Kunstmesse : Im Land der Würstchen

Mit der Korean International Art Fair hat sich in Seoul eine Kunstmesse etabliert, die auch für deutsche Galerien spannend ist.

Christiane Meixner

Auf dem Weg zur KIAF kommt man an „O’Kim’s Bräuhaus“ vorbei, einem Lokal im World Trade Center von Seoul, das wild zur Fusion entschlossen ist. Bayerisches Weißbier und japanisches Sushi stehen im Schaufenster beieinander, rechts davon türmt sich ein Barbecue mit mächtigen Fleischstücken neben einem Teller voll gegrillter Sausages.

Dicke Würste schieben sich auch von der anderen Seite in den Gang des Finanzzentrums, doch sie sind aufblasbar und stammen aus dem Atelier von Erik Steinbrecher. Der junge Schweizer Künstler nimmt an der kuratierten Schau „What You Get is what You Want“ teil und ist damit Gast der KIAF, der Korea International Art Fair. Neben 18 renommierten Galerien aus Basel und Zürich war auch ein kundiges Podium eingeladen, um über die Schweiz zu sprechen: Von einem Land, in dem der Handel mit Kunst seit langem blüht, lässt sich schließlich einiges lernen. Das gilt selbst für die professionellen Organisatoren der jungen Kunstmesse in Südkorea, die von der Dynamik im asiatischen Raum selbst schon wieder eingeholt zu werden droht.

Seit 2003 gibt es die KIAF, die zunehmend attraktiv auch für den europäischen Markt geworden ist. Erst im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der teilnehmenden Galerien auf über 220 fast verdoppelt, zu den anfangs überwiegend koreanischen Galerien sind Händler aus Japan, Frankreich, China, Spanien und Deutschland gekommen. Von dieser Vielfalt war die KIAF auch dieses Mal geprägt, bloß hat man sie vom Frühjahr in den Herbst verschoben: dicht an die Shanghai Contemporary, die eine Woche zuvor stattfand und schon mit ihrer zweiten Ausgabe zur echten Konkurrenz im asiatischen Raum avanciert ist. Das belegt allein ein Blick auf die Ausstellerliste: Galeristen wie Karsten Greve aus Köln, Christian Nagel aus Berlin oder das Düsseldorfer Schwergewicht Hans Mayer haben sich zur Teilnahme in Schanghai entschieden. Obwohl der chinesische Zensor wachsam ist und die Mehrwertsteuer dort happige 34 Prozent beträgt.

Die Geschäfte in Schanghai liefen schleppender als im vergangenen Jahr, doch auch in Seoul reagierten die Käufer verhalten. „Auf der letzten KIAF haben wir gute Geschäfte gemacht, diesmal fällt das Fazit wohl durchwachsener aus“, meint Peter Femfert von „Die Galerie“ in Frankfurt/Main, der auf der Art Chicago ebenso präsent ist wie auf der World Fine Art Fair 2008 in Moskau und neben Lithografien von Chagall ein Gemälde des Künstlers mitgebracht hat. Peter Winter ist aus Wiesbaden unter anderem mit Blättern von Baselitz und Kippenberger angereist und hat drei strenge, abstrakte Skulpturen von Marta Pahn im Gepäck, Preisträgerin des „Praemium Imperiale“. Eines ihrer schweren Marmorobjekte ist am zweiten Tag reserviert. Der Berliner Galerist Michael Schultz kann schließlich auch auf seine Bestände vor Ort zurückgreifen: Er hat längst eine Dependance in Seoul eröffnet und zeigt parallel zur KIAF im nahen Galeriehaus A. R. Penck und andere deutsche Künstler.

Berlin ist auf der südkoreanischen Messe überproportional gut vertreten. Galeristen wie Werner Tammen, Marcus Deschler oder Johann Nowak ( DNA Galerie) wissen inzwischen, dass in Seoul anders gekauft wird als auf der Augustraße: „Die koreanischen Sammler kommen mehrmals, um zu schauen und entscheiden sich häufig erst am letzten Tag der Messe. Manche treten gar nicht in Erscheinung, sondern schicken einen koreanischen Galeristen, dem sie vertrauen und der mit uns bis zuletzt verhandelt“, meint Tammen. Das war auch diesmal der Fall: Manche Verkäufe wurden erst nach der KIAF im Hotelzimmer getätigt.

