Kunstmesse in São Paulo : Gemischte Gefühle

Viel Redundantes, dazwischen auch Wunderbares: São Paulos Kunstmesse SP Arte gibt sich international, hat aber mit den Problemen des Landes zu kämpfen.

Annegret Erhard
Ausgeliefert. Gewalt und ihre Folgen ist das Thema von Eder Oliveiras Bild „Autorretrato“, 2016 (Galerie Periscopio).
Ausgeliefert. Gewalt und ihre Folgen ist das Thema von Eder Oliveiras Bild „Autorretrato“, 2016 (Galerie Periscopio).Foto: Otavio Cardoso

Mindestens zwanzig Millionen Einwohner leben in der Metropolenregion São Paulo. Der Boom vergangener Jahre hat in dem größten industriellen Ballungsraum Lateinamerikas, dem wichtigsten Finanz-, Wirtschafts- und Kulturzentrum Brasiliens viel, naturgemäß nicht nur Gutes in Bewegung gesetzt. Fernanda Feitosa, Gründerin und Direktorin der SP-Arte sagt, dass die meisten Millionäre und Milliardäre des Landes hier leben. Vor 13 Jahren ist man den vielen internationalen Vorbildern gefolgt und hat eine Messe für zeitgenössische Kunst ins Leben gerufen.

Die Aussteller, zu 99 Prozent brasilianische Galerien, blieben lange unter sich. Irgendwie handelte es sich eher um einen Kongress heimischer Kunstinteressierter mit gediegenem Verkaufspotenzial denn um einen international besetzten und interessierenden Umschlagplatz für Gegenwartskunst. Auswärtige Galerien mieden die Veranstaltung in dem großartigen, 1957 von Oscar Niemeyer errichteten Biennale-Pavillon – ein langgestreckter Kubus aus Glas, in dem geschwungene, an kräftigen Stelen aufgehängte Rampen drei Stockwerke erschließen. Eine irrsinnig kontraproduktive Steuerpolitik blockiert die Einfuhr von Kunstwerken. Etwa 58 Prozent beträgt der aus verschiedenen Abgaben kompilierte Aufschlag. Wer wollte sich dem aussetzen? Reiche Paulistas zogen (und ziehen) es vor, ihre im Ausland erworbenen Stücke dort zu belassen.

Die Messeveranstalter haben erreicht, dass die Transaktionen während der wenigen Messetage mit einem Steuersatz von lediglich circa 15 Prozent belegt werden – was natürlich auch ein willkommenes Schlupfloch für die Terminierung von Käufen und Verkäufen jenseits der Messe bietet. Der Anteil lateinamerikanischer, amerikanischer und europäischer Händler nahm rapide zu: 44 von insgesamt 135 Ausstellern sind in diesem Jahr angereist. Sie trotzen zusammen mit den brasilianischen Kollegen einer Krise, die ihren paralysierenden Schreckmoment vor etwa zwei Jahren hatte. Die wirtschaftlichen Bedingungen sind immer noch besorgniserregend, das brasilianische Wirtschaftswunder hat massive Probleme. Nichtsdestotrotz ist eine Menge Geld in der Stadt. Investitionen in Kunst, emotionale wie finanzielle haben ihren Reiz nicht überbordend, aber immerhin zurückgewonnen.

Neo Rauch hat hier dreiste Nachahmer gefunden

Die Messe stellte sich in diesem Jahr vollmundig (und tapfer) als Festival Internacional de Arte de São Paulo dar und hat eine Menge Ausstellungseröffnungen organisiert. Man will in die Stadt hineinwirken. Das kann in einem derartigen monolithisch-urbanen, gnadenlos entindividualisierten Moloch freilich nur ein kleiner kultivierter Stups sein, wahrgenommen von Eingeweihten. An die 30 000 Besucher hat man gezählt, bei recht durchwachsenen Verkaufsmeldungen. Etliche Galerien wurden nach internationalem Vorbild eingeladen. Mit einer Solopräsentation oder einer (manchmal leider nur irgendwie) korrespondierenden Dreierformation mit Künstlern ihres Programms. Da gab es viel Redundantes, so oder so ähnlich schon andernorts Gesehenes – sogar Neo Rauch hat hier dreiste Nachahmer gefunden.

