Kurras-Debatte : Von der Ohnmacht zur Allmacht

Der 2. Juni 1967, die Studenten und der Obrigkeitsstaat. Ein Nachtrag zur Kurras-Debatte von Klaus Hartung.

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Wir übernehmen jetzt. Rudi Dutschke bei einem „Sit-in“ an der FU Berlin im April 1967. Foto: bpk / Bernard Larsson

In den letzten Wochen war mehrfach davon die Rede, die Geschichte von ’68 müsse umgeschrieben werden, weil der Mörder von Benno Ohnesorg ein Stasiagent war. In der Springer-Presse versucht man es schon mal mit der Umschreiberei. Und man entdeckt – welche Überraschung! –, dass die Springer-Zeitungen im Prinzip liberal waren, mit einigen bedauernswerten Ausrutschern natürlich. Soll suggeriert werden, dass die Studentenbewegung aus falschem Anlass oder gar grundlos rebellierte?

Selbstverständlich muss man sich fragen, ob die Geschichte anders verlaufen wäre, wäre damals der Stasi-Hintergrund von Karl-Heinz Kurras bekannt gewesen. Aber gerade das Wissen über die 68er-Bewegung (die ja eine 67er-Bewegung war) hat sich in all den jüngeren Deutungsstreitereien verflüchtigt. Ein verödetes Geschichtsbild dominiert, das eine direkte Linie vom 2. Juni, von der Empörung über den Staat, zum Terrorismus zieht, zum Kampf gegen den Staat.

Auch die Aufgeregtheit, mit der jetzt die angebliche „Finanzierung der Bewegung“ durch die Verleger Gerd Bucerius und Rudolf Augstein skandalisiert wird, bestätigt die Geschichtsamnesie. Man kann sich einfach nicht mehr vorstellen, dass die antiautoritäre Revolte ein bewegender Teil der Gesellschaft war; dass ihr Kampf gegen den vermeintlich drohenden präfaschistischen Staat auch von Liberalen ernst genommen wurde, weil sie die Angst für begründet hielten. Vergessen ist, dass Aufklärungsanspruch und -anstrengung wesentliche Elemente in der kurzen Epoche von ’68 waren. Bucerius und Augstein finanzierten eben nicht die Bewegung, sondern das „Institut für Gegenöffentlichkeit“ im Rahmen der Anti- Springer-Kampagne, weil sie den Aufklärungsanspruch für nötig erachteten.

Wenn man die Geschichte von ’68 zur Debatte stellen will, dann sollte man sie kennen. Sie entspringt nicht einfach der Trauer und Empörung über den Mord an Benno Ohnesorg. Vor allem die Ereignisse unmittelbar nach dem 2. Juni markierten den Wendepunkt: das totale Demonstrationsverbot, die Lügen der Polizei, die Komplizenschaft von Regierung und Springer-Presse. Hier wurde zugespitzt, was längst schon spürbar war.

Diese Reaktion der Gegenseite bestätigte schlagartig, dass die antizipierte Tendenz zum präfaschistischen Staat eine reale Gefahr war. Alle Proteste, alle Teach-ins an der Universität, alle Straßenkämpfe hatten schon vorher das Bild verstärkt, dass die Parteiendemokratie jede substanzielle Opposition liquidieren will. Wer außerhalb der Parteien stand, sollte sich auch jenseits der Gesellschaft befinden. Von der „Spiegel“-Affäre über den gescheiterten Versuch, wenigstens einen der Nazi-Blutrichter, Hans-Joachim Rehse, vor Gericht zu bringen, bis zur (überbewerteten) Drohung durch Ludwig Erhards „formierte Gesellschaft“ – all das summierte sich zu einer Tendenz, die mit dem Tod von Ohnesorg eine existenzielle Wucht bekam.

Gefühl und Bewusstsein sagten: Wir sind ohnmächtig. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Unsere faschistischen Väter haben wieder gewonnen. Sie definieren unsere Zukunft. Dann geschah das Unerwartete: Die Explosion von Energie, Engagement, Leidenschaft und politischer Produktivkraft. Der Ring der Verbote wurde durchbrochen. Am Morgen des 3. Juni begann ein spontaner Ermittlungsausschuss, alle Fotos zu sammeln, alle Abläufe zu rekonstruieren. Er blamierte die ermittelnde Staatsanwaltschaft.

