Kunstliteratur : Diskurs zum Dessert

Bücher von Isabell Graw und anderen beleuchten die Mythen und Mechanismen der Kunst.

IKONEN DER FOTOGRAFIE



Kein anderer Zweig der bildenden Kunst hat in den letzten Jahrzehnten einen derart kometenhaften Aufstieg in der öffentlichen Aufmerksamkeit und auf dem Kunstmarkt erlebt wie die Fotografie. Eine zentrale Figur dieser Entwicklung ist der Galerist Rudolf Kicken, der einen aufwendigen Fotobildband in englischer Sprache herausgegeben hat. „Points of View. Masterpieces of Photography and Their Stories“ (Steidl Verlag, 320 S., 45 €) vereint in vorzüglichen Drucken 114 herausragende Ansichten. Zwischen dem ältesten und dem jüngsten Meister finden sich nahezu alle klingenden Namen dieser Aufstiegsgeschichte mit einer, zwei, selten drei Arbeiten. Der Aufbau folgt keinem chronologischen oder anderen Ordnungsprinzip, sondern der spürbaren Freude, mal einen Kertész, dann einen Renger-Patzsch, einen Steinert und schließlich einen Rodchenko in Händen zu halten. Sammler sind keine Kunstwissenschaftler, sondern Liebhaber, die ihrem Geschmack und ihren Vorlieben huldigen und dabei auf die Preise schielen. Erklärung wird dann aber doch durch die einleitenden Aufsätze gegeben. Janos Frecot beschreibt die Wiederentdeckung der Fotografie im Nachkriegsdeutschland bis zu ihrer ersten Präsentation 1972 auf der documenta. Richard Pare geht bis in die zwanziger und dreißiger Jahre in Amerika zurück, und Wilfried Wiegand erinnert sich an die „einzigartige Atmosphäre der Entdeckung eines neuen Horizonts“. Jede Fotografie wird von einem Experten kommentiert. Daneben findet man biographische Angaben über den Künstler, den Autor und eine Kurzcharakteristik der Sammlung, der das begehrte Objekt derzeit gehört. hjr


KUNSTMARKT-BILANZ

Da war doch was? Ja, der Einbruch des Kunstmarktes in den vergangenen Wochen. Er kommt nicht vor im „Kunstjahr 2008“, das die Herausgeber der kostenlosen „Kunstzeitung“, Gabriele Lindinger und Karlheinz Schmidt, nun zum achten Mal veröffentlichen: Bei Redaktionsschluss im Oktober waren die Folgen der Finanzkrise auf die Londoner Frieze Art Fair und die Auktionen von Christie’s oder Sotheby’s noch gar nicht abzusehen. Ereignisreich war das Kunstjahr trotzdem, das beweist der erste Blick in die aufwendig gemachte Chronik (320 S., 50 €, im Buchhandel oder unter www.lindinger-schmid.de). Hier lässt man die jüngsten Auktionsrekorde noch einmal Revue passieren, zeigt die neuen Domizile der privaten Sammler und macht sich Gedanken über inhaltliche Tendenzen der Kunst. Üppige Bildstrecken u. a. von Olafur Eliasson laden zum Blättern ein. Dann wieder rekapitulieren „Kunstzeitung“-Autoren, wo in Deutschland neue Museums- oder Messeleiter angetreten sind und vergessen auch nicht zu erzählen, ob und wie ihre Vorgänger vom Thron gefallen sind. Mit Bewertungen halten sich auch die Gastautoren, darunter Volker Albus, Wulf Herzogenrath oder Klaus Honnef, nicht zurück und liefern statt reiner Bilanzen häufig kritische Anmerkungen. Manches wie die „Ärgernisse 2008“ geraten allerdings selbst zum Ärgernis: Marginalien von 30 Zeilen brauchen keine ganze Seite. Selbst wenn sie mit allerlei gestalterischen Finessen aufgebrezelt sind. Sonst aber ist diese Chronik so nützlich wie ein kleines Archiv, das man auch 2009 häufiger anschauen wird, weil viele der gerade zurückliegenden Ereignisse noch bis in das nächste Jahr wirken werden. cmx

WARENKUNDE

Die Welt der Kunst, marktreflexiv betrachtet. Schon das Vorhaben ist ein intellektueller Hochseilakt und verspricht einen Schlagabtausch der Superklasse. Ein so weites Feld verlangt Mut. Der Titel an sich ist Spitze. Die bekannte Autorin und Herausgeberin von „Texte zur Kunst“, Isabell Graw, hat ihr Buch „Der große Preis. Kunst zwischen Markt und Celebrity Kultur“ (Dumont, 256 S. 19,90 €) nun für alle Kunst-Diskurs-Freunde als opus magnum auf den Tisch gelegt. Da wird das aktuelle Geschehen von Kunst und Markt in seinen Antagonismen beschrieben, wird nahezu jede sichtbare wie unsichtbare Affektionsproblematik aufgegriffen und fast jede Absurdität beleuchtet. Es geht einmal rund um die „Verfasstheit der Ware Kunst“. Sachkundig fegt die Autorin durch ihren Stoff, kehrt in den tiefsten Ecken der Vermarktung, Verwertung, Vermittlung und berührt auch Moralitäten wie das Vertrauen. Das ist alles klug und richtig. Und es stimmt, was sie am Ende konstatiert, dass nächstens der Kult ums Wissen zur Mode wird: Weil die Körper getrimmt und die Haare gestylt sind und die Sofas die angesagte Sitztiefe haben, sorgt ein Zitat von Adorno oder ein bisschen Luhmann beim Lunch für Distinktionsgewinn. Damit wird der Geist das letzte zu optimierende Gebiet. Nur sind wir alle anders gestrickt, daher wäre Verständlichkeit beim Austausch ein schöner gemeinsamer Nenner. So liegt es nicht an der gedanklichen Durchdringung, dafür hat Graw einen großen Preis verdient, sondern an ihrer kunstvoll verkrusteten Sprache: dass einem nach der Lektüre wie nach einem K.o. ist. th