Tammen selbst nimmt zum dritten Mal an der KIAF teil – im Rahmen eines Förderprogramms, das vom Landesverband der Berliner Galerie (LVBG) organisiert und mit dem Messeförderprogramm des Landes Berlin wie auch von der Europäischen Union unterstützt wird. Sieben Galeristen hat eine Jury diesmal ausgewählt, darunter auch Leo.Coppi, Caprice Horn, Zone B und die Galerie Berlin. Es war die letzte Chance auf eine finanzielle Förderung. Im nächsten Jahr müssen sie alle in Seoul auf eigenen Füßen stehen.

Nun hat aber der Won, die korenaische Währung, im Vergleich zu 2007 nahezu ein Drittel seiner Kaufkraft gegenüber dem Euro verloren, und auch die Turbulenzen an den internationalen Börsen machten sich auf der KIAF bemerkbar. Am Eröffnungsabend jedenfalls blieb es in den Kojen ruhig, vom Aufruhr der Sammler wie auf der Art Basel oder der Arco in Madrid war wenig zu spüren. Das große Doppelporträt „King Peng“ von Xenia Hausner (38 000 Euro, Galerie Deschler) wurde mindestens so häufig fotografiert wie die farbig gefasste Aluminiumwand von Antje Dorn (Galerie Zone B), bloß nach dem Preis erkundigten sich wenige. Auf mehr Interesse stießen die expressiven Ölgemälde von Christopher Lehmpfuhl (20 000-30 000 Euro, Galerie Berlin) – so pastos und gegenständlich, wie es die koreanischen Käufer von deutscher Kunst offenbar erwarten. Galeristen wie Benden und Klimczak aus Köln setzten auf klingende Namen und brachten Pop-Art von Roy Lichtenstein oder Andy Warhol mit. Wieder andere entschieden sich für Affirmatives: So stieß man im Kunst-Raum Schultze-Goltz und Noelte (Essen) auf einen Paravent von Jörn Grothkopp mit den Konterfeis großer Koi-Karpfen. Die japanische Galerie Kenji Taki wiederum offeriert Papierarbeiten von Wolfgang Laib (12 000- 15 000 Dollar) und ein Reishaus (180 000 Dollar), in dem das Wesen asiatischer Ästhetik wie in einem roten Schrein aufbewahrt scheint.

Welche Strategie für Asiens Kunstmarkt ideal ist, fällt schwer zu entscheiden. Zumal auch das Angebot der koreanischen Galerien thematisch wie formal völlig auseinanderfällt und einen teils fasziniert, dann wieder ratlos zurücklässt. So zitiert Myoung-Sun Shin auf einem großen Ölgemälde in der Galerie Ihn die Nackten von Mel Ramos – ein Kitsch, der bloß noch von den aktuellen Polyesterskulpturen des US-Künstlers selbst überboten wird, die unter anderem von der Hamburger Galerie Levy angeboten wurden. Und während die Seouler Galerie Mee mit Yi-Chul Shin oder Heung-woo Shin zwei spannende Künstler präsentiert, die westliche Einflüsse spielerisch aufnehmen und originell interpretieren; während sich die international operierende Galerie Gana Art zum 25. Geburtstag eine fast leere Koje mit einer zusammengeschraubten Plattform von Kyu Chul gönnt, von der aus man einen Blick über die Messe hat und die Wellside Galerie eine großartige Einzelschau mit Minimalmalerei von Seo-Bo Park inszeniert, kommt einem die wie geröstet glänzende Odaliske von Jung-Wha Cho (Galerie Insa) wie die Fortsetzung des gastronomischen Konzepts von „O’Kim’s Bräuhaus“ vor: schlimmstes Beispiel einer eklektischen Ost-West-Fusion, die keine Erkenntnisse, sondern als unverdauliche Mischung nur Bauchschmerzen bringt.

www.kiaf.org

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