Kultur : Kunst&Katastrophe

Es ist fünf nach zwölf, sagen Deutschlands Theaterleute. Ihr im Auftrag des Bundespräsidenten verfasster Bericht lässt sich dennoch alle Zeit der Welt

Frederik Hanssen,Christiane Peitz

Von Frederik Hanssen

und Christiane Peitz

„Es würde uns schon helfen, wenn wir geteilte Dienste bei den Ankleidern einführen könnten“, sagt ein Mitglied der Komischen Oper Berlin. Geteilte Dienste? Nun, das ist so: Die Menschen, die den Künstlern beim Kostümwechsel helfen, darf der Intendant nicht vormittags bei der Probe und abends bei der Aufführung je vier Stunden beschäftigen, sondern nur acht Stunden „am Stück“. Also müssen an einem normalen Bühnenarbeitstag zwei Ankleider beschäftigt werden.

Menschen, die in staatlich subventionierten Institutionen arbeiten, können Dutzende solcher kostentreibend absurden Details aufzählen. Dass an den Bühnen des Landes irgendwann nichts mehr geht, weil kein Euro fürs Kunstmachen übrig ist, nachdem das fest angestellte Personal und die Instandhaltung des Hauses bezahlt sind, weiß jeder, der einmal hinter die Kulissen geblickt hat. Dass sich trotzdem nichts ändert, ebenso. Deshalb hatte Bundespräsident Rau im Frühsommer 2001 Arbeitgeber- und Arbeitnehmer zum round table geladen: Jürgen Flimm und Ralf Bolwin, Präsident und Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins, die Intendanten Frank Baumbauer und Klaus Zehelein, NRW–Kulturminister Michael Vesper sowie Vertreter der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger, der Deutschen Orchestervereinigung und von ver.di. Gestern nun überreichte die Arbeitsgruppes Johannes Rau im oval office des Schlosses Bellevue einen ersten Zwischenbericht.

Darin werden mehr Autonomie und Planungssicherheit gefordert. Außerdem, wen wundert’s: weniger Bürokratie und vor allem eine ausreichende Finanzierung. Des weiteren empfiehlt das „Bündnis für Theater“ die Rechtsform der GmbH sowie die Flexibilisierung der Tarifverträge für das nichtkünstlerische Personal.

Das heißt, Fordern ist nicht ganz das richtige Wort. Zwar hofft Baumbauer von den Münchner Kammerspielen auf „kräftige“ Politikerwor-te, damit die Bühnen endlich Eigenverantwortung übernehmen können. Zwar mahnt sein Kollege Zehelein von der Staatsoper Stuttgart, die Politik müsse verhindern, dass aus der Finanzkrise am Ende eine Kultur-Sinnkrise werde. Aber ansonsten bleibt man still und bescheiden, überreicht kein Manifest, sondern einen Zwischenbericht von 14 dünnen Seiten und formuliert an dessen Ende so höflich wie zögerlich – Fragen.

„Die Spielzeit 2003/2004 wird gnadenlos“, tremoliert Zehelein. Auch das Papier mit den „Überlegungen zur Zukunft von Oper und Theater in Deutschland“ verschweigt die drohenden und teils bereits vollzogenen Schließungen einzelner Häuser nicht. Seltsam: Alle wissen, es ist fünf nach zwölf. Dennoch bescheidet sich die Arbeitsgruppe, die sich fünf Mal getroffen hat, mit der Entdeckung der Langsamkeit. In einem Jahr will man sich wieder treffen. Als hätte man für die Reform des zusammenbrechenden Systems der Kulturfinanzierung alle Zeit der Welt.

