Kultur : Kursk-Tragödie: Ans Tageslicht

Elke Windisch

Gebannt starrt Anja Wassiljewa, 23, auf die Mattscheibe: Grau und schwer wie ein gestrandeter Wal liegt die Kursk auf dem Trockendock des Hafens Rosljakowo bei Murmansk. Der einstige Stolz der russischen Nordmeerflotte, der am 12. August letzten Jahres in der Barentssee sank, ist wieder Topthema der Medien. 118 Matrosen fanden damals den Tod. Kapitänleutnant Andrej Wassiljew, Anjas Mann, der damals knapp 27 war, eher durch einen dummen Zufall. Er diente auf dem Schwesternschiff Smolensk, das der Kursk wie ein Wassertropfen dem anderen gleicht. Nur weil dort der Ingenieur erkrankte, der für die Bedienung des Reaktors zuständig war, sprang Andrej für ihn ein.

Ihren Kindern - dem vierjährigen Jegor und dem zweijährigen Artjon hat Anja bisher die Wahrheit nicht erzählt. Vielmehr hat sie Andrej auf eine lange Dienstreise geschickt. Ein Märchen, so oft erzählt, dass sie manchmal schon selbst daran glaubt. Nur manchmal findet sie in die Wirklichkeit zurück "Ich will vor allem eines", sagt sie. "Die Wahrheit über die Ursachen der Katastrophe wissen und ein Begräbnis für Andrej."

Wünsche, die nicht zwingend in Erfüllung gehen müssen. Aufschluss über die Ursachen erwarten Experten erst durch die Bergung des im September mit computergesteuerten Motorsägen abgetrennten Bugs der Kursk, wo sich die Torpedos befinden, die wahrscheinlich die Explosion ausgelöst haben. Wenn überhaupt, wird der Bug jedoch erst im nächsten Jahr gehoben.

Eile geboten

Keineswegs sicher ist bisher auch, ob Andrej jemals an Land ein Grab bekommen wird. Zwar begannen Gerichtsmediziner schon am Mittwoch mit der Bergung der Leichen aus dem Wrack. Bis gestern Mittag waren die sterblichen Überreste von 32 Matrosen zur Identifizierung in ein eigens dazu in Murmansk eingerichtetes Labor gebracht worden. Sieben davon wurden bereits identifiziert. Per Flugzeug und in verplombten Zinksärgen wurden sie zu den Hinterbliebenen in mehreren russischen Städten gebracht, wo sie im Laufe der kommenden Wochen mit allen militärischen Ehren bestattet werden sollen.

Bereits im letzten November waren bei einem ersten Bergungsversuch die Körper von zwölf Matrosen geborgen und bestattet worden. Jetzt sei Eile geboten, sagte Russlands Generalstaatsanwalt Wladimir Ustinow. Die Leichen seien durch Salzwasser und den hohen Druck in der Tiefe "sehr viel besser konserviert" worden, als ursprünglich angenommen und könnten "visuell" und durch die Blechmarken erkannt werden. Die sehr teuren und zeitaufwändigen Genanalysen würden sich daher bei den meisten erübrigen.

Dennoch: Bilder, wie sie am Samstagabend erstmals im russischen Fernsehen liefen, lassen befürchten, dass im vorderen Teil des Schiffs bestenfalls Fragmente von Leichen geborgen werden können. Der Grund: eine Explosion, die sogar Zentimeter dickes Metall zu Atomen pulverisierte.

Keine Chance auf Rettung

Staatsanwalt Ustinow, der mit 40 Ermittlern vor Ort tätig ist, spricht sogar von "zwei gewaltigen Explosionen", die sich innerhalb von etwa anderthalb Minuten ereignet hätten. Die Besatzung hätte daher keine Zeit mehr gehabt, Gasmasken und Schwimmwesten anzulegen. Da sich die Katastrophe bei planmäßigen Manövern ereignete, sei die gesamte Besatzung zum Zeitpunkt der Explosionen direkt an ihren Arbeitsplätzen gewesen. Die aber, so schreibt es das auf allen russischen U-Booten geltende Reglement vor, dürfen bei Havarie unter keinen Umständen verlassen werden. Mehr noch: Sobald in einer Sektion ein Brand ausbricht oder Wasser eindringt, schließen sich die Zugänge zum Rest des Bootes. Die dort verbliebenen Matrosen sind dadurch jeder Chance zur Lebensrettung beraubt.

Was sich in solchen Fällen abspielt, erzählte Kapitänleutnant Sergej Dworow dem Tagesspiegel. Dworow gehörte zu den 67 Matrosen des russischen Atom-U-Bootes Komsomolez, das im April 1989 nach einem Brand an Bord vor der Bäreninsel in der Norwegen-See sank. Weniger als die Hälfte konnte sich retten. "Als ich zur Notausstiegsluke lief, wälzten sich sieben Mann schreiend am Boden. Haare, Rücken, alles brannte. Lebende Fackeln waren das."

Auch auf der Kursk sei "die Hölle los gewesen", sagte der sonst völlig emotionslose Staatsanwalt Ustinow sichtlich erschüttert. Am meisten hätten wahrscheinlich Offiziere und Mannschaften im hinteren Teil des Schiffes gelitten. Sie hätte der Tod nach bisherigen Erkenntnissen erst nach sechs bis acht Stunden ereilt. Die meisten seien durch Kohlenoxidgase im Ergebnis des Brandes erstickt, der sich nach der Explosion allmählich auf das ganze Schiff ausdehnte. Das würde auch die Niederschrift von Kapitänleutnant Dmitrij Kolesnikow erklären, die Rettungsmannschaften schon im November in den Taschen seiner Uniform fanden. Zunächst, so Ustinow, sei die Handschrift "schön und ebenmäßig", die letzten Zeilen seien "gekrakelt und kaum lesbar gewesen."

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