Kultur : Kunta Kinte leidet weiter

Alljährlich im August gedenken die UN des Sklavenhandels und seiner Abschaffung. Abschaffung? Die Wirklichkeit sieht anders aus

Wolfgang Drechsler

Die Wand mit dem schmalen Schlitz ist die Klagemauer der afrikanischen Diaspora. Boxweltmeister Muhammad Ali hat vor ihr gekniet und minutenlang hemmungslos geweint. Und der Sänger James Brown wollte, wie er später zugab, nach dem Verlassen des feuchten, schummerigen Raumes auf den erstbesten Weißen losgehen und ihn niederschlagen. Doch nicht nur prominente Afroamerikaner sind im einstigen Sklavenhaus auf der Insel Gorée vor der Küste von Senegal eingekehrt. Kein US-Präsident besucht Afrika heute, ohne dem winzigen Eiland an seinem Westzipfel eine Aufwartung zu machen – zum Zeichen der Versöhnung mit den 30 Millionen Afroamerikanern, die ihre Wurzeln auf dem Schwarzen Kontinent wähnen.

Wer hier im Stockdunkel in schweren Eisenketten saß, der war von Gott und der Welt verlassen. Irgendwann wurden die Schwarzen wie Schlachtvieh durch eine winzige Tür getrieben, in die Schiffsbäuche verladen und in die Neue Welt verfrachtet. 0,4 Quadratmeter – mehr Platz für einen Sklaven gab es unter Deck nicht. In den 20 Meter langen Schiffen waren bis zu 300 Menschen zusammengepfercht, in tiefster Dunkelheit. Der Afrikaner Olaudah Equiano zählt zu den wenigen, die das Elend an Bord selbst miterlebt und ihre Eindrücke später zu Papier gebracht haben: „Unter Deck empfing mich ein bestialischer Gestank“, schreibt er. „Ich wurde derart krank und deprimiert, dass ich nichts essen konnte, sondern nur noch auf den Tod wartete, der mich von diesem Gräuel erlösen sollte.“ Im Schnitt starb während der Überfahrt jeder fünfte Sklave.

Damit die Erinnerung an dieses Elend nicht verblasst, gedenken die Vereinten Nationen (UN) jedes Jahr am 23. August des Sklavenhandels und seiner Abschaffung. Es ist just der Tag, an dem im Jahre 1791 in Santo Domingo, dem heutigen Haiti, eine Sklavenrevolte losbrach, die großen Anteil daran hatte, dass der transatlantische Menschenhandel nur wenige Jahre später eingestellt wurde. In gewisser Weise sind die Feierlichkeiten der UN jedoch verfrüht: Denn noch immer ist die Sklaverei in vielen Gesellschaften weit verbreitet, pikanterweise auch in Afrika. Nach Angaben internationaler Organisationen werden allein in Westafrika noch heute jedes Jahr etwa 200 000 Kindersklaven öffentlich verschachert. Ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gelangt dies aber höchstens dann einmal, wenn, wie vor fünf Jahren, einem prominenten Fußballer wie Wolfsburgs nigerianischem Stürmerstar Jonathan Akpoborie vorgeworfen wird, als Schiffseigner in den Kindersklavenhandel verstrickt zu sein.

Dabei versuchen die Hilfswerke Unicef und Terre des Hommes seit Jahren, den Skandal um Afrikas Kindersklaven ins internationale Bewusstsein zu heben. Zumeist geht es dabei um das Schicksal jener Jungen und Mädchen, die von ihren bitterarmen Familien am Südrand der Sahara als Plantagenarbeiter oder Haushaltsgehilfen verkauft werden – zumeist auf Nimmerwiedersehen, da weder die Kinder noch ihre Eltern oft wissen, wohin sie schließlich kommen. Viele schuften später für einen Hungerlohn, der dann auch noch einbehalten wird, für Kost und Logis oder eben für eine Reise in diese Arbeitshölle – per Bus oder per Schiff. Ein Entrinnen gibt es für die meist völlig ungebildeten Kinder nicht. All dies ist umso bedrückender, als der Kinderhandel völkerrechtlich seit langem als eine der schlimmsten Formen der Sklaverei gilt.

