• "Kunstszenarien in Unternehmen": Steinbruch im Haus - Eine Analyse von Elisabeth Wagner

Kultur : "Kunstszenarien in Unternehmen": Steinbruch im Haus - Eine Analyse von Elisabeth Wagner

Peter Herbstreuth

Seit Gegenwartskunst kein fragloses Statussymbol für kultivierten oder exzentrischen Geschmack mehr ist, ist das Interesse der Unternehmen, sie aus repräsentativen Gründen zu sammeln, gesunken. Doch hat sie innerhalb der Unternehmenskultur weiterhin einen Zweck: Sie dient einem auf Dynamik, Kreativität und Innovation gestimmten Klima. Erfolgreiche Unternehmen müssen Ressourcen und Produkte flexibel halten und sehen sich nicht als bloße Wirtschaftseinrichtungen, sondern als kulturell bestimmte und bestimmende Sozialverbände, die im Kampf gegen Konkurrenten nur mit hochmotiviertem Einsatz bestehen können. Gegenwartskunst bietet Trainingsfelder für ein Denken in Widersprüchen und im Umgang mit Zufälligkeiten.

Elisabeth Wagner hat die "Kunstszenarien in Unternehmen" am Beispiel von Bayer, Daimler Benz und Siemens untersucht. Ihre Analyse gibt Einblick in drei Unternehmen, deren kulturelle Aktivitäten oft auf Sponsorentätigkeit verkürzt werden. Wagner führt in die Zielsetzungen und Schwerpunkte etwa des Siemenskulturprogramms ein und erläutert "Kultur" als Faktor der Unternehmensführung. Anfang der neunziger Jahre initiierte die Führung von Siemens eine neue Personal- und Organisationsentwicklung. Das Ziel war Produktivitätssteigerung, um neue Märkte in Südostasien und Amerika zu erschließen. Dazu war ein "Cultural Change" im Innern des Unternehmens notwendig. Die Förderung von eigenverantwortlichem Handeln, Teamfähigkeit, Risikobereitschaft sollte aus den Abteilungen eine "Flotte wendiger Boote" machen, deren Mannschaft dem Druck der Innovation nachkommt. Diese Prioritäten führten dazu, dass auch Gegenwartskunst gefördert wurde, die "dem Kunstmarkt vielleicht entgegen steht", und dass musikalische und bildnerische Formen gefragt waren, die "alte innere Bilder zerreissen". Elisabeth Wagner erinnert an den Kunsthistoriker Max Imdahl, der mit Angestellten quer durch die Hierarchie der Bayer AG in Leverkusen von 1979 bis kurz vor seinem Tod 1988 regelmäßig "Kunstgespräche" durchführte. Über die Bilder, die er besprach, hat er auch wissenschaftlich gearbeitet. Imdahl entwickelte kein Sonderprogramm für Laien, sondern machte die Zuhörer mit der aktuellen Auseinandersetzung vertraut. Seine Fragen sollten die ihren werden. Darin lag sein Erfolg.

Die Untersuchung beschränkt sich darauf, wie einerseits die Zeichen und Bedeutungen der Kunst, andererseits ihre materielle und sensuelle Substanz in Unternehmen fruchtbar gemacht werden. Dem Kunstwerk als Tauschobjekt und Wertanlage, wie es vor allem Banken favorisieren und in Wanderausstellungen vorgeführen, geht sie nicht nach. Ihr Erkenntnisinteresse liegt in der Verbindung künstlerischer und unternehmerischer Diskurse. Mit Jean-Christophe Ammann betrachtet sie die Kunstgalerie als eine "Art Steinbruch, wo sich jeder Ideen für die Zukunft holen kann". Diesen Steinbruch holen sich manche Unternehmen ins Haus - wegen der Ideen. Der Rest ist Handel und steht in anderen Büchern.

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