Kunstmetropole Düsseldorf : Joseph Beuys - Neeneenee, jajaja!

Düsseldorf erinnert an Joseph Beuys – und verteidigt seinen Ruf als Kunstmetropole, auch und gerade gegen Berlin.

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Nur der Hut ist geblieben. In Performances zerlegte Beuys auch Klaviere.
Nur der Hut ist geblieben. In Performances zerlegte Beuys auch Klaviere.Foto: dapd

Düsseldorf hat ein neues Problem. Es ist nicht länger Köln die ewige Konkurrentin, Düsseldorf hat Köln längst hinter sich gelassen, nach dem Einsturz des Stadtarchivs und dem Exodus von Künstlern und Galeristen. Jetzt ist Berlin die große andere, über deren Kunstmetropolengehabe sich die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt ärgert, wie der Düsseldorfer Oberbürgermeister Dirk Elbers unumwunden eingesteht. Durch den Berlin-Hype werden die Qualitäten der rheinischen Metropole glatt übersehen, die Bedeutung ihrer Sammlungen, die ruhmreiche Vergangenheit, die Vitalität der jungen Szene, der Aufbruch an der Akademie mit neuem Rektor, neuen Professoren – Tony Cragg, Katharina Grosse, alle aus Berlin nach Düsseldorf abgeworben.

Für die Gegenoffensive hat die Stadt fünf Millionen Euro bereitgestellt, damit zehn Ausstellungshäuser ein Kunstfestival feiern und ihre Möglichkeiten geballt zeigen können. Zum zweiten Mal findet jetzt nach der erfolgreichen Premiere 2006 die Quadriennale statt. Dem gern zitierten Wowereit-Spruch hält Düsseldorf die Losung „Reich, aber sexy!“ entgegen. Das sei verführerischer, glauben die Experten vom Stadtmarketing.

Für Minderwertigkeitskomplexe gibt es in Düsseldorf eigentlich gar keinen Grund. Denn was sich die Stadt mit ihrer Quadriennale leistet, ist spektakulär: eine Beuys-Retrospektive in der Kunstsammlung NRW mit 300 Werken, eine Hommage junger Künstler an Marcel Broodthaers in der Kunsthalle gegenüber, James Lee Byars in Schloss Benrath, eine Nam June Paik-Show im Museum Kunstpalast samt Rückblick auf die vergangenen fünfzig Jahre künstlerischer Entwicklung in Düsseldorf, wo all die Großen – Polke, Richter, Immendorff, Yves Klein, die Zero-Künstler – gewirkt haben. Das ist vielleicht auch das Einzige, was man dieser Quadriennale vorwerfen kann: der Hang zu alten Helden. Zu diesem „Club der toten Künstler“ passt der Festivalslogan „Kunstgegenwärtig“ kaum.

Wie deren Werk trotzdem lebendig ausgestellt werden kann, das war die große Herausforderung für Marion Ackermann, die neue Direktorin der Kunstsammlung NRW, die nach der Wiedereröffnung des Stammhauses samt Anbau nun ihre erste eigene Ausstellung präsentiert – mit Joseph Beuys, dem bedeutendsten Künstler der Stadt, den sie hier alle noch persönlich erlebt haben. Nur eben Ackermann nicht, die einer neuen Generation Kuratoren angehört und ihren eigenen Zugang suchen muss.

Wie also Beuys zeigen, der bis zuletzt an seinen Installationen ruckelte und rückte, dessen Präsenz, Kommentare, politische Statements dazugehörten? 2008 hatte sich der Hamburger Bahnhof – neben Schloss Moyland bei Kleve die zweite große Aufbewahrungsstätte des Nachlasses – daran gemacht, den seit seinem überraschenden Tod vor 24 Jahren zunehmend weniger präsenten Künstler in die Erinnerung zurückzuholen. Der Akzent lag in Berlin auf dem Performer, dem Pädagogen, dem Politiker. Die historische Halle im Hamburger Bahnhof war von den Auftritten, Reden des großen Charismatikers geradezu kakophonisch erfüllt. Düsseldorf geht den umgekehrten Weg. Andächtige Stille legt sich über die Präsentation. Nur im Treppenhaus begleitet den Besucher Beuys’ berühmtestes Ton-Dokument: das „Neeneenee, Jajaja“ im typisch rheinischen Singsang. Die Kunst allein muss Aura entfalten – ohne letzte Handauflegung des Meisters, ohne Begleitung.

