Kunstmesse : Wo die Hyänen heulen

Auf dem Weg zu den Weltbesten: Die Madrider Kunstmesse Arco feilt erfolgreich an ihrem Image. Mit luftigen Hallen und neuem Konzept setzt sie sich durch- und stellt deutsche Messen in den Schatten.

Christiane Meixner
Kunstmesse Madrid Foto: dpa
Setzt Akzente: Die Kunstmesse in Madrid. -Foto: dpa

Klack, klack, klack: Nervös tippt die Schuhspitze auf das Parkett und erzeugt denselben Lärm wie eine kleine Gewehrsalve. Das Schuhpaar für Männer glänzt schwarz und elegant – weshalb es nicht schwerfällt, die mit kleinem Motor betriebene Skulptur von Carolina Silva (5000 Euro) ganz bildhaft zu sehen. Als Verweis auf jene scharrenden Kunstsammler vor den Türen, die gleich die Arco stürmen werden.

Es ist „professional day“ am Tag vor der eigentlichen Eröffnung durch den spanischen König, und Madrids Kunstmesse kann nicht klagen. Zumal seit kurzem offiziell bekannt ist, dass sich die Art Cologne nach nur einem Gastspiel aus Palma de Mallorca zurückzieht. Man habe, erklärte die Koelnmesse als Veranstalter, auf der Insel keine ausreichende Infrastruktur vorgefunden. Dafür gab es vergangenen Sommer tatsächlich reichlich Kritik von den Galerien – an die Adresse der Koelnmesse.

Ein Kunsthändler wie Ferran Cano Darder mag die Entscheidung bedauern. Zwei, drei Jahre, meint der Galerist aus Palma de Mallorca, hätten sie durchhalten müssen: „Dann wäre das neue Kongresszentrum auf Mallorca fertig gewesen. Der Kölner Ableger hätte zur echten Konkurrenz für Madrid werden können.“ Wie gut, dass Darder seinen Stand auf der Arco behalten hat. Jetzt stehen hier mannshohe Pappfiguren von Lluis Hortalà (ab 3500 Euro), starren wie Eulen durch ihre Ferngläser und sehen aus, als hielten sie schon einmal Ausschau nach neuen Expansionsmöglichkeiten.

Doch auch am anderen Ende des Horizonts ziehen Wolken auf. So hat die „Fine Art Fair Frankfurt“ bereits im Januar aufgegeben. Eine kleine Skulpturenmesse, streng kuratiert, sollte sie werden und fand in den ersten beiden Jahren viel zu wenig Besucher. Keine Gnade, ein drittes Mal wird es nicht geben.

Die „dc düsseldorf contemporary“ mag offenbar nicht einmal mehr in zweiter Auflage starten. „Die aktuelle Krise der deutschen Kunstmessen hat (...) eine Welle von Umstrukturierungsmaßnahmen und Unsicherheit ausgelöst“, erklärten die Veranstalter etwas steif in ihrer Mitteilung. Genauso gut könnten sie sagen, dass in diesem Jahr einfach nicht genügend etablierte Galerien zu begeistern waren. 2008 wird also ausgesetzt, die gewonnene Zeit soll neue Ideen und Konzepte bringen.

Es ist höchste Zeit. Die zurückliegenden Jahre mögen Gründerzeiten für neue Kunstmessen gewesen sein: in Miami, Peking und Dubai allerdings, wo frisches Kapital auf den Kunstmarkt strömt und exorbitante Preise gezahlt werden. Dagegen sind die traditionellen europäischen Messen in die Jahre gekommen, haben sich unschön aufgebläht und stehen – wie die Art Cologne nach dem Abgang ihres künstlerischen Leiters Gérard Goodrow – ziemlich kopflos da. Größe allein ist längst kein Qualitätsmerkmal mehr, es geht um eine Schärfung der Profile.