Wie viel einfacher ist es da, das Augenmerk auf den längst abgeschafften transatlantischen Sklavenhandel und das symbolträchtige Gorée zu legen. Dessen Sonderstellung als Pilgerstätte für die Nachfahren der Verschleppten erklärt auch, weshalb der damalige US-Präsident Bill Clinton die Insel 1998 zum Auftakt einer Afrikareise als Kulisse nutzte, um sich hier öffentlich für das Unrecht des Menschenhandels zu entschuldigen. Auch Nachfolger George W. Bush verurteilte die Sklaverei vier Jahre später an gleicher Stelle als eines der „größten Verbrechen der Menschheit“. Doch auch er konnte sich, schon aus juristischen Gründen, nicht zu dem immer wieder geforderten Schuldbekenntnis für das den Afrikanern angetane Unrecht durchringen. Schließlich erfreuen sich Sammelklagen in den USA noch immer großer Beliebtheit.

Eine Nichtregierungsorganisation, die African World Reparations and Repatriation Truth Commission, hat als Entschädigung schon einmal die erkleckliche Summe von 777 Billionen Dollar errechnet. Obwohl der Betrag utopisch anmutet, hat er einen ernsteren Kern. „No spaceships without slaveships“, meint etwa der westindische Historiker Eric Williams. Wie die Mondlandung sei die gesamte Entwicklung des Westens ohne das durch die Sklaverei verdiente Geld nicht möglich gewesen. Außerdem sei Afrika durch Sklaverei und Kolonialismus weit zurückgeworfen worden. Seine Politiker wollen nun erreichen, dass vergangene Schuld in noch mehr Entwicklungshilfe umgemünzt wird.

Vielen Nachfahren der Sklaven geht es ohnehin weniger um Geld als um die Suche nach ihren Wurzeln. Im besten Fall endet dieser Versuch oft mit der Entdeckung eines früh aus Afrika verschleppten Sklaven, über den dann aber oft nichts Weiteres bekannt ist, schon weil es in Afrika nur vereinzelt schriftliche Aufzeichnungen gibt. Vielleicht suchen viele Afroamerikaner aber auch am falschen Ort. Wer historische Quellen zur Sklaverei studiert, der bemerkt schnell, dass nur knapp zehn Prozent der nach Nordamerika verschifften Afrikaner aus dem Senegal oder dem Gebiet um die Bucht von Guinea stammen, das wegen der vielen tropischen Krankheiten lange als „das Grab des weißen Mannes“ berüchtigt war. Rund die Hälfte der nach Amerika verschleppten Sklaven kamen nicht von hier, sondern aus dem heutigen Nigeria und Angola, wo es bis heute keine markanten Gedenkstätten nach dem Vorbild von Gorée gibt.

Senegal war der am weitesten westlich gelegene Verschiffungspunkt — und auf Gorée steht das am besten erhaltene Sklavenzentrum des Kontinents. Auch der benachbarte Zwergstaat Gambia hat profitiert – und zwar von dem Buch „Roots“ des verstorbenen Autors Alex Haley, das in den späten Siebzigerjahren verfilmt wurde und die Sichtweise des Sklavenhandels in Deutschland nachhaltig geprägt hat. Eine weitere Wallfahrtsstätte für Afroamerikaner ist Ghana mit seinen rund 60 Sklavenforts. Zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert verschifften europäische, aber auch brasilianische Sklavenhändler von hier zwischen neun und zwölf Millionen Afrikaner über den Atlantik nach Amerika, um die hohe Nachfrage nach Arbeitern auf den Tabak- und Baumwollplantagen, aber auch in den Silber- und Zinnbergwerken zu decken. Die ältesten Sklavenrouten verliefen indes von der afrikanischen Ostküste quer durch die Sahara in den Norden des Kontinents und weiter auf die arabische Halbinsel. Bis zu 17 Millionen Sklaven gelangten so als Ware in den nordafrikanischen Raum. Rund zehn Millionen weitere Afrikaner sollen schon bei der Menschenjagd ungekommen sein. Grobe Schätzungen gehen davon aus, dass insgesamt rund 40 Millionen Afrikaner versklavt wurden.

