Kultur : Kuppelblick

BERLIN BAUT David Chipperfield richtet ein ehemaliges Gymnasium an der Friedrichstraße her

Jürgen Tietz

Längst gehört das Büro des Briten David Chipperfield zu den global players der Architekturszene. Und auch seine Berliner Zweigstelle betreut national und international bedeutende Projekte. Da ist es besonders erfreulich, dass man sich bei Chipperfield dennoch nicht zu schade ist, mit kleinen feinen Arbeiten weiterhin in Berlin Akzente zu setzen. So hat das Büro jüngst das einstige Friedrichs-Gymnasium in der Friedrichstraße 126 hergerichtet und ergänzt. Neuer Nutzer des im Revolutionsjahr 1848 begonnenen Gebäudes, dessen Hinterhaus 1889 erweitert wurde, sind die Ullstein-Buch-Verlage.

Natürlich erregt ein solches Bauen im denkmalgeschützten Bestand vor allem deshalb besondere Aufmerksamkeit, weil das Büro Chipperfield auch mit der Herrichtung des Neuen Museums betraut ist, der Königsaufgabe auf der Museumsinsel. Angesichts der unter Denkmalpflegern durchaus umstrittenen Sanierung von Alter Nationalgalerie und Bode-Museum kommt dem Umgang mit dem Bau Friedrich August Stülers eine geradezu programmatische Bedeutung im Umgang mit dem Weltkulturerbe zu.

Ganz so hoch hängen die Trauben beim Friedrichs-Gymnasium nicht, bei dem nicht einmal der Name des Architekten überliefert ist. Gleichwohl besitzt der Bau in mehrfacher Hinsicht Bedeutung, so dass ein vorbildlicher denkmalpflegerischer Umgang mit ihm geboten war. So handelt es sich um eines der ältesten erhaltenen Schulhäuser Berlins. Zu dem bildet das Gymnasium einen wichtigen Baustein in der Entwicklung der Friedrichstraße. Dabei fällt es heute schwer, sich vorzustellen, dass die Schule ihre Nachbarhäuser einst deutlich überragte. Heute kann sie ihre ursprüngliche Wirkung zwischen den hohen Bauten der Umgebung kaum noch entfalten. Doch noch immer besitzt die ehemalige Schule eine dezent monumentale Note. Deutlich wird dies vor allem bei der doppelgeschossigen Aula mit ihren Rundbogenfenstern, die das abschließende vierte Geschoss besonders betonen, sowie bei dem kräftigen Konsolgesims. Im Inneren erweist sich die Schule dagegen als preußisch-sparsam. Einziger Schmuck im Vorderhaus sind zwei Eisengusssäulen im ebenso niedrigen wie dunklen Treppenhaus.

Die denkmalpflegerischen Maßnahmen haben sich darauf beschränkt, den Bestand möglichst in seiner überlieferten Form zu belassen, statt ihn unnötig aufzuhübschen. So zeigt die Fassade zur Friedrichstraße einen Dualismus aus den mit Putzfeldern gerahmten Fenstern und ziegelsichtigen Bereichen. An der Straßenfront wurden auch die vorhandenen Holzfenster bewahrt. Im Inneren blieben die alten Dielen und Terrazzoböden einschließlich ihrer Gebrauchsspuren ebenso erhalten wie die Türen. Nur die schlichten Wandpaneele aus Holz fanden vor den Augen des neuen Nutzers keine Gnade und wurden leider entfernt. Lediglich in zwei Räumen neben der Aula sind sie noch als Beleg erhalten.

Besonderes Augenmerk verdient der Hofflügel des ehemaligen FriedrichsGymnasiums: Da ist zum einen die doppelgeschossige Aufstockung durch das Büro Chipperfield, die mit ihren hohen Fenstern und der Materialität aus wiederverwendeten Ziegeln und neuen Betonelementen einen fein modulierten Weg zwischen Anpassung an den Bestand und notwendigem Kontrast geht. Der dabei entstandene Besprechungsraum bietet zudem einen Blick auf die Reichstagskuppel. Noch reizvoller aber ist der Blick auf die umgebende Parklandschaft, in der die Bauten der nahen Charité eingebettet sind.

Als ein besonderes Kleinod erweist sich zum anderen der einstige Musiksaal. Seine Holzdecke wurde von den Farbresten der vergangenen Jahrzehnte befreit. Darunter kam die schlichte, aber reizvolle Bemalung aus der Bauzeit zum Vorschein. Im Gegensatz zu dem allzu oft gewählten Weg einer Hochglanzrestaurierung wurde in dem Musiksaal darauf verzichtet, die kleineren Fehlstellen aufwändig zu ergänzen und aufzupolieren. Dahinter verbirgt sich ein kluges Konzept von Denkmalpflege, das auf Chipperfields Restaurierung des Neuen Museums neugierig macht.

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