In Madrid hat man das früher begriffen und die Arco sukzessive geliftet. Sie blickt bereits auf einen Umzug in luftige Hallen wie auf eine strengere Jurierung zurück und hat sich vom Protest einiger angestammter Galeristen nicht verunsichern lassen. Veränderung provoziert Kritik, und so kommt auch nicht bei allen teilnehmenden Galerien gut an, dass Messeleiterin Lourdes Fernández die Besucherströme mit einer zweitägigen Preview für professionelle Käufer reguliert. Wer sich aber schon am ersten Tag gegenseitig auf die Füße getreten ist, weiß diese Entzerrung sehr wohl zu schätzen.

Zwar blieb das teuerste Kunstwerk der Messe, Francis Bacons Gemälde „Man at Washbasin“ für 23 Millionen Euro, in der Marlborough Gallery vorerst hängen. Dafür freute sich der Berliner Galerist Thomas Schulte über den Verkauf von „Sixteen Perfect Vehicles“ – 16 identische Gefäße, die der Konzeptkünstler Allan McCollum in den achtziger Jahren perfekt nebeneinander reihte (90 000 Euro).

Ähnlich teuer, wenn auch weit jünger ist das Bild „Kreuz und Quer“ (2007) von Imi Knoebel, das bei Helga de Alvear aus Madrid sogleich einen roten Punkt bekam. Komplett verkauft oder reserviert, das musste José Mário Brandao all jenen Privatsammlern und Museumsleitern sagen, die die raren Arbeiten von Lygia Pape (ab 45 000 Euro) in seiner Koje nicht rechtzeitig gesehen hatten. Ab den fünfziger Jahren war die brasilianische Künstlerin Avantgarde, ihrem Werk aus dieser Zeit merkt man diese Kraft noch immer an.

Drei Exempel, die die Stärken der Arco demonstrieren. Natürlich sind Branchengrößen wie Manuel Barbié aus Barcelona oder die Orangerie-Reinz aus Köln mit klassischer Moderne von Picasso bis Miró vertreten, während der Kölner Galerist Karsten Greve seiner Künstlerin Louise Bourgeois eine wunderbare Soloschau widmet. Und doch stellt sich der Eindruck ein, dass gerade jene Künstler, deren Taxen sich auf den großen Auktionen vervielfachen lassen, nicht mit Spitzenwerken vertreten sind. Auch hier blicken die traditionellen Kunstmessen inzwischen auf eine starke Konkurrenz.

Für Entdecker ist die Arco mit ihren jährlich 200 000 Besuchern und 295 Galerien aus 30 Ländern auf zwei Etagen allerdings ein Paradies. Genau wie für jenen großen Stamm von Sammlern, Kuratoren und institutionellen Vertretern, die hier traditionell anreisen. Mehr als einer von ihnen wird genau auf die abstrakten Skulpturen von Susanne Thiemann bei Bernd Klüser aus München schauen, die aufwendig aus Kunststoffschläuchen gewebt und (noch) für 11 000 Euro zu haben sind. Oder auf jene schwarzen Pappkartons, mit denen José Dávila die strengen Boxen von Donald Judd nachbaut (12 000 Euro). Man findet die Skulptur, genau wie Caroline Silvas unruhige Schuhe, in der Madrider Galerie Travesia Cuarto.

Schwieriger gestaltet sich die Durchsicht im oberen Stockwerk, wo viele kleinere Kojen mit höchstens drei Künstlern zu finden sind. So laut und bunt ist es, dass einen wie auf den Fotografien von Pieter Hugo (6500 Euro) schon eine Hyäne fixieren muss, damit man stehen bleibt (Galerie Michael Stevenson, Südafrika). Der Schwerpunkt der Arco in diesem Jahr – 32 Galerien aus Brasilien – geht in dem Trubel dagegen fast unter. Und damit auch die hintergründige Kunst einer Rosana Palazyan, deren Zeichnungen wie Poesie aussehen, aber von Mord und Totschlag erzählen (Leme). Da könnte sich die Arco auf ihrem Weg zu den bleibenden Messen von Weltruf ruhig noch etwas straffen lassen.

Bis 18. 2., www.arco.ifema.es

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