Kunstpreis Berlin : Uff de Tür

Emine Sevgi Özdamar erhält den "Kunstpreis Berlin 2009" - und wandert zur Preisverleihung mit lebenskluger Ironie durch die Stationen ihres Lebens.

Andreas Schäfer

Die Vorfreude ist groß. Akademie der Künste! Das Wort leuchtet heller als jede Erfahrung. Außerdem: Der Pariser Platz mit dem im Scheinwerferlicht strahlenden Brandenburger Tor! Schließlich: Die geschätzte Autorin Emine Sevgi Özdamar erhält den „Kunstpreis Berlin 2009“. Doch es bleibt ein Jammer mit der Akademie der Künste. Es beginnt im Erdgeschoss, das dem Besucher ein Gefühl von Verlorenheit vermittelt, welches sogleich durch einen unwirklichen Eindruck persönlicher Wichtigkeit ersetzt wird. Man steigt über Treppen immer höher in den weiten Raum, bis man sich als Ich-Popanz in einem Bühnenbild der Macht wiederfindet und Gerhard-Schröder-mäßig durch eine Glasfront auf den erhabenen Platz gucken kann. Freilich: Der kleine Saal hat die Sterilität eines Sparkassen-Mehrzweckraumes.

Niemand ist mit dem Behnisch-Bau glücklich – aber warum müssen die Preisverleihungen in einer Mischung aus unbeholfenem Repräsentationsgetue und bürokratischer Piefigkeit über die Bühne gehen? Vor die Verleihung des mit 15 000 Euro dotierten „Kunstpreises Berlin“, 1948 vom Berliner Magistrat in Erinnerung an die Gefallenen der Revolution von 1848/49 gestiftet, haben die Akademie-Statuten nämlich die Überreichung von sechs Förderungspreisen gelegt, bei denen sechs Jury-Sprecher pompöse Begründungen vorlesen, worauf die Ausgezeichneten (der Künstler Chris Newman, die Architekten Tim und Jan Edler, der Komponist Anno Schreier, der Schriftsteller Dietmar Dath, der Schauspieler Nicola Mastroberardino und die Filmregisseurin Lola Randl) sich theatralisch bedanken, bevor Volker Braun wie ein Moderationsroboter „Jetzt: Sektion Musik“ sagt.

Knapp zwei Stunden vergehen, bis Wolfram Schütte seine schöne Lobrede auf die 1946 in Anatolien geborene, als Schauspielerin nach Berlin gekommene und sich dort durch die deutsche Sprache als Schriftstellerin neu zur Welt gekommene Preisträgerin vortragen darf. Dann trägt sie das berühmte Berliner Klops-Lied vor – „Ich sitze, kieke, wundre mir, uff eenmal is se uff de Tür“ – und wandert mit lebenskluger Ironie durch die Stationen ihres Lebens. Gerade erzählt sie, wie sie als Kind mit ihrem Bruder Schallplatten aufgelegt hat, da sagt sie plötzlich: „Jetzt singe ich.“ Und dann singt Emine Sevgi Özdamar ein bewegendes Lied, das „Hüzün“, die Istanbuler Melancholie, beschwört. Endlich: Statt Prozedere der Hauch einer Feier. 

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