Nach Ansicht des britischen Historikers und Sklaverei-Experten Robert Law bewirkte die große Nachfrage nach Sklaven zumindest in einigen Teilen Afrikas eine „Intensivierung der Gewalt“. Vielerorts profitierten die Händler aber auch von Rivalitäten zwischen einzelnen Stämmen. Unbestritten ist inzwischen, dass sich die Europäer im Zuge des Menschenhandels stets auf schwarze Mittelsmänner und andere afrikanische Partner stützen konnten, die ihre Landsleute einfingen und anschließend im Tausch gegen Waffen, Schwarzpulver, Glasperlen, Stoffe, Eisenwaren oder Branntwein verschacherten.

Unter Afrikanern und mehr noch unter den Afroamerikanern wird dieses düstere Kapitel indes gerne ignoriert, vielleicht weil es die gerne beanspruchte Opferrolle unterminiert. Selten hört man jedenfalls von der skrupellosen Selbstbereicherung der Ashanti, dem mächtigsten Volk in Ghana. Dabei waren die weißen Händler lange Zeit ganz auf den Küstenraum beschränkt, weil sie weder über das militärische noch das medizinische Know-how verfügten, um die Treibjagd auf Eingeborene im Inneren des Kontinents selbst aufzunehmen.

Dass die Europäer den Sklavenhandel im 19. Jahrhundert schließlich aufgaben, erklärt sich aus einem Mix aus humanitären und handfesten ökonomischen Motiven. Von Bedeutung waren dabei vor allem die Schriften britischer Sklavereigegner (Abolitionisten) zwischen 1790 und 1840, in denen der Menschenhandel mit seinen Grausamkeiten anprangert, gleichzeitig aber oft unbeabsichtigt ein herablassendes Bild des Schwarzen gezeichnet wurde. Obwohl viele der Schriften an das Mitgefühl der europäischen Öffentlichkeit appellierten, gelang es den Sklavereigegnern nur bedingt, die über Jahrhunderte gewachsenen Vorurteile der Europäer gegenüber dem Schwarzen aufzuweichen.

Bei aller moralischen Empörung war die Mehrzahl der Abolitionisten durchaus willens, ihre philanthropische Gesinnung mit hartem Profitstreben zu verbinden. Nur selten wurde eine weitergehende Emanzipation der Sklaven gefordert oder das eigene Wirtschafts- und Kolonialsystem infrage gestellt. Auch die Tatsache, dass sich schon kurze Zeit nach Abschaffung des Sklavenhandels rassistisches Gedankengut in Europa stark ausbreiten konnte, ist ein deutliches Indiz dafür, dass die Schwarzen in der europäischen Vorstellungswelt weiterhin Sklaven blieben.

Bedeutsam dafür war auch eine ideologische Umwälzung, die mit dem aufkommenden Frühkapitalismus in enger Verbindung stand. Galt der Sklave bis zum 18. Jahrhundert als Eigentum seines Herrn und eine bloße Ware, wurde der Menschenhandel in Europa nun als Hindernis bei der vollen Entfaltung des neuen Wirtschaftssystems empfunden.

Fast zeitgleich entdeckte Europa aber auch, dass die Rohstoffgewinnung ein überaus lukratives Geschäft war und die Gewinne aus dem Sklavenhandel deutlich übertraf. Während der Menschenhandel als illegale Praxis gebrandmarkt wurde, proklamierte Europa nun die Aufnahme legaler Handelsbeziehungen zu Afrika. Mission und Handel wurden zum neuen Credo von Entdeckern, Geistlichen und Kaufleuten. Das einst zur Verteidigung des Sklavenhandels bemühte Argument, der Schwarze könne nur durch die Deportation aus dem dunklen, heidnischen Kontinent seiner Erlösung zugeführt werden, wurde nun umgedreht: Statt die Schwarzen aus Afrika fortzuschaffen, sollte die Zivilisation nun direkt zu ihnen getragen werden.

