Kultur : Kunstsammlung Marzona: Der Reichtum der Gedanken

Bernhard Schulz

Was könnte beschaulicher sein als eine Villa auf der terraferma, dem Festland, dem Venedig seit dem 16. Jahrhundert mehr und mehr seinen Reichtum verdankte! Einer der größten Landsitze vermögender Familien ist die Villa Manin, östlich von Venedig bereits im Friaul gelegen. Eine Udineser Familie - die schließlich den letzten Dogen von Venedig stellen sollte - ließ hier seit 1650 einen Prachtbau errichten, dessen Anlage Anleihen sogar bei Berninis berühmtem Petersplatz in Rom macht.

Dem Trubel Venedigs zu entfliehen, gab dieser Tage die Eröffnung der Sammlung Marzona in den seit vielen Jahren für Ausstellungen genutzten Räumen der eindrucksvollen Anlage Gelegenheit. Egidio Marzona, als Spross einer auch im Westfälischen tätigen Unternehmerfamilie zwischen beiden Ländern pendelnd, hat seit den sechziger Jahren als Galerist sowie Verleger von Künstler- und Fotobüchern in Düsseldorf gearbeitet, mehr und mehr aber eine Sammlung von inzwischen rund 1000 Kunstwerken mit Schwerpunkt auf den konzeptuellen und minimalistischen Richtungen der sechziger Jahre zusammengetragen. Teile davon sind jetzt in der Villa Manin zu sehen, ein zweiter Ausschnitt in der Kunsthalle Bielefeld.

Aus Berliner Sicht musste das überraschende Auftauchen des Kulturstaatsministers Julian Nida-Rümelin wie auch der Bundestags-Vizepräsidentin Antje Vollmer in Passariano aufmerksam machen: Es wird erwogen, die Sammlung Marzona für einen Betrag im unteren zweistelligen Millionenbereich für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu erwerben. Die beherbergt im Hamburger Bahnhof zwar die Pop Art vor allem der sechziger und siebziger Jahre (aus der Sammlung Marx), nicht aber die gegenläufigen, eher kopflastigen Tendenzen jener beiden, so ungemein produktiven Dekaden.

Da nun könnte Marzonas Sammlung mit einem Schlag für Ausgleich sorgen. In der Villa Manin sind etwa 200 Arbeiten in 26 Sälen ausgestellt, nicht chronologisch geordnet, zumal Marzona weitere Interessen im Design der zwanziger Jahre einerseits, bei den Künstlerbüchern des Jahrhundertbeginns andererseits verfolgt. So finden sich überraschende Vitrinen mit Büchern Paul Scheerbarts von 1910 oder aber Bauhaus-Möbel aus dem folgenden Jahrzehnt eingestreut zwischen die skulpturalen Arbeiten von Carl André, Ronald Bladen oder Richard Long, die mit einem Iglo von Mario Merz oder Wandschriften von Lawrence Weiner Eckpunkte der Sammlung markieren.

Daneben gibt es Werke neuesten Datums, etwa von Jenny Holzer. Stets werden Bögen geschlagen von älteren zu neueren Arbeiten, die spielerisch inszeniert sind und zugleich die künstlerische Spannung verraten, die über Jahrzehnte hinweg wirkt. Sie reicht fallweise bis zu Man Ray oder zum (späten) Duchamp zurück, auf den wiederum beispielsweise Marcel Broodthaers antwortet.

Im Falle nicht nur des früh verstorbenen Belgiers handelt es sich um Arbeiten, die in der Dokumentation ihrer Entstehung und ihres Verlaufs nicht so sehr weiterleben als überhaupt bestehen, und diese Verbindung von Werk und Archiv, wie sie der Konzeptkunst der sechziger Jahre zu eigen war, machen eine der ganz großen Stärken der Sammlung Marzona aus. Hier ist ein Komplex zusammengetragen worden, der den künstlerischen Prozess gegenüber dem Resultat in Gestalt des vorzeigbaren Werks hervorhebt. Genau daran mangelt es der Sammlung im Hamburger Bahnhof.

"Es gibt weltweit keine vergleichbare Quelle, mit der die Epoche von der Minimal Art bis zur Arte povera, Conceptual Art und Land Art einschließlich aller dazugehörigen Kunstphänomene besser studiert werden könnte", schreibt Thomas Kellein im zweiten Band des Katalogs, der die Ausstellung in der von ihm geleiteten Kunsthalle Bielefeld begleitet. Dort liegt der Schwerpunkt eher auf den Einzelwerken, das Spektrum reicht von Vito Acconci bis zu einem frühen Hans Haacke, von Donald Judd bis Sol LeWitt.

In der Villa Manin lebt die Präsentation vom Kontrast zu den spätbarocken Räumen (der erste Band des Katalogs bildet erfreulicherweise die fertige Ausstellung ab). Deren mangelnde Eignung für eine Ausstellung jüngerer Kunst wurde aufs Schönste in einen Vorzug gewendet: So korrespondiert der Entwurf zu Claes Oldenburgs Skulptur "House Ball" - das ausgeführte Werk steht in Berlin, Nähe Friedrichstraße - mit einem gleich großen, prachtvollen Standglobus.

Marzonas Auftritt im heimischen Friaul will keinen kunsthistorischen Lehrgang absolvieren, dafür etwas erahnen lassen von der Kreativität, aus der die gezeigten Werke heraus erdacht und geschaffen worden sind. Diesen schöpferischen Impuls über die Jahrzehnte hinweg sichtbar zu erhalten, ist eine besondere Qualität der Sammlung, die bei der Entscheidung über einen Ankauf für Berlin ins Gewicht fallen muss.

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