrs Diana Thaters monumentale Video-Installation "gorillagorillagorilla" gelandet. Der aparte Titel bezeichnet übrigens zoologisch korrekt die Gattung mit ihren zwei Unterarten, die im Fall der von Thater im letzten Herbst in Kamerun porträtierten "Westlichen Flachlandgorillas" dreimal gleich lautet.

Die Gorilla-Schau ist eine Koproduktion mit dem Londoner Natural History Museum, das die Installation ab Juni übernimmt und jetzt schon Darwins Zeit in einer exquisiten Großausstellung präsentiert. Demnächst folgt die Frankfurter Schirn mit der kulturhistorischen Retrospektive "Darwin: Kunst und die Suche nach den Ursprüngen". Dagegen kann Kunsthaus-Direktor Peter Pakesch in Graz auf die zeitgenössische Neuschöpfung verweisen. Und auf den weiteren Zusammenhang: Das Kunsthaus nämlich gehört zum Grazer Landesmuseum "Joanneum", welches vor knapp 200 Jahren als eines der frühesten Universalmuseen der Welt gegründet wurde. Als Zusammenschau von Archäologie, allen Künsten und den (Natur-)Wissenschaften. Deshalb wirkt der in der Kunst-, Medien- und Wissenschaftsszene gleichermaßen versierte Ausstellungsmacher Peter Pakesch fast enthusiastisch, wenn er den Zirkus des Kapitals und ein Affentheater, diese scheinbar völlig heterogenen Installationen, als zwei Seiten der universellen Evolution zur gleichen Zeit reflektieren kann.

Die Natur wirkt stärker als die Kunst

Die zierliche, doch mit sanfter Stimme bemerkenswert durchsetzungsfähige 47-jährige Kalifornierin ist ein Star, ja eine Diva des im zeitgenössischen Ausstellungsbereich seit zwei Jahrzehnten dominanten, videogestützten Installationsbetriebs. Jetzt also hat sie eine Gruppe junger Flachlandgorillas in einem von internationalen Experten geführten Naturschutzgehege am Rande des Dschungels von Kamerun gut eine Woche lang mit diversen Kameras simultan gefilmt und aus 17 Stunden Material drei Stunden asynchron montiert. Ohne Ton, während Pfleger und Zoologen immer wieder längere Zeit frontal in die Kameras sprechen. Doch der Text soll allein im Kopf des Zuschauers entstehen. Das hat seinen eigenen Reiz - und bildet einen wie kalkuliert wirkenden Kontrast zum babylonischen Gemurmel der Kriesche-Ausstellung einen Stock tiefer.

Man könnte auch sagen: Der Mensch versteht die wilde (oder von ihm ausgebeutete) Natur vermutlich so wenig wie die Unnatur und Komplexität seiner (von ihm nicht mehr beherrschten) Kapitalkräfte. Ohnehin will Diana Thater, obwohl "privat entschiedene Umweltaktivistin", nach eigener Auskunft mit ihrem Videoprojekt "keine Botschaft" verbinden. So freilich sieht man in den künstlichen Tropen des aus wenigen Bullaugen grünlich-düster ausgeleuchteten "Space 01" im Grazer Kunsthaus vor allem: hockende, turnende, sich kraulende oder sich an ihre Pfleger und untereinander (sehr rührend) anklammernde Menschenaffen.

Dass diese jungen Gorillas alle "traumatisierte Waisenkinder" sind, deren Eltern von Wilderern vor ihren Augen geschlachtet wurden, sieht man nicht. Man muss es wissen. Man sieht nur immer den Zaun vor ihren Gesichtern, und bei den je 16 übereinandergestellten Videoschirmen bilden die dunklen Rahmen der Geräte im Gesamtbild nochmals ein Gitter: des einfangenden, des gefangenen Blicks. Das ist ein intelligenter Effekt. Aber die Natur wirkt hier stärker als alle Kunst, und man denkt sich, es wäre doch viel interessanter und schöner, diese Tiere, deren Sozialverhalten, wie Forscher sagen, oftmals das Wort "Kultur" verdient, selber und leibhaftig zu beobachten.

Die immer irrwitzigeren Finanzspekulationen kann indes niemand real und greifbar beobachten. Also ist das künstlerische Derivat des Derivats, die ästhetische Konkretion der unbegreiflichen Abstraktion das tatsächlich Schlagendere. Der Wiener Medienkünstler Richard Kriesche, der unter einem Glassturz auch den Chip mit dem eigenen genetischen Code wie eine ironisch magische Hostie der Moderne präsentiert, hat in seiner anfangs geschilderten Projektion "Capital + Code" die Kunst mit der Echtzeit verbunden: Alle drei Stunden verändern sich hier die Zahlen und Kurven, die in Kriesches Computer aus den Treffern generiert werden, welche die Begriffe Art, Capital, Dow Jones, Society im englischsprachigen Google-Programm erfahren. So wird die Suche nach der verlorenen Welt zum wiedergefundenen Bild.

Kunsthaus Graz: "Capital + Code" bis 22. Februar, "gorillagorillagorilla" bis 17. Mai, Kataloge 19, 90 und 29, 90 €.

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