Kunststücke : Kürbis voraus!

Jens Hinrichsen sucht Verbindungen zwischen Künstlergenerationen.

Jens Hinrichsen

„Zap. Du bist schwanger. Das ist Hexerei.“ Mit diesen hingekritzelten Schlusstiteln endet Kenneth Angers experimenteller Satanistenfilm „Invocation of my Demon Brother“ aus den späten sechziger Jahren. Und wir schleppen uns tatsächlich bilderschwanger aus dem silbergrauen Anger-Kabinett mit Projektion, Filmstills und Neonskulptur. Dabei gäbe es in den weitverzweigten Räumlichkeiten der Galerie Sprüth Magers (Oranienburger Straße 18, bis 29. August) noch so viel zu sehen. Die Gruppenschau „Source Codes“ spürt diversen Quellen zeitgenössischer Kunstproduktion nach und versammelt neben der Installation des US-Avantgardefilmers Anger noch Arbeiten von neun anderen Künstlern, die während der sechziger und siebziger Jahre die Kunst umgekrempelt haben (Preise von 825 000 bis 225 000 $). Richard Artschwager (seine Soloschau in der allzu weitläufigen Ausstellungshalle der Galerie geht parallel weiter), John Baldessari, Richard Hamilton oder Paul Thek sind ja heute längst keine Geheimtipps unter Künstlern mehr. Entdecken kann man allerdings den Amerikaner Bruce Conner mit seinen poetisch-ausgetüftelten, auf dem Prinzip Rorschachtest basierenden Tintenklecksbildern und seinem psychedelischen „Easter Morning“-Film von 2008. Einen wirren Eindruck hinterlässt dagegen der „Source Codes“-Begleittext zur Ausstellung: Die um Sinnstiftung bemühten Sätze bestärken eher noch die Zweifel an den postulierten Gemeinsamkeiten.

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Trotz Gruppenvielfalt überzeugt die just im März in Mitte eröffnete Galerie 401 Contemporary mit Konturenschärfe – und das nicht nur, weil die aktuelle Schau mit Malerei, Zeichnungen, Skulpturen und Videokunst dreier Künstlergenerationen schlicht „Linie“ heißt (Preise zwischen 880 und 53 000 €). Der Ausgangspunkt liegt draußen: Nur aus einer bestimmten Perspektive fügen sich die Linien, die Peter Weibel auf Schaufenster, Innenwand und Boden geklebt hat, zur kompletten „Rauminstallation“ mit Tisch, Stuhl, Regal. Hinter diesem virtuellen Wohnzimmer sind Neonarbeiten von Fritz Balthaus, Maurizio Nannucci und Keith Sonnier zu sehen; unter dem Titel „Totes Licht“ spannt Jakob Mattner einen mit kohleschwarzer Pappe ummantelten Stahlseil-Strahl von der Galeriedecke durch den Fußboden bis zum Keller. Auf der Fläche bleiben die Malereien auf Shaped Canvas, die Stefan Sandner nach Notizzettelkritzeleien angefertigt hat. Ähnlich verhält es sich mit den Radierungen von Till Verclas: Der Grafiker druckt seine dynamischen Lineamente auf Gips statt Papier – und reaktiviert damit eine historische Technik, die ohne Druckerpresse auskommt. Eine Treppe tiefer türmen sich fünf Videomonitore, auf denen Linien zu Touristenpfaden mutieren. Zwischen 2001 und 2007 rollte Christoph Rütimann für seine Serie „Geh-Länder“ mit der Kamera auf Geländern am Piccadilly Circus, auf Pekings Rolltreppen oder in der Chinesischen Mauer herum. Beim „Handlauf Kürbis“ (2004–05) handelt es sich dann um rote Bewässerungsschläuche, auf denen die Kamera in Blattlausperspektive entlangfährt. Stößt das Objektiv gegen einen Kürbis, macht Rütlimann einen harten Schnitt: Crashkino mit Feldfrüchten (Brunnenstraße 5, bis 8. August).

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