Kunststadt : Das Wunder von Berlin

Wunder geschehen immer wieder, selbst im nüchternen Berlin: Eine Studie zur Kunststadt bringt unsere Tagesspiegel-Autorin zum Staunen.

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Man muss sie nur benennen, um sie bestaunen zu können. Ein solches Wunder hat jetzt das aus Witten-Herdecke nach Berlin umgesiedelte Institut für Strategieentwicklung ausgemacht. Im eigenen Auftrag hat es für eine Studie zur Kunststadt Berlin 80 Protagonisten der Szene befragt, jede Menge Statistiken ausgewertet und am Ende resümiert: Der große Erfolg Berlins als internationaler Standort der Gegenwartskunst ist ein Geschenk, mit dem die Stadt eigentlich nichts Rechtes anzufangen weiß.

Die cleveren Strategieentwickler empfehlen deshalb dringend Vernetzung und die Bildung eines „Parlaments der Gegenwartskunst“, weil die vielen Ausstellungsorte in der Stadt – von der kommerziellen Galerie bis zum Museum, vom Kunstamt bis zum Kunstverein – häufig voneinander nichts wissen und ihre Potenziale verpuffen. Dahinter steckt die berechtigte Sorge, dass die Erfolgskurve Berlins als Kunststadt nach unten abknicken und der enorme Zuzug von internationalen Künstlern, Sammlern und Galeristen irgendwann ins Stocken geraten könnte. Bislang wuselte es sich passabel nebeneinander her, auch wenn die Finanzkrise schon zur Schließung erster Galerien geführt hat. Doch der Bonus Kunststadt, der im Gefolge nach den kreativen Geistern nicht nur die Touristen, sondern auch Wirtschaftsunternehmen angelockt hat, könnte leicht verloren gehen. Jeder Hype endet irgendwann einmal.

Geschenk, das klingt danach, als ob der Erfolg der Stadt unverdient in den Schoß gefallen wäre. Doch hinter der Popularität Berlins für Kunst-Aficionados steckt harte Arbeit. Rund 800 Künstler, die von ihrem Schaffen leben können, so die Studie, haben hier ihr Atelier. Sie sind die wichtigsten Akteure im Beziehungsgeflecht – ohne Künstler keine Kunststadt. Hinzu kommen 430 Galerien, die bei der Befragung berücksichtigt wurden, von denen 80 regelmäßig Messen beschicken. 2009 erwirtschafteten sie einen Umsatz von 100 Millionen Euro, sechzig Prozent allein mit Malerei. Mit jährlich über 3000 Ausstellungen von 5000 Künstlern bilden sie das größte Schaufenster in der Stadt. Die insgesamt 45 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche der Galerien übertreffen den Hamburger Bahnhof um das Dreieinhalbfache. Oberflächlich betrachtet, besteht das Wunder von Berlin in der schieren Masse. Am erstaunlichsten aber ist die ungebrochene Lust des Publikums, all diese Kunst sehen zu wollen.

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