Kunststücke : Heiter wolkig

Simone Reber beobachtet künstlerische Gemütslagen.

Simone Reber

Ein Hut? Ein Kuss? Ein Fragezeichen. Durchsichtig treibt das Rot über den hellgrünen Grund, gelassen lehnt es sich zurück, entspannt fließt die Farbe in alle Richtungen. Eine wohlige Sinnlichkeit geht von den Aquarellen des belgischen Malers Raoul de Keyser aus. Die zarte Berührung des Pinsels ist ihnen anzusehen, den Rest überlässt der Altmeister souverän der Farbe. In seiner Malerei knüpft de Keyser, 1930 in Deinze geboren, an de Stijl, Kasimir Malewitsch und die abstrakten Expressionisten an. Doch er mag die Unwägbarkeit. Für die documenta IX hat er 1992 die Farbe direkt aus der Tube auf die Leinwand katapultiert. Seine Aquarelle waren bisher allerdings weitgehend unbekannt. Der Künstler nutzt sie als Verbindungslinien zwischen Werkgruppen, aber auch als Geschenke für Freunde. Nach einer Ausstellung im spanischen Porto zeigt die Galerie Barbara Weiss nun die exquisiten Blätter (bis 15. August, Zimmerstraße 88-89). Hier bleibt de Keyser ganz in der Schwebe. Er stellt Fragen an die Welt, sein Blick schaut dabei auf die Landschaft seiner Kindheit und nach Innen. Nasse, dunkle Erde bricht sich in scharfen Ackerschollen, Abendrot färbt die Atmosphäre zart violett. Der Himmel wölbt sich über das Land, das zu einer weizengelben Linie zusammenschnurrt. Der Wimpernschlag des Pinsels führt zu einer zufälligen Begegnung der Farben (Blätter ab 6000 bis 10 000 €). De Keysers Arbeiten auf Papier erproben Möglichkeiten. Wie ein Fluss zieht diese Beinahe-Welt vorüber, selbst der Künstler kann sie nicht festhalten. Raoul de Keyser ist weise genug, es gar nicht erst zu probieren.

Schneeweiß sind dagegen die Spannungsprotokolle von Micol Assaël. Die dreißigjährige Italienerin hat die Begegnung von Licht und Luft studiert, sie interessiert sich für atmosphärische Störungen und elektrische Entladungen. Nach einem Aufenthalt in Island hat die Künstlerin, die eigentlich in Rom und Moskau lebt, ihre tagebuchartigen Skizzen begonnen. Mit weißer Tusche auf weißem Papier. Entstanden ist eine Chronik der seelischen Wetterlagen. „Inner Disorder“ heißt die aktuelle Ausstellung in der Galerie Johann König (bis 8. August, Dessauer Straße 6-7). Hierfür hat Micol Assaël ihre Zeichnungen wie Kalenderblätter geordnet und in luftig transparenten Glasvitrinen archiviert (ab 13 400 bis 50 000 €). Die biomorphen Formen umreißen die Schaltzentralen des Körpers, das Herz, die Adern, den Magen und das Hirn. Kleine Universen schimmern auf und vergehen. Im Schatten hebt sich die weiße Farbe vom Papier ab, sobald Licht auf die Schaukästen fällt, verschmilzt sie dagegen mit dem Hintergrund. Faszinierend und beunruhigend wirkt dieser Versuch, geistige Energie auf Papier zu bannen. Wie in einem Labor brodelt unter dem Sicherheitsglas der Vitrinen künstlerische Hochspannung. Anders als Raoul de Keyser will Micol Assaël ihre Möglichkeiten einfangen und setzt sich dabei auch der Gefahr des Kontrollverlustes aus.

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