Kultur : Kunstraum "WBD": Dienst nach Vorschrift

Knut Ebeling

Eine Einladung zu einer Kunstausstellung besteht gewöhnlich aus Pflicht und Kür, das heißt aus einer Vorder- und einer Rückseite. Wie auf jeder Postkarte, sind auf der Rückseite gewöhnlich die praktischen Informationen - Ausstellungsdauer, Anschrift und Absender - verzeichnet; das ist die Pflicht der Einladungskarte. Bei der Kür der Vorderseite ist alles drin - wobei sich einem bei all den Gestaltungsanstrengungen, die anschließend in den Papierkorb wandern, schon mal der Schweiß auf der Stirn zeigen kann.

Man kann es aber auch einfacher und zugleich komplizierter haben. Martin Städeli ist Spezialist für diese einfach-komplizierten Dinge. Der Berliner Künstler druckte die Rückseite noch einmal auf die Vorderseite seiner Einladungskarte zur aktuellen Ausstellung im jüngst eröffneten Raum "WBD" (für "Wand, Boden, Decke") und blieb damit bei der Pflicht. Seinen Einladungsdienst nach Vorschrift nennt er passenderweise "Produktion ohne Versprechen".

Die Parole, die sich wie die marxistische Reduktion von Tausch- auf Gebrauchswerten ausnimmt, wird wiederum von einem überdimensionierten Schild vor dem Ausstellungsraum aufgenommen. In Nachbarschaft einer desolaten Baugrube, an der sonst Bauherren ihre Zukunftsvisionen präsentieren, nimmt sich der Slogan von der "Produktion ohne Versprechen" wie postmarxistischer Hohn auf übertriebene Bauspekulation aus. Und auch in seiner Ausstellung stellt Martin Städeli jede kunsttheoretische Spekulation vom Kopf auf die Füße.

Städelis Versuchsaufbauten bestehen aus einer Auswahl abstrakter Malerei in Plattencoverformat - inklusive den dazugehörigen Betrachtern. In der Ausstellung bei "WBD", zu dessen Betreibern Städeli gehört, platziert er zwischen Wand, Boden und Decke des Raumes drei Pappmachédoubles seiner Person. Städelis simple Verdopplung der Situation des Künstlers vor seiner Arbeit ist auch eine spezielle Art, dem Atelierkoller zu begegnen.

Die Pappkameraden sitzen vor einer Serie von Bildern, die ein Motiv in minimaler Veränderung zeigen. In früheren Ausstellungen hat Städeli bereits dieselben Figuren mit anderen Posen gezeigt. Die Figuren und Bilder verwandeln sich und bleiben doch dieselben. Alles wiederholt sich und alles verwandelt sich doch. Der Blick auf die identische Vorder- und Rückseite der Einladung von Städeli ist nie derselbe. Nur die Zeit verstreicht. Dem Besucher schwant, dass er bereits tief drinsteckt im kontingenten Universum von Differenz und Wiederholung: Und der Künstler tut nichts anderes, als seinen Besuchern zu sagen, dass sich dieselbe Arbeit auch in variierter Form wiederholen könnte.

Städeli kontert dem Postmarxismus mit praktizierter Kontingenz. Diese Ungezwungenheit der Arbeit Städelis kommt daher, als wolle er mit einer endlichen Anzahl von Ausstellungskomponenten eine unendliche Anzahl von Deutungen ermöglichen. Jede Komponente seiner Ausstellung multipliziert sich durch ihre minimalen Differenzen mit sich selbst; Bild mal Bild und Figur mal Figur. Anschließend multipliziert jede mit sich selbst multiplizierte Komponente die anderen: Bilder im Quadrat mal Figuren im Quadrat mal Betrachter im Quadrat; abstrakte Malerei mal prozessuale Kunst mal Kontextualismus. Das Beste an dieser multiplen Multiplikation ist ihr Ergebnis: Es ist die einfache Ausstellungssituation - ein Universum von Differenz und Wiederholung. Einfach kompliziert. Wie die Vorderseite der Rückseite der Vorderseite.

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