Kunstmuseum Wolfsburg : Summe aller Clubnächte

Digital ist bunter: Gerwald Rockenschaub zeigt in einer Einzelausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg sowohl Neues als auch Altes.

Katrin Wittneven
385 Piktogramme. Rockenschaubs Wandinstallation. Foto: S. Wulf/Kunstmuseum
385 Piktogramme. Rockenschaubs Wandinstallation. Foto: S. Wulf/Kunstmuseum

Es gibt Leute, die zählen Gerwald Rockenschaub zu den wichtigsten Künstlern unserer Zeit. Seine teilweise benutzbaren, minimalistischen Objekte transformieren die Idee der Moderne in die Gegenwart. Die am Computer entstandenen raumbezogenen Wandarbeiten, etwa die gepixelte Wolke, die er 2008 für die Temporäre Kunsthalle am Schlossplatz entwarf, reflektieren das digitale Zeitalter und stiften Identität. Doch diese kühle Kunst hat nicht nur Fans. Schnell prallt man an den glatten Oberflächen ab, zu wenig greifbar ist der 1952 in Linz geborene Künstler, der auch Logos gestaltet, Techno-CDs aufnimmt und als DJ arbeitet.

Im Zentrum seiner Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg steht eine große Wandinstallation, die mit ihren Zeichen und Piktogrammen zunächst wie ein leuchtend buntes Computerdisplay wirkt. Erst als ein Besucher unmittelbar davor auf Spielzeuggröße schrumpft, werden die Ausmaße dieser Arbeit deutlich: Die im offenen Winkel stehenden Wände sind über elf Meter hoch und 66 Meter lang. „Sujets“ nennt Rockenschaub die 385 aus farbigen selbst klebenden Folien bestehenden Kreise, Quadrate und Linien.

Foto: Kunstmuseum
Foto: Kunstmuseum

Der Künstler zeigt sich selbst unbeeindruckt von der überwältigenden Dimension seiner Installation. „Es ist so groß, wie es groß ist“, sagt er trocken. Alterslos, cool und sensibel, lässig und zugleich asketisch wirkt er mit seinem rasierten Charakterkopf, schwarzer Brille und dunkler Jeans. Die 40 mal 40 Meter große Ausstellungshalle habe das Maß vorgegeben, erläutert der in Berlin lebende Österreicher, der in seinen Installationen das Verhältnis von Raum, Werk und Betrachter dynamisiert. Er habe die Ausstellungshalle freigeräumt und die zuletzt verschlossenen oberen Fenster wieder geöffnet. Die langen Quader auf der Galerie und vor den Stellwänden wirken wie zufällig platzierte Bänke für die Besucher und sind gleichzeitig penibel genau justierte minimalistische Skulpturen.

Wer hier Platz nimmt, beginnt unwillkürlich diese digitalen Hieroglyphen zu Bildern zusammenzusetzen, zu einer Leiter oder einer Blume, doch sie entziehen sich jeder Eindeutigkeit. Ein Fleck taucht etwa in mehreren Variationen auf und kann plötzlich an einen Comic-Hund erinnern. Olympiaringe befinden sich im freien Fall. Einige Sujets wirken wie digitale Tags, wieder andere entstammen der Welt der Piktogramme, in der ein hellgrünes Rechteck direkt mit „Notausgang“ assoziiert wird. Alles steht gleichberechtigt nebeneinander. Auch die vielen Anspielungen auf die jüngere Kunstgeschichte, die sich mit der Zeit aus diesem Overkill der Farben und Formen herauskristallisieren. Farbige Ovale erinnern an die Leuchtkästen von Daniel Pflumm, Gitterstrukturen an Werke von Imi Knoebel. Doch das einzige höhere Wesen, das hier die Befehle erteilt hat, ist Rockenschaub selbst, der am Computer auch Elemente früherer Werke wie Selbstzitate zum tapetenartigen Allover-Painting zusammenfügt.

Er interpretiere seine Kunst nicht, er stelle sie zur Verfügung, sagt Rockenschaub: „Mein Job ist es, visuelle Reize zu erzeugen.“ Das gelingt ihm auch in vier Kabinetten, in denen eine Computeranimation mit drei nervös vibrierenden roten Punkten, eine grüne Bank, eine lila Wand mit goldenem Punkt und eine Skulptur untergebracht sind. Das Künstlerbild eines Dienstleisters, das die Idee des genialen Meisters abgelöst hat, passt zum Freigeist Rockenschaub, der in Wien studierte und in den 80er Jahren mit geometrisch-abstrakter Malerei bekannt wurde.

Schnell hat er sich über die Begrenzung der Zweidimensionalität hinweggesetzt, entwickelte er architekturbezogene Skulpturen, arbeitete er als Musiker oder Designer. Als er 1993 zur Biennale Venedig für den Österreichischen Pavillon eingeladen wurde, installierte er nicht nur eine Treppenkonstruktion, die neue Perspektiven ermöglichte, sondern lud die Nichtösterreicher Andrea Fraser und Christian Philipp Müller dazu ein – heute üblich, damals eine Provokation. Inzwischen arbeitet Rockenschaub vor allem mit Grafikprogrammen und lässt die Entwürfe von Spezialfirmen ausführen. Etwa für die letzte Documenta, auf der er mit mehreren Skulpturen vertreten war, die teilweise als Vermittlungsstationen dienten.

Elemente aus früheren Installationen gibt es nun auch in Wolfsburg. Sie tauchen wiederum als dreidimensionale Versionen in seiner Berliner Galerie Mehdi Chouakri auf. Der Künstler als Scanner, der Elemente seiner Umgebung aufnimmt, umwandelt und neu komponiert. Wie ein DJ, der Inhalte sampelt und in ein Nebeneinander von Leerstellen, Zeichen und Wiederholungen zum visuellen Klangteppich mischt. Ob die Wandinstallation wie ein Technotrack zu lesen wäre, eine Clubnacht oder die Summe aller Clubnächte? „Dann wohl die Summe aller Clubnächte“, sagt Rockenschaub und lächelt einmal kurz.

Kunstmuseum Wolfsburg, bis 4. September, Di 11-20 Uhr, Mi bis So 11-18 Uhr

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