Kultur : Kunstkrimi

Bestandskataloge der Berliner Museen aufgetaucht

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Eigentlich hatte sie etwas anderes gesucht, bekennt Ivonne Burghardt. Die Mitarbeiterin im sächsischen Landesamt für Archäologie sichtete die Katalogbestände für einen Überblick zur Archäologiegeschichte, als ihr zwei Bände mit der Laufzeit „1835–1880“ auffielen. Doch die sächsische Sammlung wurde erst 1874 gegründet und zunächst als „Prähistorische Abteilung“ beim Kgl. Mineralogischen und Geologischen Museum inventarisiert. Die Bände konnten sich also kaum auf Dresdner Bestände beziehen.

Im Neuen Museum Berlin ist am Mittwochabend das Ende dieses Forschungskrimis zu erleben. Ivonne Burghardt und ihre Kollegen fanden heraus, dass es sich bei den beiden Bänden sowie einem dritten, der mit „Eingangsjournal II. Prähistorische Abteilung 1880–1891“ beschriftet ist, um Inventarbücher des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte handelt. Die Bände waren im Flakbunker am Zoo eingelagert und von dort 1945 nach Moskau abtransportiert worden. Bei der Rückgabe 1958 gelangten sie versehentlich nach Dresden, wo sie über 50 Jahre unentdeckt schlummerten. Die Namen Heinrich Schliemann und Rudolf Virchow im Eingangsjournal brachten Burghardt schließlich auf die Spur.

Für Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, ist es ein großer Moment: „Ich halte die Anfänge unseres Museums in den Händen“, frohlockt er. Über vierzig Jahre, ab 1834, hatte Gründungsdirektor Leopold von Ledebur die Bestände eigenhändig inventarisiert, zunächst mit Zeichnungen und langen Beschreibungen, dann immer stichwortartiger. Sechs Bände umfasst sein „Inventarium Vaterländischer Altertümer“, das seit dem Krieg verschollen war. Zwei davon, die Bände IV und VI, sind nun zurückgekehrt.

Das Museum für Vor- und Frühgeschichte ist immer noch stark durch die Kriegsfolgen beeinträchtigt: Über 1500 Objekte, darunter das berühmte Schliemann-Gold, lagern noch immer in russischen Museen. Dort hatte man auch die Inventarbände vermutet. Dass sie nun in einem deutschen Archiv auftauchten, lässt die Berliner Museumsleute neu hoffen. Inventare sind das wichtigste Arbeitsmaterial der Wissenschaft, geben sie doch Aufschluss über Fund- und Herkunftszusammenhänge. „Wenn die Bücher wirklich verloren sind, dann hat die Wissenschaft verloren“, hatte der Dresdner Museumsleiter Georg Bierbaum beim Abtransport 1945 durch die Russen gewarnt. Mit dem Dresdner Fund hat die Berliner Vor- und Frühgeschichte Unschätzbares wiedergewonnen. Christina Tilmann

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