Kunststücke : Eiserner Irrtum

Michaela Nolte sichtet, was in den nächsten Tagen versteigert wird.

Michaela Nolte

Mit „60 Jahre – 60 Werke“ sollte im Sommer im Martin-Gropius-Bau die „Freiheit der Kunst“ gefeiert werden. Die verstand sich bundesrepublikanisch, ließ DDR- Künstler kurzerhand außen vor und löste heftige Debatten aus. Nun wird die eigentlich aberwitzige These, wahre Kunst könne nur in freien Systemen entstehen, mit einer Ausstellung des Auktionshauses Jeschke, van Vliet (Krausenstraße 40, bis 30. November) unfreiwillig untermauert. „Hinter dem Eisernen Vorhang“ zeigt rund 300 Bilder aus der Sowjetunion, von den dreißiger Jahren bis zur Auflösung 1991. Eine italienische Sammlergruppe will den Sozialistischen Realismus eines Stanevich Vladimir Alekseevich oder Pribluda Lyubov Tsalevna nobilitieren und zieht mit verquerer Nostalgie gegen einen „Verdrängungsprozess von großem Ausmaß“ zu Felde. Nur haben die Staats- und Volkskünstler, bei denen selbst Russen lediglich mit den Schultern zucken, unter Ausschluss jeglicher Qualitätskriterien gearbeitet. Zudem lässt der Katalog konkrete Provenienzangaben vermissen, obwohl die Werke aus regionalen Museen „geborgen“ wurden. Rund die Hälfte wird am 6. November im Auktionshaus (Schützenstraße 39, ab 19 Uhr) versteigert: No-Names zu meist fünfstelligen Schätzungen. Ob die Rechnung aufgeht, für Propaganda-Kitsch horrende Preise zu verlangen, bleibt abzuwarten. Ärgerlich, dass drittklassige Techniker qua Exotenbonus zu Künstlern und obendrein zu Opfern der Perestroika stilisiert werden.

Kunsthistorisch und für Sammler weitaus solider ist das Angebot am heutigen Sonnabend bei Irene Lehr (Auktion ab 13 Uhr, Hotel Excelsior, Hardenbergstraße 14). Auch hier bestreiten oft weniger bekannte Künstler das Programm – allerdings kann man sie in der Regel als Entdeckung verbuchen. So ist 16 000 Euro für Bernhard Kretzschmars Aquarell „An der Kasse“, ein Glanzstück der Neuen Sachlichkeit von 1924, absolut angemessen, während der „Garten im Frühling“ von Otto Dix (45 000 Euro) eher etwas für Liebhaber sein dürfte – lässt doch das späte Ölbild die frühere Vitalität vermissen. Vor allem aber hat das Auktionshaus mit dem Fokus auf Künstlern der ehemaligen DDR stets bewiesen, dass auch unter dem SED-Regime unabhängige und gute Kunst entstanden ist; nur unter schwierigeren Bedingungen und dem weitgehenden Verzicht auf internationale Resonanz. 80 Jahre habe er auf Anerkennung gewartet, hat der große Konstruktivist Hermann Glöckner einmal gesagt. Sein 1964 entstandenes Urmodell der „Faltung I (diagonal gefaltetes Rechteck)“ aus Messing kommt mit 5000 Euro zum Aufruf, eine konstruktivistische Tafel von 1934 mit 10 000 Euro. Die Preisspitze der 488 Lose bildet Emil Noldes undatiertes „Segelboot“. Das in zartem Grün aquarellierte Kleinod ist auf 60 000 Euro geschätzt.

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