Es waren solche Akte der Selbstbehauptung in Sprache und Tat, die die gesamte Bundesrepublik in Bewegung setzte. Nun hieß es „was wollen die Studenten“, der Tagesspiegel öffnete seine Seiten, die „Bewegung“ errang Verhandlungsmacht gegenüber dem Staat. Das war die Wende nach dem 2. Juni: der Umschlag von Ohnmacht in Allmacht. Die neue, widerstandskräftige Opposition schleuderte ihr Bild vom autoritären Staat bis ins letzte Dorf. Die Gesellschaft begann, sich um die studentischen Rebellen zu drehen.

Diese existenzielle Erfahrung des Umschlags hat alle geprägt, hat die Lebensplanung der Studenten zerrissen und viele später in Irrwege getrieben, nachdem die Bewegung sich selbst liquidierte. Ab dann fing die Zeit zu rasen an: Die studentische Opposition erprobte und übersprang in steigendem Tempo Etappen der politischen Auseinandersetzung, bis am Ende nur noch der Imperativ der Revolution übrig blieb.

Die Wirkung der 68er bleibt unerklärlich, wenn man nicht zwei Momente einbezieht: den hohen intellektuellen Anspruch und die Gewaltfrage. 68 war auch eine Bewegung von Intellektuellen. Die Sprecher der Studentenbewegung hatten sich an der Massenuniversität behauptet, waren oft Lieblinge ihrer Professoren und brillant genug, um der „herrschenden Lehre“ die Sprache zu verschlagen. Die Exponenten der „bürgerlichen“ Öffentlichkeit wie Gaus, Dahrendorf oder Habermas gerieten schnell in die Defensive. Die Wortgefechte mit Rudi Dutschke dokumentieren das. Auf dem Kongress in Hannover anlässlich von Ohnesorgs Beerdigung scheiterte Jürgen Habermas nicht nur politisch, sondern auch in der intellektuellen Kommunikation.

Der intellektuelle Anspruch an die Aktion war hochfahrend und kühn. Der Wille zur Einheit von Theorie und Praxis, von Aufklärung und Widerstand stellte alle Handlungen unter den Primat der politischen Analyse. Dass heute, im Rückblick auf eine gelungene Geschichte der deutschen Demokratie, die Tendenzanalysen vom präfaschistischen Staat peinlich verfehlt erscheinen, ist zwar wahr. Aber damit ist ihre historische Rolle nicht erklärt. Zur paradoxen Wirkung der Studentenbewegung gehört der Kampf gegen jene Horror-Antizipationen. Sie hat die Tradition des Obrigkeitsstaats auch in ihrem selbstzerstörerischen Anrennen gegen den Staat erfolgreich zerstört.

Der intellektuelle Anspruch wurde bis 68 aufrechterhalten, in den Etappen der intellektuellen Auseinandersetzung: dem Strategie-Kongress in Hannover, bei der Gründung der Kritischen Universität und der Springer-Kampagne mit ihren analytischen Vorarbeiten. Dabei ging es auch um die Gewaltfrage. Die Debatte darüber hatte längst vor dem 2. Juni begonnen, sie prägte alle Demonstrationsvorbereitungen und Teach-ins über den Vietnam- Krieg. Wie weit konnte man gehen? In der hysterisierten Frontstadt Berlin, beherrscht von einem Antikommunismus, in der schon der Vietnamprotest Verrat an der Schutzmacht bedeutete, war alles Gewalt, was Unruhe provozierte. Schon die Missachtung des Schildes „Rasen betreten verboten“ war revolutionär.

