Kunstmarkt : Prestigeauktionen in London: Zurück zu den Vätern

Die Zeit der Moden ist vorbei: Londons Auktionen setzen auf Picasso & Co.

Matthias Thibaut

Besser einen Picasso an der Wand als Geld auf dem Sparbuch, lautete das Motto in London, wo in den Prestigeauktionen Kunst in dieser Woche Kunst für über 100 Millionen Pfund verkauft wurde. Das war zwar deutlich weniger als im Vorjahr, wo allein ein Seerosengemälde von Monet 41 Millionen Pfund kostete. Aber doch genug, um zu demonstrieren, dass der Kunstmarkt vital ist.

Das Los der Woche bei den Londoner Prestigeauktionen war eines der lang verpönten Spätwerke von Picasso. Ein Matador oder Musketier auf rotem Grund aus der umstrittenen Ausstellung der späten Picassos 1970 im Papstpalast in Avignon und schon damals wegen seiner Attraktivität für das Ausstellungsplakat gewählt. Der in London ansässige libanesische Finanzier Samir Traboulsi sicherte sich das Gemälde bei Sotheby’s in einem kurzen Bietgefecht aus der ersten Reihe. Zweimaliges Kopfnicken genügte gegen ein einzelnes Telefongebot: Mit sieben Millionen Pfund lag der Preis am unteren Rand der Erwartungen. Christie’s hatte seinen Matador am Vortag für 5,7 Millionen Pfund an den Händler Ezra Nahmad verkauft, der das Bild wohl einlagern wird. Er glaubt, dass die Preise bei diesen Picassos in die Höhe schnellen, sobald der Markt wieder Tritt fasst. Verglichen mit dem, was man in den letzten Jahren im Kunstmarkt erlebt hat, sind diese Preise ja auch nur ein Klacks.

Wie erfolgreich war die Auktionswoche? „Wir verkaufen voller Zuversicht zu hohen Preisen. Wir wissen, wo der Markt steht, und unsere Schätzungen waren goldrichtig“, meinte Sotheby’s Contemporary Chefin Cheyenne Westphal nach der Abendauktion mit zeitgenössischer Kunst. Die Ergebnisse waren auch beeindruckend: Nach Wert wurden 97 Prozent verkauft – ein Traumresultat. Von 40 Losen fanden nur drei keine Käufer. Am Abend zuvor bei den Modernen war das Ergebnis fast genauso gut: 91 Prozent verkauft. Darunter, bei einer Gesamteinnahme von 33 Millionen Pfund, alle wichtigen Lose.

Auch der Londoner Händler Simon Theobald fand es eine „ausgezeichnete Auktion“. Er war der Käufer des Mobiles „A Cinq Morceaux de Bois“ von Alexander Calder. Ein rares, frühes Werk von 1934, das auf 1,2 bis 1,8 Millionen Pfund geschätzt war und 2,6 kostete – das waren in Dollar schon wieder eine Million mehr als eine Parallelarbeit, die im Mai in New York versteigert wurde. Theobald hatte Dienstagabend bei Christie’s bereits für ein kubistisches Stillleben von Henri Laurens 421 250 Pfund bezahlt, weit über Schätzung. Theobalds Kunde ist der Beweis für Westphals These, dass die Sammler „zu klassischem Material und Qualitätswerken zurückkehren“.

Aber das heißt eben auch, dass anderes in diesem „neu kalibrierten Markt“ nun nicht mehr zum Zug kommt. Deshalb sind die Auktionskataloge weiterhin dünn. Gegenüber dem letzten Jahr gingen die Umsätze um 70 Prozent zurück, bei Christie’s hat gerade die zweite Entlassungsrunde begonnen. „Sicher ist, dass es viel zu viele Kunsthändler und Kunstberater gibt“, meinte Heinrich zu Hohenlohe, Berliner Vertreter der Kunst-Broker Firma Dickinson & Co angesichts des schrumpfenden Markts.

„Die Nachfrage ist stabil, es fehlt der Nachschub“, erklärte Christie’s Chef Ed Dolman und dachte an die vielen schönen, wertvollen Bilder, die an den Wänden der Sammler bleiben, die ohne Preisgarantien nicht verkaufen wollen. Aber es gibt auch Kunst, die nicht mehr so wertvoll ist und die man jetzt lieber nicht versteigern will. Spekulationsware von Trendkünstlern, die in den letzten Jahren viel zu teuer wurden, die Leipziger Wunderkinder, die Massenware aus den Kunstfabriken. Deshalb kamen 90 Prozent von Sotheby’s Contemporary Auktion aus alten Sammlungen und waren noch nie auf dem Auktionsmarkt.

Ein Test waren die drei Warhol-Werke der Stuttgarter Sammlung Fröhling bei Sotheby’s. Selbstbewusst geschätzte Arbeiten wie das „Tunafish Desaster“, das Fröhlich 1995 für 270 000 Pfund in London ersteigerte und das nun 3,7 Mio. Pfund wert war. Alle drei wurden jedoch unter Schätzung zugeschlagen. Muss Warhol also im Preis weiter sinken? „Wir verkaufen selbstbewusst zu hohen Preisen und gehen in die richtige Richtung, wenn die richtigen Werke kommen“, antwortet Westphal etwas kryptisch.

Eine Arbeit von Damien Hirst wurde für 657 250 Pfund verkauft. Ein Erfolg, der helfen wird, Hirsts Marktwert zu stabilisieren. Aber der Zuschlag erfolgte auch hier unter Schätzung, solche Formate kosteten 2008 weit mehr. So heißt es Abwarten und auf Nummer sicher gehen. Am aufschlussreichsten war eine Gruppe von Giacometti-Skulpturen in Sotheby’s Moderneauktion, die aus derselben alten europäischen Sammlung kam wie der teure Calder: Eine 1955 gegossene „Buste de Diego“ für 3,4 Millionen und eine bemalte Gipsbüste für 2,7 Millionen Pfund. Beide verdoppelten ihre Schätzung. Zurück zu den Vätern, heißt die Devise.

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