GALERISTINNEN

Sicher hat dieses Buch einigen Ärger verursacht. Denn die Autorin Claudia Herstatt sammelt unter dem Titel „Frauen, die handeln. Galeristinnen im 20. und 21. Jahrhundert“ (Hatje Cantz, 208 S., 29,80 €) insgesamt 30 Porträts – obwohl es inzwischen zahllose erfolgreiche Kunsthändlerinnen gibt, deren Biografien ebenfalls zwischen die beiden Buchdeckel gehörten. Bei der Lektüre merkt man allerdings, dass die Autorin ihre Wahl so klug wie umsichtig getroffen hat. Jedes Porträt ist exemplarisch. Von den Galeristinnen der ersten Stunde, Annely Juda oder Ileana Sonnabend, über die mittlere Generation einer Monika Sprüth bis zu jungen Pionierinnen wie Elena Selina, die 1993 mit Zeitgenossen in Moskau startete, wo gar kein Markt für aktuelle Kunst war: Sie alle stehen für klare Positionen und kompromisslose Programme. Darüber hinaus gleicht kein Lebenslauf dem anderen: Während etwa Ilona Anhava mitten in der Rezession 1991 aus einer Anwaltskanzlei in eigene Galerieräume wechselte, hat sich Suzy Shamman 2004 nach einigen Jahren in der Krebsforschung für den unwägbaren Beruf einer Galeristin entschieden. Solche (Um-) Wege zur Kunst sind spannend erzählt, machen klar, dass es keine idealtypische Ausbildung gibt – und werden von Claudia Herstatt, die sich seit langem mit dem Thema Kunstmarkt beschäftigt, kenntnisreich ergänzt. cmx

KÜNSTLERMYTHEN

Mit diesem Buch über Künstlerstars und den Kult rund um aktuelle Kunst meldet sich die Berliner Kunstwissenschaftlerin Anne Marie Freybourg nach Jahren als Kuratorin zurück. Eine konzise, wortmächtige Autorin war sie ja schon. Jetzt, in ihrer Aufgabe als resolute Herausgeberin von „Die Inszenierung des Künstlers“ (Jovis, 112 S., 18 €) hielt sie von Anfang bis Schluss den roten Faden dieser 100 Seiten fest in den Händen. Es bietet 15 höchst unterhaltsame Essays von sehr verschiedenen Autoren, die allesamt eine gleich präzise formulierende und anschaulich schildernde sprachliche Qualität verbindet. Interessante Unterschiede liegen freilich im persönlichen Zugang der Autoren. Wenn Raimar Stange über Monica Bonvicini und Gerrit Gohlke über Jonathan Meese schreibt, variieren beide schon in der Nähe-Distanz- Relation. Aber genau diese Differenzen sind das Salz in der Suppe. Denn was auch immer beim faktischen Umkreisen der künstlerischen Ansätze passiert, beim Durchleuchten des persönlichen Rollenmodells und der Beschreibung des Verhältnisses von Inszenierung und Identität: Es wird nie bestritten, dass es auch beim Spiel mit den Masken oft um das eine geht, das überall beschworen wird, aber von niemandem allzeit zu liefern ist: kreative Energie. Das ist eine Sache gesegneter Momente. th

KUNSTGESCHICHTE

Unklar bleibt, für wen Eleanor Heartney über „Kunst & Gegenwart“ (Phaidon, 448 S., 75 €) schreibt. Die These der Autorin, die u. a. als Redakteurin für „Art in America“ arbeitet, ist steil, die Texte sind klug und flüssig geschrieben: Heartney verabschiedet sich von der Kunstgeschichte als lineare Erzählung. An ihre Stelle setzt sie zeitlose Vernetzung, die postmodern alles kreuzt und quert, um aktuelle Kunst verständlich zu machen. Bestimmte Phänomene, so Heartneys Erkenntnis, tauchten immer wieder auf. So rückt sie eine zeitgenössische Künstlerin wie Sarah Lucas in die Nähe von Marcel Duchamp, weil beider Strategie der Kurzschluss zwischen Kunst und Alltag ist. Verblüffende Einsichten sind das Ergebnis dieser Methode, die durchweg verständlich auch Theoretisches erläutert. Oft aber negiert die Zuordnung der Künstler unter einen Aspekt die Komplexität ihrer Arbeiten – was Leser mit Kenntnissen unzufrieden macht. Einen Einstieg bietet das Buch aber auch nicht. Dafür setzt Heartney zu viel Wissen über die Künstler voraus. Lesenswert ist es dennoch, auch wenn die Frage nach dem Adressaten ohne Antwort bleibt. cmx

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