Auch wenn sich die genauen Auswirkungen des Sklavenhandels heute nur schwer abschätzen lassen, lässt sich doch sagen, dass die Zwangsverschleppungen Afrikas Sozialgefüge nachhaltig erschüttert haben. Die lange Stagnation des Kontinents seit der Entkolonisierung trug dazu bei, dass sich in einigen Teilen des Kontinents die Sklaverei bis heute in abgeschwächter Form halten konnte. Ins Bewusstsein des Westens gelangen die Kindersklaven in Westafrika jedoch selten.

Vor allem die Afroamerikaner wollen von den hässlichen Praktiken der Gegenwart lieber nichts wissen. Für viele von ihnen bleibt Afrika Projektionsfläche all ihrer Sehnsüchte – der gelobte Kontinent, in dem man eine neue Identität zu finden hofft. Seit der Freilassung von Nelson Mandela und dem Ende der Apartheid hat Südafrika den Westteil des Kontinents zunehmend als Pilgerstätte abgelöst. Selbst Michael Jackson ist schon mehrfach am Kap gewesen. Viel von Land und Leuten hat er indes nicht gesehen: Beim letzten Besuch stieg der Popstar im Johannesburger Township Soweto nur kurz aus seiner Limousine, um die Welt mit der Mitteilung zu beglücken, dass er sich in Afrika richtig zu Hause fühle. „Es ist wie eine Heimkehr“, schwärmte Jacko damals. Bleiben tat er jedoch nicht.

Nicht alle Afroamerikaner fühlen sich so wohl wie Jackson. Einige sind bitter enttäuscht, dass der heutige Zustand Afrikas so wenig mit ihren romantischen Vorstellungen des Kontinents gemein hat. Einer dieser Enttäuschten ist Keith Richburg. Der schwarze US-Journalist war Mitte der Neunzigerjahre Afrika-Korrespondent der „Washington Post“. In seinem Buch „Out of America“ (Jenseits von Amerika) hat er wenig Positives über den Kontinent zu sagen, von dem er sich zuvor so viel erhofft hatte. Mehr noch: Richburg nutzt das Buch zu einer persönlichen Abrechnung mit dem idealisierten Afrikabild vieler schwarzer Amerikaner. Es ist ein einziger Verstoß gegen die Denkverbote der Political Correctness, weswegen das Buch von einigen – zu Unrecht – als rassistisch verteufelt worden ist Zu schnell wird dabei übersehen, dass Richburg am Ende seiner Odyssee gar nicht anders kann, als die von ihm persönlich erlebten zahllosen Grausamkeiten und vor allem den fehlenden Respekt vor dem Menschenleben in Afrika offen anzuprangern.

Was ihn jedoch mehr als alles andere verzweifeln lässt, ist die fortgesetzte afrikanische Larmoyanz über eine ewige Generalschuld von Sklavenhandel und weißer Kolonialherrschaft. Richburg erlebt nicht nur den Völkermord an den Tutsis in Ruanda mit, sondern sieht wenig später im Nachbarland Tansania die Toten der Massaker im Fluss Kagera treiben. Für ihn ist Afrika gerade nicht das wiedergefundene Paradies, sondern eher eine Art Anti-Eden. Beim Blick auf die Leichen denkt er: „Gott sei Dank, dass meine Vorfahren als Sklaven verschleppt wurden und mir selbst ein Schicksal auf diesem Elendskontinent erspart geblieben ist.“

Noch eindrücklicher, weil weniger bitter, schreibt der schwarze Literat Eddie Harris über die gebrochene Identität vieler Afroamerikaner in seinem Buch „Native stranger“ (Einheimischer Fremder). Harris sieht in der Romantisierung Afrikas eine Flucht seiner schwarzen Landsleute vor der Realität des oft bedrückenden amerikanischen Alltags. „Wir sind keine Afrikaner mehr“, lautet am Ende sein Resümee. „Wir sind im Laufe der Jahrhunderte etwas ganz anderes geworden – und bis wir dies zugeben, sind wir dazu verdammt, uns nach einem Kontinent zurückzusehnen, den es nur noch in unseren Träumen und Gebeten gibt.“

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