Gewalt war Gegengewalt: gebannt in die Anstrengung, Kritik und Aktion zusammenzuhalten. Aber mit der Eskalation verselbstständigte sich das Gewaltthema. Die Demokratisierungserfolge zählten nicht mehr; die Gewaltfrage wurde zur Gewissensfrage. Wie ernst meinst du es mit der Revolution? So mündete die 68er-Bewegung in das Paradox, dass ihr Ende mit einem Erfolg bei einer gewalttätigen Auseinandersetzung kam. Bei der „Schlacht am Tegeler Weg“ im November 1968 schlugen mit Steinen bewaffnete Studenten die Polizei in die Flucht. Gerade dieser „militärische“ Sieg machte klar, wie es um die wahren Kräfteverhältnisse beschaffen war. Solch ein Sieg war nicht wiederholbar. Studenten allein können keine Revolution machen.

Der narzisstische Panzer der Allmacht zerbrach. In einem masochistischen Furor begannen die Studentenrevolutionäre, ihr intellektuelles Potenzial in den Räumen der maoistischen Parteien und den klandestinen Höhlen der Illegalität zu opfern. Die selbst ernannten Berufsrevolutionäre liquidierten die Studentenbewegung und denunzierten sie als kleinbürgerliche Exaltationen. Wenn es eine Tradition der 68er-Bewegung gab, dann war hier der Bruch. Man verspielte die eigenen Erfolge. Als Willy Brandt im Oktober 1969 „mehr Demokratie wagen“ wollte, gab es keinen Adressaten mehr aufseiten der damaligen Revolte.

So bleiben die Aktenfunde über Kurras eine Fußnote, die zeigt, wie ein Stasi-Spion das kollektive Unbewusste einer hysterisierten Polizei und einer aufgeputschten „Bild“-Leserschaft vollstrecken konnte. Die damalige Linke hätte sich mit dem Aktenwissen freilich bei der Agitation schwer getan, den Polizeistaat der Frontstadt anzugreifen und gleichzeitig die Stasi zu verurteilen. Aber bei allen Kontakten mit Ostberlin war im SDS die Ablehnung des bürokratischen Realsozialismus doch eindeutig. Die DDR war „revisionistisch“, das heißt, undiskutabel. Sie lag auf der anderen Seite unserer politischen Ideen. Daher verstanden wir auch nicht, dass mit dem Ende des Prager Frühlings auch die großen weltrevolutionären Hoffnungen von 68 beendet wurden.

Es gibt mithin keine Gründe für eine nachträgliche Beschämung, weil ein Stasi-Mann Ohnesorg tötete. Beschämend ist etwas anderes: Wir waren am schwächsten, wo wir uns am stärksten wähnten – bei der Fähigkeit zur politischen Analyse. Dass „die Bewegung“ die Wahrheit über den „Spätkapitalismus“ und seine „faschistoiden“ Tendenzen gepachtet hatte, war ein fester Glaubenssatz. In jedem Ereignis entdeckte der theoretisierende Alarmismus eine neue Stufe der „Aufrüstung der Repression“, ja, wir imaginierten bereits künftige KZs. Ein theoretisches Fiasko, das weit vor dem 2. Juni entstanden war. Man muss hinzufügen, dass das liederliche Denken bis heute existiert. Es gehört zu den fatalen Erbschaften der Linken: Das Alarmschlagen über bedenkliche Tendenzen der Bundesrepublik ist einer der routinierten Reflexe der öffentlichen Kritik.

So wurde die antiautoritäre Bewegung blind für ihre eigenen Erfolge. Sie wollte nicht sehen, dass der Obrigkeitsstaat sich korrigierte, sich gerade durch das Übermaß an repressiven Akten selbst zersetzte – und demokratisierte. Dies zu verkennen, ist eine historische Schuld. Viele 68er hätten womöglich nicht Jahre in ML-Organisationen oder im Untergrund vergeudet, und die Parteien hätten die vitale Generation des Protests nicht verloren. Am meisten schmerzt das Bewusstsein, dass wir unser kostbares Instrument der politischen Analyse zerstört haben – aus Angst davor, in den Zustand der Ohnmacht vor dem 2. Juni zurückzufallen.

Klaus Hartung war in den Sechzigern im SDS und später Redakteur bei der „taz“ und der „Zeit“.

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