Ein schwieriges Unterfangen, denn die Werke sprechen nicht ohne weiteres zum Betrachter, und die Ausstellung selbst enthält sich jeder Erklärung. Dafür soll die Lektüre des ausgezeichneten Katalogs sorgen. So scheint sich zu bestätigen, was Liebhaber der Zeichnungen schon immer behauptet haben: Nur sie werden am Ende bleiben, ihre Zugänglichkeit überdauert die Zeit. In Düsseldorf sind zahlreiche exquisite Blätter vereint, die zusammen mit den frühen plastischen Arbeiten, den Frauentorsi, den Kreuzen, Hirschen und Schafen das künftige Formvokabular aufzeigen. Wer genau hinschaut, wird auch den humorvollen Beuys entdecken, der die Klinge eines Messers mit Pflaster umwickelt und dazu schreibt: „Wenn Du Dich schneidest, verbinde nicht den Finger, sondern das Pflaster“ oder den Betrachter auffordert, seine Hände flach auf ein Blatt zu legen, auf dem eine Tafel Schokolade klebt. Natürlich verbietet sich das; sonst wäre das Blatt längst ruiniert.

Was würden heutige Kuratoren darum geben, besäßen sie für den Aufbau der Installationen solch präzise Anweisungen. So müssen sie sich auf Fotos vergangener Präsentationen verlassen, die Beuys noch selbst vornahm. Marion Ackermann hat sich vorab Absolution erteilt, indem sie ihrem Vorwort ein Beuys-Zitat voranstellt: „Die Museen werden dadurch, dass andere Menschen hineinkommen, auch immer wieder anders mit den Dingen umgehen. Das ist schließlich auch eine Sache, die sich wandelt.“

Das Ergebnis ist ambivalent. Der untere Saal des neuen Anbaus für Wechselausstellungen schließt und öffnet sich durch den Einbau von Kabinetten, den Wilfried Kuehn vom Berliner Architekturbüro Kuehn / Malvezzi besorgt hat. In den intimen Kabinetten kommt der Zeichner, der Kleinskulpteur Beuys zur Geltung, auch der begnadete Selbstdarsteller im diskret an die Wand projizierten Film seiner legendären Performance „I like America and America likes Me“, für die er sich 1974 mit einem Kojoten in der New Yorker Galerie von René Block einschließen ließ. In der Weite des Saals aber entfaltet sich der Großbildhauer, der Raumverwandler. Sein früher weiblicher Torso ragt hoch auf auf einem Stecken. Die kleine Badewanne mit ihren vier grazilen Beinen, einst zur Kühlung von Getränken missbraucht, steht majestätisch mitten in der Flucht. Das berühmte „Rudel“ – bestehend aus einem VW-Bus, aus dessen Kofferraum eine Schar Schlitten gleichsam herausströmt, darauf jeweils eine gerollte Filzdecke, eine Stablampe und ein Klumpen aus Butter und Bienenwachs, als wäre es eine Meute Wölfe – gewinnt eine neue Dynamik, auch wenn der rostige Bulli sogleich das Alter der Installation verrät. Hier findet alles seinen adäquaten Platz, gewinnt eine frische Kraft.

Anders im oberen Stockwerk, das, ohne die den Blick lenkende, stützende Ausstellungsarchitektur, die Objekte wie in einem riesigen Ozean auf dem Boden auseinander driften lässt. Die beiden Flügel wirken wie Flöße von Schiffbrüchigen auf hoher See, die fünf Basaltblöcke der Installation „Das Ende des 20. Jahrhunderts“ erscheinen trotz ihres Gewichts wie Treibgut, das rostige Gestänge der „Straßenbahnhaltestelle“ sucht an einer Wand vergeblich Halt vor dem Untergehen.

Mit zehn großen Rauminstallationen hat Marion Ackermann Enormes bei der Akquise von Leihgaben geleistet, darunter „Stripes from the home of the shaman“, ein Ensemble aus Filzstreifen, das sich seit fast dreißig Jahren im australischen Canberra befindet und in Europa den wenigsten bekannt sein dürfte. Und doch wird die Museumschefin auch daran gemessen, wie sie „Palazzo Regale“, das letzte große Werk von Beuys präsentiert, das er kurz vor seinem Tod in Neapel realisierte und das ihr Vorgänger Armin Zweite wie ein spätes Vermächtnis des Verstorbenen erwarb.

Die „Palazzo“-Installation ist als Finale ans Ende der großen Ausstellungshalle gerückt, in einer Phalanx mit den Hauptwerken „Zeige Deine Wunde“ und „Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch“. Aus der einstigen Grabeskapelle, zu der sich das Ensemble aus zwei Messingglasvitrinen mit den Klangbecken, Fellmantel, Eisenkopf sowie den sieben mit Firnis und Goldstaub überzogenen Messingtafeln an den Wänden vereint, ist nun durch die Vergrößerung der Raumdimensionen, das Auseinanderziehen der einzelnen Elemente eine gewaltige Kathedrale geworden. Joseph Beuys ist heimgekehrt nach Düsseldorf, die Kunstsammlung zelebriert den großen Sohn der Stadt, den wichtigsten deutschen Künstler des vergangenen Jahrhunderts. Der Versuch einer Wiedererweckung wirkt wie ein Requiem.

Kunstsammlung NRW, bis 16. 1.; Katalog (Schirmer / Mosel) 49,90 €. Weitere Informationen unter: www.quadriennale-duesseldorf.de

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