Kunstprojekt : Picknick mit Tucholsky

Gärtnerglück in Berlin-Moabit: Das Kunstprojekt "Kurt – Kurt" lässt einen unterschätzten Stadtteil erblühen.

Kolja Reichert
Kunstprojekt in Moabit
Urlaub in Balkonien. -

„Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen“, dichtete Kurt Tucholsky 1924 über den Pariser Parc Monceau, „hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist./ Hier darf ich links gehen. Unter grünen Bäumen/ sagt keine Tafel, was verboten ist.“ Die Natur, Gegenwelt zum Großstadtstress, Befreiung von Zwängen und Zuschreibungen.

Die Lübecker Straße in Moabit ist für gewöhnlich kein Ort, der zum Verweilen einlädt – kein einziger Baum durchbricht hier die Vorherrschaft von Putz, Asphalt und Blech. Autos stehen dicht gedrängt am Bürgersteig, bereit, ihre Besitzer schnell woanders hinzubringen, zur Arbeit oder raus aus der Stadt, in die Natur.

Doch nun ist die Natur in die Stadt gekommen. Eine Gruppe junger Birken steht auf einem mit Erde gefüllten Anhänger vor der Hausnummer 13, dem Geburtshaus Kurt Tucholskys. Ein Wanderparkplatz-Schild lädt zur Erholung ein, darunter sind karierte Decken auf dem Bürgersteig ausgebreitet. Das temporäre Kunstprojekt „Kurt – Kurt“ lädt zum Picknick. Anwohner und Kunstinteressierte sitzen einträchtig beisammen. „Endlich muss ich mal nicht in den Tiergarten fahren, um Grün zu sehen“, freut sich ein älterer Herr in Wanderausrüstung. Es gibt belegte Brote und Kaffee, der Milchschaum ist handgerührt. Nichts zu spüren von den Style-Codes der Berlin-Mitte-Galerien. Ist das hier überhaupt Kunst? Leben ist es auf jeden Fall.

Der Gastgeber, er nennt sich schlicht „Pfelder“, freut sich über die Reaktionen der Anwohner. „Die interessiert das wirklich, was wir hier machen.“ Mit seiner Partnerin, der Schweizer Foto- und Videokünstlerin Simone Zaugg, bringt Pfelder gerne Kunst an ungewöhnliche Orte. 2003 bespielten die beiden mit einem Dutzend weiterer internationaler Künstler in einem großen Ausstellungsparcours den Simplonpass. Letztes Jahr entdeckten sie Moabit.

„Moabit ist so interessant, weil es so normal ist“, findet Pfelder. Der Stadtteil, bis ins 18. Jahrhundert mooriges Ausflugsziel der Berliner, ist weit weniger fest definiert als die hippen Gegenden der Stadt. Vollständig umschlossen von Wasserstraßen bildet das alte Arbeiterviertel eine Art vergessene Insel – wer denkt schon beim Betreten des Hauptbahnhofs daran, dass der in Moabit steht? Auch Tucholskys Geburtshaus ist kaum bekannt. Nur eine nüchterne Gedenktafel erinnert hier an den Journalisten und Schriftsteller, dessen Familie früh nach Stettin zog.

Zehn Jahre hatten die Ladenräume im Erdgeschoss leer gestanden, in denen Zaugg und Pfelder vergangenen Sommer ihre Projektzentrale einrichteten. Wechselnde Künstler werden seitdem eingeladen, sich mit dem Stadtraum Moabit auseinanderzusetzen, die Ladenräume stehen während der Recherche- und Planungszeit als Wohnung zur Verfügung.

Schumacher & Jonas forderten im Mai, das Schiff „Moabit“ solle als Freizeitstätte auf das nahe gelegene Gelände der Paech-Brot-Großbäckerei zurückkehren, wo jetzt ein Supermarkt gebaut wird. Das Schiff hat dort in Wirklichkeit nie gelegen. Einigen Anwohnern aber gefiel der Gedanke: Sie hängten Transparente aus den Fenstern und riefen zur vereinbarten Zeit: „Wir wollen unser Schiff zurück!“

