Kultur : Kurt Mühlenhaupt: Alt-Kreuzberger Originale

Michael Nungesser

Bereits im Januar ist der Maler und Zeichner Kurt Mühlenhaupt achtzig Jahre alt geworden, doch erst jetzt - als erste Ausstellung an neuen Ort - zeigt die ihm seit langem verbundene Ladengalerie in der Brunnenstraße rund achtzig Gemälde, die für die Themenvielfalt des Malers stehen. Dicht gehängt und thematisch geordnet finden sich hier Porträts, Akte, Stillleben, Landschaften und Stadtansichten. Sie künden von Mühlenhaupts Bildwelt, vom Leben der kleinen Leute, vor allem im Kreuzberg der Berliner Nachkriegszeit. Dort hat der Jubilar zwischen 1958 und 1976 gelebt und gearbeitet, bevor er über Kladow ins brandenburgische Bergsdorf verzog. Mühlenhaupt war die treibende Kraft, ja das Herzstück der über die Grenzen des Bezirks (und über die Mauer hinaus) wirkenden Berliner Bohème. Legendär sind seine Trödelhandlungen und die Künstlerkneipe Leierkasten. Sie bildeten auch den Humus für sein malerisches Werk.

1921 zwischen Prag und Berlin im Zug auf die Welt gekommen, absolvierte das Arbeiterkind eine Tischlerlehre. Das Soldatendasein hinterließ Wunden, innere wie äußere. Mühlenhaupt überlebte allein durch Gelegenheitsarbeiten. Ein kurzes Hochschulstudium legte bildnerische Grundlagen - und nährte Zweifel am eigenen Weg. Abstraktion war gefragt als Ausdruck innerer Befindlichkeit. Mühlenhaupt wollte etwas anderes. Sein Malen ist Existenzbewältigung auf der Basis sozialer Wirklichkeit, angezogen vom Menschlichen: nicht anklägerisch-expressiv, eher neusachlich-realistisch, vor allem aber authentisch und immer poetisch. Ein fabulierender Künstler des Alltags: Hinterhäuser, Straßenleben, Märkte, Kneipen, Spielplatz, Schule - Menschen und Dinge, ein jedes mit gleicher liebevoller Zuneigung erfasst. "Was ich auch male, es richtet sich nie gegen das Geschöpf" sagt er über seine Arbeit.

Mit liebevoller Zuneigung

Seine Menschenbilder reichen vom karikaturhaften "Spitzkopf" über das existenzialistisch verhuschte Porträt "Frau Hirts" bis zur selbstbewussten Hausfrau aus der Nachbarschaft und breitbeinig-fülligen Nackten. Selbst einer "Puppe mit Leibchen" kann seine ganze Aufmerksamkeit gelten, einem Meerschwein und Steinbock, Baum oder Sommerblumen. Von hier ist es ein kurzer Weg zu seinen Stillleben. Einfach sind sie, mit Zwiebel und Bierflasche, mit Trödelgegenständen wie Uhr und Hörrohr, mit Radieschen, Rüben und Rotkohl. Sie enthalten das Lebensnotwendige und erfreuen sich daran. Und immer wieder ist Kreuzberg zu sehen, die Blücherkirche am Kanal, Heinrichs- und Moritzplatz. Außerdem: "Vor der Nazarethkirche" (Wedding) und "Begegnung in Reinickendorf", "Arbeiter auf dem Heimweg" aus New York und "Über den Dächern von Chelsea" (beides Pastelle).

Mühlenhaupts poetischer Realismus dokumentiert nicht, sondern umarmt; ist melancholisch, aber unsentimental, gemütvoll, aber ungeschminkt; er macht Krummes nicht gerade und Blasses nicht bunt. Mit der Zeit ist koloristische Kargheit größerer Lebensfülle gewichen, satte Mischfarben verbreiten greifbare, wohlige Stofflichkeit und verlandschaften die Stadt. Sanftmut schafft malerische Verdichtung mit berlinisch-herbem Charme. Mühlenhaupt gestaltet auch Grafiken, Keramiken, Plastiken und Emailteller. Er will verständlich sein, sieht Kunst als Gebrauchsgegenstand. Und er ist populär, was man auch von seinen zivilen Preisen sagen kann, die zwischen 500 Mark für ein Aquarell und bis zu 20 000 Mark für ein Ölgemälde liegen.

Ladengalerie, Brunnenstraße 5, bis 22. März; Dienstag bis Donnerstag 10-18.30 Uhr.

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