Kultur : Kunstprojekt: Nein, meine Erinnerungssuppe ess ich nicht

Amory Burchard

Das Schicksal seines Vaters sollte René Klarenbeek auf dem Bahnhofsvorplatz in Tegel einholen. "Ich bin Maler", hatte er im Rudi-Carrell-Tonfall zu einer Frau gesagt, und auf seine gesprenkelten Schuhe gezeigt. "Ach, da kommen Sie mal zu mir malern", antwortete die etwa 70-Jährige schnippisch. So einen geschickten Holländer können sie in Tegel immer noch gebrauchen. Dieser Frau zeigt der Künstler gar nicht erst "den Löffel meines Vaters", nach dem sein Kunstprojekt benannt ist. Er lässt sie ziehen ohne Groll. Wie ein Angler, der einen zu kleinen Fisch zurück in den Strom wirft.

Zwangsarbeiter bei Rheinmetall-Borsig in Berlin-Tegel war Jaap Klarenbeek, ein 18-jähriger Anstreicher, Wandergeselle wider Willen. Als Souvenir brachte er einen Suppenlöffel aus grobem Kriegsaluminium mit. Damit hatte Mutter Klarenbeek stets die Kartoffeln vorzulegen. Als sie ihn einmal fürs Gemüse nahm, wurde der alte Klarenbeek wütend. Sohn René, Jahrgang 1964, verstand: "Da fragst du lieber nichts." Nun, fast sechzig Jahre nach der Verschleppung des Vaters, will der Sohn mehr wissen. "Wenn du als Künstler kommst", sagt er, "denken die Leute, du bist harmlos." So steht er vor einem VW-Bus, auf den zwei von ihm bemalte Werbetafeln montiert sind, und sagt den Leuten, er sei Maler, wie sein Vater. Nur dass der Vater nicht freiwillig kam.

René Klarenbeek hat etwas auszulöffeln: die vom Vater dünn gehaltene Klarenbeeksche Erinnerungssuppe, in der auch Renés finstere Onkels zappeln. Sie waren für die Nazis und verrieten den kleinen Bruder, der sich vor dem Abtransport zur Arbeit versteckt hatte, an die Gestapo. Dazu kommt der unverdaute Brei der Kriegsgeschichten, die ihm die Passanten auftischen.

Jeden Abend malt René Klarenbeek gemeinsam mit der deutschen, in Den Haag lebenden Künstlerin Sabrina Lindemann ein neues Bild auf sein Billboard. Die fahrbaren Werbetafeln bearbeiten die Künstler in so einer ehemaligen Borsig-Werkshalle, in der Klarenbeeks Vater die Gewehre lackieren musste, mit denen die Deutschen sein Land in Schach hielten. In der ersten Berliner Nacht entsteht ein Porträt des Vaters als junger Mann, ein Text: " ... haben Sie Erinnerungen an ihn oder an diese Zeit?" Nach großer Kunst, sagt Klarenbeek, soll das nicht aussehen. Die selbstgemalten Plakate sind Werbung für sein Kunstprojekt zum Mitmachen, das die Kriegserinnerungen der alten Tegeler in den nächsten Wochen krakenartig umarmen wird. Die Großeltern-Generation befragt nicht nur der herbeigereiste Sohn. Sabrina Lindemann und eine Kollegin waren schon im Juni mit Tegeler Schülern auf Spurensuche. Diese Schüler treffen Mitte September 15 ehemalige Borsig-Zwangsarbeiter, die Klarenbeek und Lindemann zu einer Reise nach Berlin überredet haben. Stellvertretend für den Vater, der dem Sohn schließlich einen gemeinsamen Erinnerungstrip versprochen hatte - und starb. Die Sache mit dem Sohn, der seinen Vater sucht, kommt gut an, sagt Klarenbeek. Zwangsarbeiter, Zeitzeugen, Schülerworkshop - für dieses Projekt gewann er eine lange Reihe von Sponsoren, darunter das Aktions Programm !respect des Landes Berlin und den Hauptstadtkulturfonds.

Tagsüber gehen die Künstler auf Menschenfang. Mit ihren Werbetafeln durchfahren sie die Straßen zwischen dem ehemaligen Zwangsarbeiterlager am Waidmannsluster Damm und dem alten Werkstor von Borsig. An diesen Ausgangspunkten, am Ende der Fußgängerzone, vor der "Sportklause" und am S-Bahnhof Tegel stehen sie dann jeweils ein Stündchen und lassen sich ansprechen. Die nächste Passantin auf dem Bahnhofsvorplatz verrät mehr als ihre resolute Vorgängerin. Ja, ihr Vater brachte sie zur Schule vorbei an einem Lager. Dass dort Zwangsarbeiter lebten, erfuhr sie erst später. Die Bombennacht am 26. November 1944, die Jaap Klarenbeek knapp überlebte, traumatisierte auch das damals sechsjährige Mädchen. "Deutsche und Holländer wurden von denselben Bomben getroffen", notiert René Klarenbeek. Er beginnt zu verstehen, warum sein Vater die Deutschen nicht hasste. Dieser Frau zeigt der Sohn den Löffel seines Vaters. Sie fährt mit den Fingern darüber und sagt: "Solche Löffel hatten wir auch."

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