Die derzeitige Ausstellung „Oasenschatten“ ist etwas stiller. Jan Philip Scheibe, selbst Pendler zwischen Großstadt und Natur, namentlich Hamburg und Werder, hat die mobilen Birken beigesteuert – Bäume, die schon Tucholsky ins Grübeln brachten. 1929 suchte er vergeblich nach einer Beschreibung für die Bewegung ihrer Blätter, die weder ein Flirren noch ein Sirren sei. „Ich werde ins Grab sinken, ohne zu wissen, was die Birkenblätter tun.“ Scheibe, der meist Leuchtschriften in Landschaften setzt, wie 2005 bei der Biennale Münsterland, gefällt die Idee, Brücken zwischen Orten zu schlagen, indem er Gegenstände versetzt. Mit seiner Installation verpflanzt er auch sich selbst: „Es ist schön, sich hier als Nicht-Berliner zu verorten.“ Auf einem Klappstuhl sitzt er am Straßenrand und wartet auf Interessierte.

Im Innenraum hängen Fotos aus dem Grunewald, mit denen Scheibe zeigt, dass die Natur auch nur einen fest zugewiesenen Platz im Großstadtleben einnimmt. Eine Einsicht, die Heather Allen weiterführt. Sie hat einen Balkon in ein abgedunkeltes Zimmer gehängt, von einem Strahler beleuchtet. Alles ist dran, Geranien, Philodendron, Efeu, Palmen, Salbei. Selbst Gesprächsfetzen, wie Balkone sie aufmerksamen Passanten offenbaren, sind zu hören. Die Aufnahmen stammen aus einem Familienvideo der Künstlerin.

Es ist eine sehr persönliche Installation wie fast alle Arbeiten Heather Allens. Derzeit zeigt der Kunstverein Tiergarten in der Galerie Nord einige ihrer Knetfiguren, mit denen sie experimentell Emotionen und Rollenvorstellungen hinterfragt. „Ich habe immer einen Garten gehabt“, erzählt die aus England stammende Künstlerin, die seit acht Monaten in Moabit lebt. 1998 war sie nach Deutschland gekommen und versuchte fortan immer, ihre Sehnsucht nach Natur auf Balkonen zu stillen. Ohne etwas Selbstbetrug geht das freilich nicht: „Es gibt ja keine reine Natur mehr.“ Der Balkon verspricht, ein Stück Freiheit in die Wohnung zu bringen. Doch tut er es wirklich? Er gehört zum privaten Raum und ist dennoch öffentlich: „Man denkt, man sei in der eigenen Wohnung, ist aber sichtbar.“

Das Unspektakuläre und Lebensnahe der ausgestellten Arbeiten bietet seinerseits Erholung vom spezialisierten Galeriebetrieb. Pfelder zeigt sich jedenfalls so entspannt wie auf einem Familienausflug und stellt schmunzelnd seinen einjährigen Sohn vor: „Das ist der Direktor.“ Ein schönes Zeichen dafür, dass die Arbeit des Künstlers abseits von Institutionen stattfindet und das Private darin fester Teil und Kraftzentrum ist. Die Spuren der Finanzierungskämpfe, die der Netzwerker mit jedem neuen Projekt durchstehen muss – „Kurt – Kurt“ wird vom Bezirkskulturfonds Mitte getragen –, sind ihm nicht anzusehen. Er strahlt das Grundvertrauen eines Mannes aus, der sich im Nomadenleben eingerichtet hat.

Als erstem in Ostdeutschland immatrikulierten Studenten aus dem Westen bot sich ihm im Dresden der frühen neunziger Jahre gleich zu Beginn eine große Spielwiese für künstlerische Interventionen. Bis heute verfolgen er und Simone Zaugg den Grundsatz: „Wir wollen nicht einem Ort Kunst überstülpen, sondern die Kunst aus dem Ort heraus entwickeln.“ So wolle man auch alternative Wege zum boomenden Kunstmarkt aufzeigen. Dabei „haben wir ja nichts gegen den Markt, ganz im Gegenteil“.

Ist es Zufall, dass beide bei Tucholsky gelandet sind? Pfelder: „Ich glaube nicht an Zufälle.“ Im Fall der aktuellen Ausstellung ist Tucholsky jedenfalls ein passender Pate. Bei ihm entfliehen die Liebenden auch der Großstadt, nach Rheinsberg und Schloss Gripsholm. Doch sitzen ihnen dort gesellschaftliche Zwänge und Zeitumstände immer im Nacken. Zurück zur Natur? Nur im Traum.

„Oasenschatten“, bis 14. Juli, Do–Sa 16–19 Uhr, Kurt – Kurt Projektzentrale, Lübecker Straße 13.

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