Offenbar fällt der Abschied von den fetten Jahren der Bundesrepublik selbst denen schwer, die lautstark seine Überfälligkeit verkünden: Die Interessengruppen in den staatlich subventionierten Institutionen haben sich eine Spielwiese gezimmert (und später unbedacht auf die neuen Bundesländer übertragen), auf der sie nun gemartert werden wie die Opfer des mythologischen Räubers Prokrustes. Dabei begann die Geschichte eigentlich äußerst erfreulich: Wohl kaum eine Berufsgruppe hat in den letzten 100 Jahren einen derartigen Zuwachs gesellschaftlicher Anerkennung erlebt wie die Theaterleute. Der „Zwischenbericht“ verweist stolz darauf, vermerkt aber auch, dass dieser Stellenwert längst wieder gesunken sei. Dennoch haben Solisten bis heute ein hohes Prestige (und enorme Abendgagen); die übrigen Bühnenbeschäftigten können mit genau definierten Proben-, Pausen- und Ruhezeiten rechnen. Doch genau diese Festlegungen treiben Regisseure wie Verwaltungsdirektoren immer wieder zur Verzweiflung: Jeder Handgriff ist vertraglich fixiert. Die so genannten „Kollektive“, vor allem Chöre und Orchester, aber auch Bühnenarbeiter und Beleuchter achten darauf, dass ihre hart erstrittenen Privilegien respektiert werden. Längst sind sie gewerkschaftlich straffer organisiert als Kohlekumpel. Und arbeitskampffreudiger sowieso.

Darum beißen Intendanten bei Veränderungswünschen so oft auf Granit. Lächelnd wedeln die Kollektiv-Vertreter ohne Ansehen der (Finanz-)Situation mit ihren Flächentarifverträgen. Dann müssen Ballettkompanien oder Jugendtheatersparten abgewickelt werden, um die Zuschussabsenkung aufzufangen. Fast 6000 der 45000 Theater-Arbeitsplätze sind in den letzten zehn Jahren so eingespart worden, bemerkt Bundespräsident Rau bei Entgegennahme des Kultur-„Gastgeschenks“. Deshalb hilft es vielleicht doch, wenn er höchstpersönlich eine Flexibilisierung fordert. Mit den Worten des Papiers: „Zukunftssicherung liegt auch für die Theater in ihrer Modernisierung.“ Ob die beim feierlichen Akt ebenfalls anwesende Kulturstaatsministerin begreift, was das bedeutet? Christina Weiss will an den Tarifstrukturen festhalten: Die Bühnen müssten ja nicht die Vorreiterrolle bei der aktuellen Tarifauseinandersetzung spielen. Warum eigentlich nicht?

Die Diskussionen um kunstfeindliche Arbeitsregelungen an den Bühnen flammen seit Jahrzehnten immer wieder auf. Schon 1972 erklärte kein Geringerer als Willy Brandt – und Rau zitiert ihn aus aktuellem Anlass: „Kulturpolitiker und Theaterleute werden Hand in Hand arbeiten müssen, und sie werden sich mit den Haushaltsgewaltigen zusammenraufen müssen, um die derzeitige Krise, die zuallererst eine Struktur- und eine Finanzkrise der theatertragenden Städte ist, zu überwinden.“ Wie schwer es ist, Mitarbeiter von der Notwendigkeit zur Veränderung zu überzeugen, kann man derzeit in Weimar erleben. Um das Theater – in der Klassikerstadt einer der größten Arbeitgeber – vor dem Kollaps zu bewahren, entwickelte Intendant Stefan Märki ein Modell, das neben dem Verzicht auf Tariferhöhungen bis 2008 auch die Einführung eines leistungsorientierten Bonus- und Prämiensystems vorsieht. Mit dem Erfolg, dass der Intendant am vergangenen Wochenende zum Kulissenschieber wurde, weil eine Minderheit der Belegschaft mit Warnstreiks reagierte: Als Ausgleich für die Einkommenseinbußen solle die Wochenarbeitszeit bitte von 40 auf 37,87 Stunden gesenkt werden.

Vielleicht muss es ja erst zur Katastrophe kommen – zur Schließung einer Oper oder zur Jahrhunderflut –, damit Bewegung in die verfahrene Situation kommt. Wolfgang Rennert, der regelmäßig die Dresdner Staatskapelle dirigiert, berichtet von einer Arbeitsphase kurz nach der Flut. Während die Musiker sonst auf ein pünktliches Probenende achten, war es plötzlich kein Problem, fast eine Stunde zu überziehen. Die Instrumentalisten hatte die Dresdner Solidaritätswelle erfasst: Nur wenn wir zusammenstehen, ist Zukunft möglich. „Es geht um nichts Geringeres als das Selbstverständnis der Kulturnation“, sagt Johannes Rau mit dem ihm eigenen Mut zum Pathos. Das Motto der erneut angestoßenen Bühnenreformdebatte kann nur lauten: Nun aber schnell.

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