Kunststücke : Leichtfüßig

Der Künstlerteppich erfährt ein Revival. Michaela Nolte inspiziert Böden und Teppiche.

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Einen Wandteppich der besonderen Art hat Pauline Kraneis kreiert: Schwarz-weiß gemusterte Auslegware zieht sich von der Bodenkante über die untere Wand der Galerie Fricke (Invalidenstraße 114, bis 19. Juni). In einem halben Meter Höhe bricht der Digitaldruck mitsamt den weißen Stuhl- und Tischbeinen jäh ab. Der Teppich als Raum im Raum spielt an der Wand mit räumlicher Wahrnehmung. Das Apartment im „Berry Court Hotel“ dürfen wir uns im Kopf selbst zusammenbauen. Ebenso wie in Kraneis’ großformatigen, zwischen Gegenständlichkeit und Konzeptkunst angesiedelten Bleistiftzeichnungen von Hotel-Lobbys oder Konferenzzimmern (1000–6000 Euro). Die 1970 geborene Künstlerin erfasst den Raum als Ganzes. Doch durch die geschickten Aussparungen wird er zum fragmentarisch-illusionistischen Sinnbild, dessen Ausgangspunkt der akribisch gezeichnete Bodenbelag ist.

Gemütlichkeit, wie man sie gemeinhin mit dem Teppich assoziiert, herrscht an diesen transitorischen Orten nicht. Diesen Aspekt greift Catherine Bertola auf. Ein reizvoller, wenn auch verklausulierter Kontrast. „From the Palace at Hillstreet“ (8000 Pfund) rekonstruiert einen Teppich, der im 18. Jahrhundert für Elizabeth Montagu, Salondame und Mitbegründerin der Blaustrumpf-Gesellschaft, gefertigt wurde. Die 1976 geborene Bertola hat drei Fragmente des Originals von freiwilligen Helfern knüpfen lassen. Womit sie das Dekorative und den repräsentativen Glanz konterkariert und so die Erinnerung an die kommunikative Funktion der Salons und deren Verlust in den Vordergrund rückt.

Dass der Künstlerteppich ein Revival erfährt, zeigt nicht zuletzt Rudolf Stingels imposante Installation in der Neuen Nationalgalerie, mit der dem Südtiroler spannende Fragen um bürgerliche Behaglichkeit und die Strenge von Mies van der Rohes Architektur-Ikone geglückt sind. Derlei Transformationen lässt die Ausstellung bei Isabella Bortolozzi (Schöneberger Ufer 61, bis 29. Mai) leider vermissen. Der ambitionierte Titel „More Carpets“ nach Goethes angeblich letzten Worten „Mehr Licht“ bleibt trotz zugkräftiger Namen wie Lucio Fontana, Rosemarie Trockel oder Danh Vo wenig erhellend.

Eine Teppich-Skulptur, einst Teil der Installation „Ein noch zu weiches Gewese der Urian-Bündner“, mit der Kai Althoff 1999 eine bitterböse Fiktion um faustische Männerbünde entwarf, wirkt – so pur und ihres Kontextes beraubt – wie auf dem Sperrmüll vergessen. Gleich daneben verliert selbst Robert Rauschenbergs „Samarkand Stitches II“, ein im Rahmen von ROCI (Rauschenberg Overseas Culture Interchange) 1988 von usbekischer Volkskunst inspirierter Wandbehang, an Kraft. Seltsam gezähmt auch Albert Oehlens Teppich. Zum Drauflegen und Kuscheln eignet sich das albtraumartige Szenarium nicht, doch in dem großbürgerlichen Ambiente schrumpfen Skelett und Fabeltier zum aparten Design. Vielleicht liegt es an dem Parkett: Die edle Holzvertäfelung der Räume bietet kaum Reibungspunkte, und das textile Sammelsurium tut ein Übriges. So werden künstlerische Ideen unter den Teppich gekehrt.

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