Kultur : Kurioser Metahistorismus: Fassadengestaltung in Schöneberg

Falk Jaeger

Als Wolf Jobst Siedler Anfang der sechziger Jahre durch Berlin flanierte und die ihres Stuckkleids beraubten Fassaden der Kaiserzeit musterte (und anschließend sein zorniges Buch "Die gemordete Stadt" veröffentlichte), machte er eine interessante Entdeckung: "... jetzt, da es (das Dekor-Gewimmel, d. Red.) entfernt wurde, wird sichtbar, was bis gestern durch den Stuckzierrat verborgen blieb: Die architektonische Leistung ist schlecht. Denn nun erst stimmen keine Maße mehr: nicht die Größe der Fenster und nicht ihr Abstand voneinander, nicht der Winkel am Erkervorsprung und nicht die einst durch Gesimse Schinkelscher Herkunft dekorierten Blindfenster."

Inzwischen haben wir gründlich dazugelernt. Wir lieben die Gründerzeit, ja alles, was einigermaßen alt ist oder so aussieht. Und Fassadenstuck schlagen wir auch nicht mehr ab. Im Gegenteil, wir sanieren ihn, wo irgend möglich. Doch das Problem der bereits ihres Putzes beraubten architektonisch schlechten Fassaden bleibt. Und so malen wir, wo es denn gar nichts mehr zu sanieren gibt, schematisch Sims und Säule an die Wand und gewinnen dafür manch Fassadenverschönerungswettbewerb.

In Architektenkreisen ist damit kein Renommee zu erwerben. In den Salons der Baukünstler zählen allenfalls architekturtheoretisch halbwegs legitimierte Interpretationsexerzitien wie jene von Gerd Neumann, die dann in der Pohlstraße Gestalt gewannen, oder die Idee Karljosef Schattners, Befunde und Vergangenes wie eine 1:1-Vedute an die Wand zu pausen, was wohl nur im gedeckten Innenhof richtig gut kommt.

Den Münchnern Hild und Kaltwasser ist bei ihrem Auftrag für eine Fassadensanierung in der Preußenmetropole etwas Anderes gekommen. Sie scannten eine Originalzeichnung der fünfgeschossigen Fassade vom Ende des 19. Jahrhunderts ein und vergrößerten sie auf den Maßstab 1:1. Die daraus entstehende Vergröberung ergibt einen verblüffenden Effekt. Baluster werden zu Flaschenkürbissen, Fensterverdachungen sehen aus wie dick verschneit, Kapitelle quellen auf, als seien sie aus Hefeteig. Oder sie erinnern an Rudolf Steiners bemerkenswerte "Säulenordnung" mit ihren wogenden Kapitellen im ersten "Goetheanum" in Dornach. Überhaupt entstehen Dekors wie vom Jugendstil überformt.

Diesen kuriosen Metahistorismus applizierten sie auf die neue Putzfassade der Belziger Straße 23 als Relief. Lediglich das Dachgesims wurde in historischer Form vollplastisch profiliert. So weit, so gut. Die Gesamtwirkung kommt dem originalen Vorbild recht nahe, wenngleich natürlich durch das lediglich einen Zentimeter tiefe Relief der lebendige Schattenwurf einer stuckierten Fassade nicht erreicht wird.

Beim Schattenwurf ließe sich jedoch noch etwas machen, dachten sich Hild und Kaltwasser und prägten die Schatten gleich mit in die Fassade; ein Scherz natürlich, der dadurch noch lustiger wird, dass die Schatten von der im Norden stehenden Mitternachtssonne geworfen werden - was in Berlin selten vorkommt, aber vielleicht liegt Berlin von München aus gesehen so hoch im Norden ...

Die dunkelgrün gestrichenen Fenster, obwohl sprossenlos und nur mit einem profilierten Kämpferholz geteilt, haben Kraft genug mitzuhalten. Der im Erdgeschoss untergebrachte Naturkostladen, an sich sehr ordentlich in Eiche gebaut, ist zu niedrig und sitzt nicht gut in der Fassade. Nett die Idee mit der neben der Tür eingelassenen dicken Schieferplatte, die als Anschreibtafel ihren Dienst tut.

Ein allgemein gültiges Rezept für die Behandlung der nicht nur in Berlin weit verbreiteten totäugigen Mietshausfassaden ist Hild und Kaltwassers Methode sicher nicht, ein Denkanstoß, das Problem immer wieder neu anzugehen, allemal.

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