Kunstszene : Die neuen Müden

Händler zieht es ins Internet, Paris kommt nach Berlin, die Parole heißt: Metamodernism. Was uns 2011 in der Kunstszene erwartet.

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Immer Erster sein. „Das Paradies der Zaungäste“ (2009) von Claudia Rogge stammt aus dem Buch „Modern Art for Sale “. Foto: Galerie Voss / VG Bild-Kunst, Bonn 2010
Immer Erster sein. „Das Paradies der Zaungäste“ (2009) von Claudia Rogge stammt aus dem Buch „Modern Art for Sale “.Foto: Galerie Voss / VG Bild-Kunst, Bonn 2010

Den Anfang macht Hongkong. Auf der Messe grüßt eine monströse Mädchenskulptur von Keiichi Tanaami. Pop-Art auf Japanisch und eine Garantie für gute Geschäfte, wie sie die Art HK 2010 im Mai vermeldete. Eine Seite weiter glitzert der Pool des Hotel Delano. Selbst wenn man das Motiv inzwischen ein bisschen oft gesehen hat, symbolisiert die Abendszene immer noch einen Kunstmarkt, für den glamouröse Partys mindestens so wichtig sind wie die übergroßen Formate der Gemälde.

Beide Bilder kommen noch vor dem ersten Kapitel eines neuen Buches, das die Messen dieser Welt versammelt. Damit zeigt „Modern Art For Sale“ (Feymedia Verlag, 223 S., 49 Euro) schon auf den ersten Seiten, wohin die Reise geht: ins milde Klima von Miami oder in den fernen Osten. Hier interessieren sich potente Sammler nicht bloß für europäische Malerei des 19. Jahrhunderts. Ebenso gefragt sind Andy Warhol, Damien Hirst oder der britische Bildhauer Antony Gormley. Henry Werner, der als Journalist und Presseattaché der Dänischen Botschaft in Berlin tätig war, vergisst nicht zu erwähnen, dass sich die Kunstmesse Hongkong innerhalb von drei Jahren zu einem Ort entwickelt hat, an dem auch in der zeitgenössischen Kunst Millionen umgesetzt werden. So entwickeln die neuen, jungen Adressen Kräfte, denen die alten europäischen Schauplätze nur bedingt gewachsen sind.

Werner beginnt 2007 und macht die Boomzeit noch einmal gegenwärtig. Es ist ein opulenter Bildband geworden, mit einigen Klischees und dennoch vielen Informationen, die die Charaktere der einzelnen Messen aus ihrer individuellen Geschichte herleiten. Und vielleicht ist das Buch auch ein letzter Reflex auf jenen Handelsplatz, wie er sich seit der Gründung der Art Cologne 1967 als Vorbild aller Messen manifestiert. Denn ein neuer Typus schüttelt und testet derzeit die Kunstszene, ob online nicht doch noch etwas geht: die VIP Art Fair.

Ein lausiger Name, der allerdings in die Irre führt. Statt „very important“ meint der Titel „Viewing in Private“, und die Sammler aus aller Welt müssen sich zwischen dem 22. und 30. Januar nur bis zu ihrem nächsten Web-Account bewegen. Die Messe mit 137 Galerien aus 30 Ländern findet ausschließlich unter www.vipartfair.com im Internet statt. Als „lebendige Präsentation, bereichert durch Videostreaming und dynamischen Zoom“ sowie die Möglichkeit, mit den Händlern direkt in Kontakt zu treten. Dafür muss man zahlen, sonst sind die Kunstwerke nur zu betrachten.

Nun haben schon viele Plattformen mehr oder weniger erfolgreich versucht, mit Kunst online zu handeln. Aufhorchen lässt hier aber nun die Liste der Teilnehmer, darunter Marlborough, Michael Werner und Moeller Fine Art aus New York, Yvon Lambert aus Paris neben Sprüth Magers aus Berlin. Gewichtige Galerien, denen die realen Plattformen von Basel bis Mumbai offenstehen. Genau wie den Initiatoren: neben anderen Rudolf Zwirner, Max Hetzler, Larry Gagosian und die Schweizer Galerie Hauser & Wirth. Dass sie ihren Radius dennoch ins Virtuelle erweitern, resultiert aus der wachsenden Zahl von Messen und dem damit verbundenen Überdruss, den Galeristen wie Sammler seit Langem empfinden. Zu viele Events, zu viele Reisen.

Dass im letzten Jahrzehnt die Kunstwelt immer globaler geworden sei, konstatiert auch der New Yorker Galerist James Cohan als Projektentwickler der VIP Art Fair. „Wir wollen die internationale Reichweite des Internets ausnutzen, um einen Zugriff auf die besten zeitgenössischen Kunstwerke von jedem Ort der Welt zu ermöglichen.” Ob die Idee zündet und sich die Messemüden zum nächtelangen Surfen mit Champagner am eigenen Schreibtisch verleiten lassen, wird sich in wenigen Wochen zeigen.

Währenddessen rüstet man in Berlin abermals zum Austausch zwischen Spree und Seine. Vom 14. bis 15. Januar sind 14 Händler aus Paris zum dritten Mal ein Wochenende lang zu Gast in Berliner Galerien. Als „Wunschpartner“, deren Künstler zum Programm etwa von Ben Kaufmann, Klemm’s, PSM oder Florent Tosin passt. Sie alle betonen die europäische Nachbarschaft und machen klar, dass man sich trotz der geografischen Nähe nicht als Konkurrenz begreifen muss. Sondern als Partner, die sich mit Blick auf die globalen Entwicklungen stärken.

Zum Konzept gehört ein breites Spektrum von etablierten bis hin zu kleineren Avantgarde-Galerien, die Ende Januar zum Gegenbesuch nach Paris reisen. Mit Motto aus Berlin und der Pariser Librairie Yvon Lambert nehmen zum ersten Mal Buchhandlungen bzw. Verlage teil. Als Konstanten darf man inzwischen Galerien wie Mehdi Chouakri oder Konrad Fischer sehen, die seit dem ersten, von der Französischen Botschaft initiierten Austausch „Berlin-Paris“ mit stets denselben Partnern dabei sind.

Einen echten Neuzugang markiert schließlich ein Wort: Metamodernism. Auf der Suche nach einem Begriff, der die jüngsten Strömungen in der Kunst methodisch fassbar macht, sind die beiden Kulturtheoretiker Timotheus Vermeulen und Robin van den Akker auf diese Schöpfung gekommen. Was sich damit beschreiben ließe, haben Vermeulen und van den Akker kurz vor Weihnachten in der Galerie Tanja Wagner vor Publikum diskutiert. Im Rahmen der Ausstellung von Paula Doepfner, die ihrerseits zwischen Bergen aus Reisig, einem geschmolzenen Eisblock und Bleistiftzeichnungen nach einer individuellen Haltung forscht.

Zynischer als Jeff Koons können die Endzwanziger nicht mehr werden, konzeptueller als Martin Creed geht es kaum und der feine Spott eines Martin Kippenberger ist nur wenigen gegeben. Was also tun mit dem künstlerischen Erbe, der Moderne mit ihrem Anspruch auf absolute Wahrheit und der daraus resultierenden Vielstimmigkeit der Postmoderne? Einen neuen Diskurs anstoßen.

Und zwar auf jener Metaebene, die im paradoxen Wissen darum reflektiert, dass man selbst Teil der Betrachtung ist. Solche Tendenzen hat das Duo in der bildenden Kunst wie der Architektur und im Theater ausgemacht und Theoretiker aller Disziplinen eingeladen, an einem Buch mitzuschreiben, das Mitte des Jahres erscheinen wird.

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