Aber da war auch das wunderbare Video des in Lissabon lebenden Filmemachers Gabriel Abrantes, der in einer sechsminütigen pseudo-dokumentarischen Elegie Kunst, Psychoanalyse, Erotik, Skandal und Lächerlichkeit anhand Brancusis Bronze „Princess X“ überaus subtil und amüsant zusammenführt (Francisco Fino, 11 000 Euro). Oder eine konzeptuelle Installation, eine Vermessung weißer Flecken in unserer gefährlich arroganten Weltbetrachtung von Lothar Baumgarten: Acht mit weißem Schlicker bemalte, auf verdorrtem Dschungellaub gelagerte Teller in einer musealen Ausstellungsvitrine; nachgezeichnet sind die Inseln, Orte und Lebenswelten eines indigenen Stamms im Amazonasgebiet mit dem der Künstler etliche Monate zusammengelebt hat (Marian Goodman und Franco Noero, 430 000 Euro).

Zu den ausländischen Galerien, die seit Anbeginn dabei sind, gehört Stephen Friedman aus London. Er zeigte zielsicher Arbeiten des schwedischen Künstlers Andreas Eriksson, Jahrgang 1975, der 2012 mit seinen lyrischen, diszipliniert gestischen Abstraktionen auf der São -Paulo-Biennale präsent war (je nach Format 18 000–110 000 Dollar). Die Galerie Ropac hatte ein monumentales Bronzepaar von Georg Baselitz schon zur Eröffnung für 2 Millionen Euro verkauft. Damian Hirst animierte in seiner Galerie „Other Criteria“ mit gläsernen Lalique-Schmetterlingen in 50er-Auflage die Sehnsucht der Besucher nach Dekorativem (19 000 Dollar).

Gute Kunst stellt die richtigen Fragen

Alexander Gray spannte mit Arbeiten von Luis Camnitzer, dem 1937 geborenen uruguayschen Künstler, der seit Jahrzehnten in New York lebt, einen konsequenten Bogen. Als Übersetzer in konkreter wie übertragener Hinsicht transferiert er Worte in Malerei und Zeichnung und stellt ironische Verbindungen her. Ein gelungenes Beispiel seiner modernistischen, in den Siebzigern wurzelnden, ambivalenten Theorie ist die mit breitem Pinsel aufgetragene Hommage an den American Expressionism, die mit respektlosen Anmerkungen auf exakt übereinander auf die Leinwand montierten Metallplättchen umgehend relativiert wird (um 150 000 Dollar).

Die ortsansässigen Kollegen pflegten im Heimspiel souverän die brasilianische Tradition der Moderne: Mit Mira Schendels konkreten Kompositionen (Arte 57, 690 000–1,5 Millionen Dollar), mit den geknickten oder geschwungenen Metallskulpturen von Lygia Clark (Almeida e Dale, 1,5 Millionen Dollar) und deren einst ebenfalls in Belo Horizonte als Avantgarde der konkreten Kunst wirkenden Künstlerfreunden Franz Weissmann und Amilcar de Castro (beide Lemos de Sá, 200 000 bzw. 60 000 Dollar).

Man kann sich diese Arbeiten wunderbar in den vielen modernistischen Villen zwischen den dschungelgleichen Gartenanlagen auf den Hügeln des Stadtteils Morumbi vorstellen. Dort gibt es sie auch, vielmehr gab es sie. Die Eigentümer verlassen die Gegend, fast jedes dritte Haus steht zum Verkauf. Niemand fühlt sich dort sicher. Videoüberwachung, Panicrooms, Security Guards, Natostacheldraht, Hunde, nichts trägt mehr zum elitären Wohlgefühl bei. Jetzt zieht man in sündhaft teure Penthouses im Zentrum und behauptet, der geringere Aufwand mit Gärtner und Wachpersonal sei ausschlaggebend für die Flucht. Wahr ist, dass die eine Hälfte der Bevölkerung nicht schlafen kann, weil sie Hunger hat, die andere nicht, weil sie Angst hat vor den Hungrigen. Das ist nicht neu, wird aber immer unerträglicher. Dass beide Hälften eine Einheit bilden und jede auf ihre Weise ihren Weg sucht um dieser Tatsache zu begegnen, ist der zweite Teil dieser gar nicht neuen, aber immer unerträglicher werdenden Wahrheit. Manchmal könnte es schon ein Stück weiterführen, die richtigen Fragen zu stellen. Guter Kunst gelingt das.

www.sp-arte.com

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben