Kunstsammler : Sucht und Seele

Als Arzt kann er ins Innere von Menschen sehen. In ihr Innerstes aber nicht. Drum wurde Reiner Speck ein manischer Sammler: Dichterhandschriften, Künstlerbriefe, Gemälde. Sein Hausgott aber heißt Marcel Proust. Da findet er seine ganz eigene Medizin

Peter von Becker[Köln]
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Passion des Lesens. Urologe Reiner Speck mit Original-Druckfahnen von Marcel Proust (Bild unten), die der Schriftsteller mit...

Irgendwann hat Joseph Beuys, der nur noch eine Niere besaß, Herrn Dr. med. Reiner Speck einmal gefragt, was er denn am besten tun könne für seine verbliebene Innerei. Doktor Speck, Urologe in Köln, gab dem rheinischen Weltkünstler zur Antwort: „Fachinger trinken.“

Joseph Beuys nahm den Rat wohl an und entwarf in der Typografie der kohlensäurearmen Mineralwasser-Marke alsbald einen seiner bekannten Multiple-Stempel. Reiner Speck wiederum, der die Anekdote erzählt, ist einer der bedeutendsten deutschen Privatsammler, von Beuys, von moderner Kunst. Aber nicht nur. In seinem Kölner Wohnhaus stehen auch 40 000 Bücher, oft rare Erstausgaben, dazu spätmittelalterliche Inkunabeln, singuläre Widmungsexemplare, unschätzbare Dichterhandschriften und Künstlerbriefe.

Gerade ist im Kölner Museum für Angewandte Kunst die Ausstellung „Marcel Proust im Spiegel seiner Korrespondenz“ zu sehen, ausschließlich bestückt mit Kostbarkeiten aus Specks wunderbarer Kollektion. Man sieht und liest zum Teil noch unveröffentlichte Proust-Briefe, erblickt in den Vitrinen Manuskripte, Zeichnungen und handkorrigierte Druckfahnen des Verfassers der vielbändigen „Suche nach der verlorenen Zeit“, bestaunt einen Abzug des berühmten Man-Ray-Fotos von Proust auf dem Totenbett oder eine letzte Locke des 1922 Verstorbenen. Es geht um den neben Joyce und Kafka einflussreichsten Erzähler der Moderne, und der Arzt und Sammler flüstert einem im Halbdunkel des Kölner Museums zu: „Achten Sie in dem Medaillon mit der Locke auf die Farbe seiner Strähne, Proust hatte mit 51 Jahren noch kein graues Haar!“

Herr Dr. Speck, wie ihn nicht nur seine Patienten, sondern auch Künstler wie Beuys, Sigmar Polke, James Lee Byars oder Cy Twombly in Zeichnungen und ihm zugedachten Schrift-Kunstwerken nannten, er selbst hat jetzt mit 67 Jahren durchaus einige graue Haare. Auf älteren Fotos glich der schlanke, damals noch schwarzhaarige Doktor mit dem Schnurrbart ein wenig dem legendären Schwimmer Mark Spitz. Und als er 1982 die deutsche „Marcel-Proust-Gesellschaft“ gründete, dazu bei Suhrkamp, Prousts deutschem Verlag, einen Band über dessen „Werk und Wirkung“ herausgab und zum ersten Mal größere Teile seiner exquisiten Kollektion von „Proustiana“ öffentlich zeigte, da präsentierte die „ZEIT“ den noch weitgehend unbekannten Arzt und Sammler auf einem Foto im Bett.

Speck liegt dort, Proust lesend, auf einem kleinen Kissengebirge, ganz wie der Dichter selig, der in seinen Pariser Wohnungen wegen einer frühen Asthmaerkrankung und anderer Maladien oft wochenlang im Bett schrieb, las, Gäste empfing – und mit tout Paris täglich korrespondierte; dabei auch davon schreibend, dass er das Briefeschreiben eigentlich hasse. Speck im Bett mit seinem proustischen Schnurrbart sieht auf dem alten „ZEIT“-Bild fast aus wie das Vorbild. Das breite, holzgeschnitzte Bett aber steht nun wie inszeniert im ersten Stock seines Kölner Hauses, naturgemäß von Büchern umgeben. Ein Ausstellungsstück?

„Oh nein“, sagt der Hausherr. „Das Bett hat mich in allen meinen Wohnungen begleitet, ich schlafe darin seit meinem vierten Lebensjahr!“

Eine der schönsten Einsichten Marcel Prousts ist ja die, dass der wahre Leser eines Buchs zunächst „ein Leser seiner selbst“ sei. Das berührt das Geheimnis der imaginären Vergegenwärtigung. Bei Reiner Speck, der dieser Tage noch eine hochkarätige „Dr.-Speck-Literaturstiftung“ gegründet hat, scheinen Kunst, Geschichte und eigene Biografie tatsächlich miteinander versponnen zu sein. Das Geringste ist da noch, dass er an einem 10. Juli, Prousts Geburtstag, mit seinem realen Namen als Figur in Jochen Schimangs gerade erschienenem Roman „Das Beste, was wir hatten“ auftaucht. Oder dass auf Specks Initiative soeben Deutschlands erste „Proust-Promenade“ eingeweiht wurde: ein autofreier Flanierweg durch den Kölner Stadtwald und Tiergarten, endend (oder beginnend) direkt hinter Specks eigenem Domizil.

Vor diesem granitfarbenen, von blühenden Hortensien gesäumten Haus aus den 20er Jahren im feinen Bezirk Köln-Lindenthal endet auch die Brahmsstraße. Beim sommerlichen Mittagessen in seinem Garten lacht Speck: „Ich wohne in der Brahmsstraße. Johannes Brahms wurde in Hamburg in der Speckstraße geboren. Proust wählte im Hotel immer das letzte Zimmer links. Ich habe in unserer Straße das letzte Haus links genommen.“

Die Specks sind Ärzte in der fünften Generation. Reiner Speck, der Urologe, hatte allerdings nicht direkt über Blasen und Drüsen promoviert, sondern über den Dichter und Doktor Gottfried Benn, in Berlin einst Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Das Thema: „Medizinische Stilelemente in Prosa, Gedichten und Szenen von Gottfried Benn“. Das war 1967, den Dissertationsdruck las auch Benns Witwe, und sie schickte dem 28-jährigen Herrn Speck in Köln als Zuschuss zur Existenzgründung einen Verrechnungsscheck über 300 Mark.

Speck: „Damit hätte ich damals noch ein Autograf von Gottfried Benn erwerben können.“ Doch der Sammler bewahrt den Scheck bis heute auf. Über Benn und andere berühmte poetische Medizinerkollegen wie Arthur Schnitzler, Alfred Döblin oder den Franzosen Ferdinand Céline hat Speck, der literarische Autodidakt und hauptberufliche Arzt, dann noch manch Profundes publiziert, und auch hier kommt wieder der beziehungsvolle Zufall des „manischen Sammlers“ (Specks Selbstdiagnose) ins Spiel.

„Ich besitze einen Brief von Döblin, in dem er Benn und Céline erwähnt, der Brief aus dem Pariser Exil stammt vom 1. 7. 1938. Ich selbst bin am 1. 7. 41 geboren.“ Das sagt Speck mit einer Mischung aus Selbstironie und Begeisterung am eigenen Sammlerglück. Beim bekannten Berliner Antiquariat Stargardt hat er sogar eine Krankenakte von Alfred Döblin erwerben können; so besitzt Dr. Speck nicht nur Dr. Döblins eigene „Fieberkurve“, nein, der Kölner Urologe hat vom Autor des Jahrhundertromans „Berlin Alexanderplatz“ auch dessen „Prostata-Befund“. Nicht unpassend, dass Specks Hausheiliger Marcel Proust, ein Arztsohn, einen Bruder hatte, und über diesen Robert Proust hat Reiner Speck einen zugeneigten Aufsatz in der internationalen Fachzeitschrift „de Historia Urologiae Europaeae“ verfasst. Denn auch Dr. Proust war Urologe.

Marcel Proust litt seit seinem neunten Lebensjahr an chronischen Krankheiten, und seine monumentale „Recherche“, diese wahrnehmungsschärfste Erkundung vergehender und neu gewonnener Lebenszeit, ist für Speck auch eigene Seelenarznei: weil Prousts Wissen über alles Menschenmögliche zwischen Kindheit, Liebe und Tod immer wieder vom Medizinischen inspiriert ist. In Metaphern gleichen da Brillengläser einem Kehlkopfspiegel, ein Aufzugskorb gleitet wie ein beweglicher Brustkorb an den Wirbeln entlang, eine alte Dame muss derart über die Witze eines Doktors lachen, dass sie sich den Unterkiefer ausrenkt. Auf solche Details verweist Speck schon in seinem frühen Essay über „Proust und die Medizin“, in dem der proustische Speck-Satz steht: „Die Krankheit ist die Beichte des Körpers.“

Das ist mehr als eine Spielerei. Aber dieser wundersame Dr. Speck ist wie jeder wahre Jäger und Sammler fremder Fantasien auch ein Spieler. Schon vor seiner Haustür verrät der dunkelblaue Oldtimer-Jaguar mit den Initialen RS auf dem Kölner Nummernschild, wer hier wohnt. Und die Ziffer dahinter lautet „1304“. Das ist das Geburtsjahr des italienischen Renaissance-Gelehrten, Humanisten und Dichters Francesco Petrarca. Die Tochter von Reiner und Gisela Speck (einer Lungenfachärztin) heißt Laura, wie Petrarcas legendäre, weil nie berührte Dichterliebe. Die reale Laura macht gerade ihren Facharzt in Neurologie und Psychiatrie. Und Petrarca ist Reiner Specks zweiter Hausgott: Proust und Petrarca – von beiden besitzt er die kostbarste private Sammlung überhaupt.

Beim Eintritt ins Haus fallen freilich zuerst die Bilder auf. Gleich hinter der Tür, sozusagen beim Fußabstreifer lehnt im hellen Holzrahmen einer der zahlreichen Twomblys am Boden, gerade irgendwie abgestellt. Mit dem in Rom und im oberitalienischen Grappa-Städtchen Bassano lebenden amerikanischen Großkünstler, den Speck als junger Arzt noch ziemlich preiswert zu sammeln begann, ist die Kölner Familie inzwischen befreundet. Cy Twombly hat einmal eine von der damals vierjährigen Laura Speck beim Abendessen in Bassano verfertigte Zeichnung in eines seiner Schrift-Bilder mit Erwähnung der kleinen Künstlerin integriert.

Das untere Arbeitszimmer und das Wohnzimmer gehen zum weitläufigen Garten, sind kaum möbliert, Parkett ohne Teppiche, nur Bücher in hohen, ganz oben bloß noch mit Steigleiter erreichbaren Regalen – und Bilder. Auch Specks Bibliothek ist schon zum Kunstobjekt geworden, auf Fotografien von Candida Höfer. Im Esszimmer, unter großformatigen Werken von Bruce Nauman, hat das beim ersten Anblick furchterregende, dann aber sehr zutrauliche Paar Artus (ein Dobermann) und Anastasia (eine Weimaraner-Dame) seine Hundekörbe. Neben dem altenglischen Schreibtisch ein weiterer Twombly und eine Zeichnung von Martin Kippenberger: auf dem Briefpapier des Hotels Rheinstern Düsseldorf, betitelt „Hört endlich mal auf mit Scheisse zu schmeißen“ (der allzu früh verstorbene Kippenberger gehört zu Specks Lieblingskünstlern). Gleich daneben dann ein „lesender Mann“.

Diese Worte zieren das Porträt eines sitzenden Herrn mit dunklem Haar und Schnauzer, der nur Monsieur Proust sein kann. Falls er, von Hand des Kippenberger-Freundes Albert Oehlen, nicht Reiner Speck selber ist.

Die Welt ist ein Buch, meinte schon Augustinus. Beim Geschmack eines Gebäcks, einer Madeleine, auf einem Löffel Lindenblütentee kommen dem Erzähler der „Recherche“ die sensuell-spirituellen Erinnerungen an die Kindheit, an die verlorene Zeit. Ein solches Schlüsselerlebnis, also eine Proust’sche Madeleine, hat der Leser und Sammler Speck nie gehabt. Die Sucht kam allmählich. Als werdender Arzt konnte er ins Innere von Menschen dringen, aber nicht in ihr Innerstes. Und die Welt öffneten ihm: Bücher und Bilder. „Was sonst?“, fragt Speck. „Ich kann ja nicht alles selber erleben, vor allem nicht in der Verdichtung, die es nur in der Literatur, in der Kunst und natürlich in der Musik gibt.“

Doch warum das Sammeln? „Mir genügten nie Einzelstücke. Es gibt bei jedem Werk unendlich viele Querverbindungen, alles korrespondiert miteinander, ich brauche die Kontextualität.“ So freut ihn, der als medizinisch-musischer Enzyklopäde lateinisch, englisch, französisch zitiert, wenn er in zeitgenössischen Kunstwerken Zitate von Hadrian oder Ezra Pound findet und man, an Bildern von Mario Merz, On Kawara oder Jannis Kounellis vorbei, in den ersten Stock des Hauses gelangt, wo einen ein großartiges Wandstück von Marcel Broodthaers empfängt. In dieses hat der Künstler ein Gedicht von Stéphane Mallarmé, des Begründers der lyrischen Moderne, eingeschrieben. Die Kunstwelt: ein Buch mit sieben Spiegeln.

Im Obergeschoss, bevor wir ans erwähnte ProustSpeck-Bett treten, entschuldigt sich der Hausherr für eine gewisse Unordnung: „Die Ausleihen an Museen, die neuen Sachen, die reinkommen, die eben erst fertig gewordenen Regale ...“ Trotzdem findet er alles, mit einem Griff. Entlegenste Studien. Oder beispielsweise von 1478 das Unikat einer prachtvoll „illuminierten“ (= illustrierten) Petrarca-Abschrift auf Pergament für den Dogen von Genua. „Der Doge hieß übrigens Adorno“, sagt Speck mit leiser Ironie. Im benachbarten Fach eine frühe Petrarca-Biografie, der Verfasser, Abbé de Sade, war ein Onkel des berüchtigten Marquis.

An den wiederum erinnern, am Boden gegen die Regale gelehnt, drei unlängst erworbene riesige Farbzeichnungen mit sehr eindeutig nackten, auf schon älteren Schößen gelagerten Minderjährigen.

„Das stammt nicht aus dem Besitz von Michael Jackson“, sagt lächelnd Dr. Speck. Es sind die erotischen Künste des selten im Handel erhältlichen französischen Malers und Philosophen Pierre Klossowski („Die Gesetze der Gastfreundschaft“). Dessen Bruder war der noch berühmtere, ebenso erotische Maler Balthus. „Einen Balthus kann ich mir leider nicht leisten“, sagt Reiner Speck.

Das ist wohl ein bisschen untertrieben. Denn letztes Jahr hat Speck rund 300 Kunstwerke, etwa ein Viertel seiner Kollektion, an die von zwei Handelsmagnaten getragene Sammlung Rheingold verkauft: für einen ungenannten, wie er betont, „sehr moderaten Preis“, der dennoch im zweistelligen Millionenbereich liegen dürfte. Werke wie Joseph Beuys’ berühmte Installation „Dürer, ich führe persönlich Baader + Meinhof durch die Dokumenta V“ sind nun noch unterm Signum Rheingold und Speck bis zum Jahresende auf Schloss Dyck bei Mönchengladbach zu sehen.

Aus dem Erlös finanziert Speck auch seine neu gegründete Literaturstiftung. Aber wie hat er das Sammeln finanziert? „Vor 30 Jahren konnte man eine Proust-Handschrift noch für 20 000 Mark erwerben, die heute 200 000 Euro kosten würde.“ Auch die Kunstpreise waren noch nicht in die Millionen explodiert. Speck sagt, er sei kein Erbe, in allem stecke nur sein selbst verdientes Geld. „Petrarca befand, alles, was der Mensch braucht, ist ein Haus, ein Garten und eine Bibliothek. Das habe ich, ansonsten bin ich ein bescheidener Mensch. Ich fahre im Zug zweiter Klasse, Luxushotels langweilen mich, in die Praxis bin ich mit dem Fahrrad gefahren und habe abends immer noch Privatbesuche gemacht.“

Aber der Jaguar vor der Tür? „Der ist meine fahrende Hundehütte!“ Anders könne er Artus und Anastasia nicht transportieren. Nun zieht am Nachmittag ein Gewitter auf, der Hausherr packt für den Gast noch ein paar Bücher und Kataloge ein, und wir wollen noch einmal in seine Proust-Ausstellung, die, von München gekommen, in Köln noch bis zum 6. September zu sehen ist, dann nach Wien geht – und, wer weiß, auch einmal nach Berlin. Für alle, die die Reise zu Specks „Bibliotheca Proustiana“ nur auf dem Papier unternehmen können, gibt es zur Ausstellung übrigens einen fabelhaft dokumentierten Text-Bildband: „Cher ami ... Votre Marcel Proust“ im Kölner Snoeck-Verlag.

Jetzt blitzt und donnert es. Der Besucher steigt in ein Taxi, doch Herr Speck will sein Fahrrad nehmen. So fährt er ins Museum hinterher, zu Proust und seiner Passion, durch Regen und Wind.

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