Kultur : Kurtág-Uraufführung bei den Berliner Philharmonikern

Sybill Mahlke

Jeder kennt den Namen des Komponisten György Ligeti, während sein Kollege György Kurtág sich längst zum Geheimtip entwickelt. Obwohl seine Musik nicht für den Marktplatz taugt, steigert sich ihr Renommée. 1994 schreibt Kurtág als Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin seine erste Komposition für großes Orchester - für Claudio Abbado und seine Philharmoniker: "Stele" Opus 33. "Stele" überformt einen biografischen Anlass, den Tod eines Freundes. Die Musik exaltiert zum "Lamentoso disperato", während die leisen Töne überwiegen, aphoristisch, voller Trauer, die zugleich Ehrung ist. Ein Schlüsselwerk im Schaffen Kurtágs, erweist es seine Interpretationsbreite sowohl bei der Uraufführung als auch 1996, unter einem so ganz anderen Dirigenten wie Michael Gielen in Donaueschingen.

Der ungarische Abend der Philharmoniker mit den Künstlern Zoltán Peskó am Dirigentenpult und Zoltán Kocsis am Klavier kreist um Botschaften von György Kurtág, zu denen sich auch " ... quasi una fantasia" Opus 27 (!) zählen lässt, ein raumgreifendes Werk im wörtlichen Sinn, in dem die typischen Satzbezeichnungen "Lamentoso" und "Disperato" bereits auftauchen. Komponiert als work in progress folgen den "Messages" Opus 34 "New Messages" Opus 34 A, ein neuerliches Auftragswerk der Philharmoniker. Dass der Dirigent Zoltán Peskó Adressat eines dieser Grüße ist, zeigt die Verbundenheit der beiden Ungarn. Das ihm gewidmete Stück markiert einen temperamentvolleren Augenblick als der "Brief an Peter Eötvös" (aus Opus 34) mit seinen selbstvergessenen Linien. Auch Eötvös steht für den inspirierten Reichtum ungarischer Musik heute. Eine leise Klage der Seele schwebt über allen Stücken von Kurtág, meistens nur wenige Takte lang, Andeutungen von "Schatten" mit flüsternden Bässen und "Träumen", in denen apokalyptische Schläge wehenden Streicherlinien weichen, schwer fassbar wie schon bei "Stele", ein geheimnisvolles Spiel des Windes. Zartheit am Rand der Stille schenkt Kurtág denen, die ihm nahe sind, eine klingende Verschwiegenheit. - Aus dem Vollen perlt und trillert der Pianist Kocsis dagegen im ersten Liszt-Konzert. Und die Philharmoniker ehren den vor 25 Jahren gestorbenen Berliner Boris Blacher, indem sie dessen hinterlistige Paganini-Variationen in ihren variablen Metren erstehen lassen.

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