• Kunstmesse in Moskau: Der Anfang vom Anfang - Auftrieb für den osteuropäischen Handel

Kultur : Kunstmesse in Moskau: Der Anfang vom Anfang - Auftrieb für den osteuropäischen Handel

Peter Herbstreuth

Die vierte Moskauer Kunstmesse fand im vielfältig genutzten und hochfrequentierten "Haus des Künstlers" vom 16. bis zum 22. Mai zeitgleich mit mehreren Ausstellungen zur Gegenwartskunst aus Deutschland, Großbritanien, Russland und zur breit angelegten Fotobiennale statt. Erstmals übertrafen die Verkäufe die Erwartungen der Händler, wobei es vor allem Werke heimischer Künstler von ansässigen Galerien waren, die an russische Käufer und Institutionen verkauft werden konnten. Dabei konzentrierte sich das Angebot auf die Wenigen, die in den letzten Jahren internationalen Ruf erlangten und das Land nicht verlassen haben. Keine SozArt, kein Moskauer Konzeptualismus alter Schule war zu sehen, dafür viel Fotografie aus den letzten Jahren. Von den acht Moskauer Galerien boten vier die Werke von Oleg Kulik und Alexander Brener an und verkauften sie fast alle. Auch die Wiener Galerie Knoll konnte sechs Zeichnungen Breners (in Kooperation mit der Künstlerin Barbara Schur) verkaufen.

Die Messe steht damit für einen sich langsam formierenden Markt für Gegenwartskunst in Moskau. Vergleiche mit anderen Messen wären jetzt noch töricht: Es ist der Anfang eines Anfangs. Lag der offizielle Gesamtumsatz bei der ersten Messe 1996 mit 48 beteiligten Galerien um 30 000 Dollar, so stieg er jetzt mit 20 Galerien auf 90 000 Dollar. Allein die prominente Moskauer Galerie Guelman hatte zwei Werke von Kulik und Alexander Brodsky an das Museum für Gegenwartskunst Moskau verkauft. Wozu es dazu der Messe bedurfte, kann damit erklärt werden, dass das städtische Museum am Erhalt der Messe interessiert ist. An enthusiastischen Kunstsammlern mangelt es noch: Aidan Salakhova von der gleichnamigen Galerie, die auch im Westen bekannte Künstler wie Anatoly Shuravlev und Timor Novikov vertritt, beklagte, die meisten Käufer verfolgten nicht die Karriere eines Künstlers, sondern kauften ein Werk zur Büro- oder Wohneinrichtung. Sobald es nicht mehr gefalle, gäben sie es zurück. Es fehle an persönlicher Bindung, Geschäftssinn oder auch nur das Bewusstsein für den Wert des Zeitgenössischen.

Neben den Galerien aus den GUS-Staaten kamen auch Händler aus Berlin (Paula Boettcher, Volker Diehl, Rudolf Kicken), Köln (Christian Nagel), Wien (Hans Knoll) und Paris (Kamel Mennour). Sie trugen es mit Fassung, wie die ansässige Fachwelt ihre Kojen im Vorübergehen streifte und kaum Fragen stellte, statt dessen ihre Kenntnisse in russischer Kunst vertiefte. Eine Ausnahme machte die kürzlich von Köln nach Berlin umgezogene Galerie Kicken, die zwei Fotografien der muskulösen Lisa Lion von Robert Mapplethorpe verkaufen konnte. Kicken bedauert die ungenügende internationale Beteiligung, beabsichtigt aber nächstes Jahr zum dritten Mal an der Messe teilzunehmen. "Wir haben dank der Messe zwei Ausstellungsprojekte mit Moskauer Institutionen in Planung," sagt Kicken. Auch Paula Boettcher, die mit Arbeiten von Nicolai Angelov und Jan Bauer gut vertreten war, und Christian Nagel, die beide nichts verkaufen konnten, wollen im nächsten Jahr wiederkommen. Nagel, der bereits zum zweiten Mal in Moskau teilnimmt und sich wie ein zäher Missionar im Pioniergebiet vorkommt, hatte mit Karola Grässlin (Kunstverein Braunschweig) und Alexander Schröder (Galerie Neu Berlin) in Kooperation mit dem Ifa-Institut die Ausstellung "Deutsche Kunst in Moskau" besorgt, die unmittelbar neben der Messeabteilung in einer weiten Halle lag und mit Werken von Gursky, Höfer, Oehlen, Kippenberger, Förg, Trockel, Genzken die Basis jener Künstler behauptete, die sich in den letzen fünf Jahren international profilierten: Kai Althoff, Jonathan Meese, Henrik Oleson, Manfred Pernice, Daniel Pflumm, Andreas Slominski, Iskender Yediler. Die Schau lebte durch selbstbewusste Widersprüche und wirkte fröhlich und leichthändig gegenüber der etwas steif geratenen "Landscape" mit Neuerwerbungen des British Council von Matt Collishaw, Tacita Dean, Peter Doig, Wolfgang Tillmans und Paul Winstanly. Hinzu kamen Ausstellungen der Fotobiennale, in den nicht enden wollenden, stets gutbesuchten Hallen im "Haus des Künstlers" und Einzelausstellungen zu Anne Leibowitz und Henri Cartier-Bresson sowie historische Fotografien aus bislang nicht gezeigten Archiven zum letzten Weltkrieg in anderen Gebäuden der Stadt.

Die Messe suchte als Zentrum des Diskurses zu fungieren. Anderswo zeigt bereits der Lageplan, dass Orte intellektueller Ausseinandersetzung wie Kunstzeitschriften in eine Ecke gedrängt sind. In Moskau lag er im Zentrum der Kojen. Hier gab es Empfänge, wurden Delegationen begrüsst, fanden ganztägig Diskussions- und Vortragsrunden mit Simultanübersetzungen statt, als wäre die Rede von der Kunst und ihren Bedingungen ein selbstverständlicher Bestandteil des Markts.

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