Kultur : Kurt Masur: Schweres Gepäck

Martin Wilkening

Drei Wochen lang reist das New York Philharmonic zurzeit durch Europa. Nach Köln und London ist Berlin die dritte Station dieser Tournee, die zum Schluss nach Tschechien und Polen führen wird - Gastspiele auch von historischer Bedeutung. In Prag spielte das Orchester, genau wie in Berlin, zum ersten Mal 1930, unter Toscanini. Für die tschechische Hauptstadt sollte jener erste Auftritt zugleich auch der letzte gewesen sein. Zwei Konzerte sollen die geschichtliche Kontinuität nun wieder aufnehmen. In Polen hingegen, geben die New Yorker Philharmoniker seit 1959 mehr Konzerte, als in jedem anderen Land. Mit Krakau und Wroclaw (neben Warschau) stehen diesmal zwei weitere Erstbegegnungen auf dem Programm.

Im Gepäck haben die Musiker vor allem drei Schwerstgewichte des sinfonischen Repertoires, die siebten Sinfonien von Schostakowitsch und Bruckner, Mahlers Neunte, sowie ein 1999 in New York zum ersten Mal gespieltes Auftragswerk von Sofia Gubaidulina, der russischen Komponistin, die seit 1992 in Deutschland lebt. Dabei ergeben sich nicht uninteressante Programmkonstellationen: Während Gubaidulinas Komposition "Zwei Wege" für Bratschen-Duo und Orchester fast überall ertönt, wird Schostakowitschs Siebte, die sogenannte "Leningrader", östlich von Deutschland so gut wie nie gespielt.

In der Berliner Philharmonie, die ausverkauft und seltsamerweise doch längst nicht voll besetzt war, hatte sich zwischen den Abonnenten des Pro Musica-Zyklusses ein ziemlich glamouröses Publikum versammelt: Konzerterfahrung und gesellschaftliches Knowhow schienen sich da kaum die Waage zu halten. Wo es bei Schostakowitschs überlanger Sinfonie irgend möglich war, setzte man auch zwischendrin zum Klatschen an, und die zarten Klänge der zwei Solobratschen bei Gubaidulina wurden von Anfang an überhustet. Überhaupt verweigerten auffällig viele Hände dieser Musik demonstrativ den Applaus.

Dabei ist Gubaidulinas musikalische Meditation über Martha und Maria, die zwei im Bratschenpaar symbolisierten Schwestern des biblischen Lazarus, nicht zuletzt auch ein Glanzstück für das Orchester und die in makellosem Schönklang ihrer ziselierten Linien schwelgenden Solistinnen Cynthia Phelps und Rebecca Young. Das New York Philharmonic brilliert mit der fast körperhaften Präsenz, in der ein beherrschendes Sekundmotiv durch den Klangraum schießt, aber ebenso mit unerhörten Feinheiten in den farblich reizvollen Übergängen.

Schostakowitschs siebte Sinfonie, rein musikalisch wohl weniger bedeutend, hat Kurt Masur mit dem New York Philharmonic jüngst auch auf CD eingespielt. Masur vertritt eine Lesart, die das Stück konsequent zunächst nicht von der programmatischen Seite her angeht. Fratzenhafte Karikatur und grelle Übersteigerung sucht man hier vergeblich.

Die berüchtigte "Invasions"-Episode erklingt in eisern durchgehaltenem Tempo, jedes Detail greift ineinander, und die Spannungsbögen, die diese perfekte Orchestermaschine aufbaut, sind in jedem Moment kalkuliert. Und dort, wo der überzeichnete Marsch der Invasoren plötzlich umkippt ins Schmerzhafte, da gewinnt die Musik auch einmal jene Intensität und emotionale Qualität, die man an diesem Abend bei aller klanglichen Rundheit und rhythmischen Energie doch etwas vermisste.

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