Kultur : Kunstschatz: Zentralismus für alle

Rüdiger Schaper

Der Kanzler macht Berlin ein "Weihnachtsgeschenk". Der Bund wird den Erwerb der Sammlung Berggruen finanzieren. Das ist eine Nachricht - sie kommt besinnlich daher und ist ein gewaltiger Coup. 200 Millionen Mark! Eine Zäsur im Verhältnis des Bundes (der ja eine abstrakte Größe darstellt) zu seiner konkreten Hauptstadt Berlin. Und vielleicht der Beginn einer neuen Freundschaft ...

Heinz Berggruens Kollektion der klassischen Moderne, diese charmante Parade der Picassos, Klees, Matisses, bleibt nun - so weit auf dieser Welt, in dieser Stadt etwas von Dauer ist - auf Dauer in Berlin: vis-à-vis dem Charlottenburger Schloss, in dem herrlich restaurierten Stüler-Bau. Das Land Berlin hat Anfang der Neunziger - auch damals war die Überraschung riesengroß - unbürokratisch zugegriffen, als Berggruen, der in Berlin geborene jüdische Emigrant, seinen Schatz als Leihgabe anbot. Der Bund baut das begonnene Gebäude zu Ende. Und das geschieht nicht ohne Konsequenzen.

200 Millionen Mark: fast doppelt so viel, wie der Bund jährlich direkt für Hauptstadtkultur gibt. Es sind Dimensionen, die sonst nur für die Museumsinsel gelten. Und, wenn es denn partout kommen muss, eines Tages beim Schloss. Aber Berggruens Sammlung ist mehr wert als 200 Millionen Mark. Sponsoren sollen noch gewonnen werden, und das Land Berlin ist in der Pflicht, seinen Anteil an der endgültigen Kaufsumme aufzubringen.

200 Millionen Mark: Das ist der Durchbruch. Aber - darf der Bund das denn? Ist das "Geschenk" nicht ein Anschlag auf die Kulturhoheit der Länder? Kulturstaatsminister Michael Naumann hat diese "Hoheit" jüngst als obsolet bezeichnet. Und selbst wenn er nachher seinen Aufsatz in der "Zeit" aufweichte - er hat Recht! Kulturhoheit ist gut, wenn man sie auch finanziell darstellen kann. Berlin ist dazu nicht in der Lage. Berlin braucht Geld - viel Geld für Kultur. Wer bezahlt die Renovierung der Staatsoper? Soll der Bund die Staatsoper übernehmen, weil sie nun einmal so heißt? Wer zahlt bei der "Topographie des Terrors"? Der Bund?!

Michael Naumann, oft als Schröders Frühstücksdirektor verspottet, als machtloser Neupolitiker abgetan, wächst eine Fülle neuer Aufgaben zu. Die Anforderungen an die Kulturpolitik des Bundes werden stärker. Beim momentanen Berlin-Deal bleibt es garantiert nicht. Der Bund wird sich für die Berliner Kultur substanzieller engagieren müssen - und wollen. In diesem Jahr übernahm er schon vier Institutionen: das Jüdische Museum, die Festspiele, das Haus der Kulturen der Welt, den Gropius-Bau. Die Bedeutung des Kulturstaatsminister nimmt nicht ab. Sie nimmt zu.

Der Erwerb der Sammlung Berggruen stellt ein singuläres Ereignis dar, das dennoch Modellcharakter hat. Der Bund beschenkt Berlin. Sich selbst. Das Land - und auch die Länder. Alle.

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