Kultur : Kurvenschwung

BERLIN BAUT Alt plus neu: Die Feuerwache von Sauerbruch und Hutton im Regierungsviertel

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Ihre Stärke ist die großzügige, raumgreifende Form: Mit ihrem Photonikzentrum in BerlinAdlershof, dem Rathaus in Hennigsdorf bei Berlin und dem bald fertig gestellten Umweltbundesamt in Dessau errichten die Architekten Sauerbruch und Hutton amorphe, kurvenfreudige Bauten in Randzonen des Urbanen – und werten sie auf durch ihre bewegten Architekturkompositionen. Diesmal ging es darum, Vorhandenes einzubeziehen: Der Wettbewerb zum Bau einer Polizei- und Feuerwache für das Regierungsviertel, den das Berliner Architekturbüro 1999 gewann bezog einen Verwaltungsbau der Jahrhundertwende, das alte Hauptzollamt, in die Planung mit ein. Jetzt ist das Haus an der Moltkestraße fertig gestellt.

Der Altbau ist ein Torso, wie es sie in Berlin häufig gibt: der Überrest eines im Krieg weitgehend zerstörten Gebäudes. Der Neubau wiederum ist seitlich an die Langseite des Backsteinbaus angefügt. Gerade einmal halb so hoch liegt der Ergänzungsbau als monolithischer, von farbigen Paneelen belebter Quader vor der Ziegelfassade des Altbaus. Die Nordhälfte, in der sich vor allem Diensträume der Polizei befinden, steht auf Betonstelzen, an der Südseite befindet sich im Parterre die Fahrzeughalle der Feuerwehr. Alt und Neu sind so ineinander verschränkt, dass der Neubau ohne eigene Korridore und Treppen auskommt.

Trotz dieser Verzahnung stehen die Flügel einander merkwürdig beziehungslos gegenüber. Als gelte es, die Disproportion eines langen, niedrigen und eines schmalen, hohen Baukörpers zu unterstreichen, ragt der Neubau beiderseits über das alte Gebäude hinaus. Man habe den Charakter des fragmentarischen Altbaus wahren und seine Bruchkante sichtbar belassen wollen, erklärt Projektleiter Jens Ludloff. Das hat jedoch zur Folge, dass Alt und Neu keine neue Einheit bilden, sondern eher eine Kombination von Einzelstücken. Die als Solitär sonst so geschmeidige Architektur von Sauerbruch und Hutton erweist sich hier als sperrig.

Um der Abfolge der farbig bedruckten Glaspaneele einen Sinn zu verleihen, haben die Planer sie der Platzierung der Nutzer entsprechend angeordnet: Die Südseite nutzt die Feuerwehr, hier dominieren Tönen zwischen karmin-, siena- und lachsrot. Die Nordhälfte wird vor allem von der Polizei genutzt: Mit jedem Meter Richtung Norden mischen sich mehr grüne Pixel ins Spektrum, bis sie die roten Streifen nur noch vereinzelt zwischen den Schattierungen von Mint-, Moos- und Olivgrün auftauchen. Mit insgesamt 24 verschiedenen Farbtönen sind die zwischen 120 und 280 Zentimeter langen Paneele bedruckt. Die farbliche Heterogenität sorgt für ein ausgesprochen elegantes Fassadenkleid, nicht zuletzt, weil sich die Glasfelder ganz selbstverständlich um die sanft gewölbten Ecken an der Stirnseite des Neubaus schmiegen. Wo Fenster hinter dem farbigen Streifenwerk liegen, lassen sich die Glasfelder in die Höhe klappen und bilden so einen Sonnenschutz.

Die Skepsis angesichts der fehlenden Synthese von Alt und Neu zerstreut sich allerdings im Inneren. In den Dienst- und Aufenthaltsräumen vor allem der Feuerwehr verbinden sich anspruchsvolle Form und Zweckmäßigkeit wie von selbst: Sie sind so wohnlich wie elegant. Zur Belichtung des Aufenthaltsraumes dient ein eiförmiges Oberlicht von mehr als drei Metern Durchmesser. Da zwischen dem Saal und dem Dach eine Etage der Polizei liegt, sparte man die notwendige Fläche zylinderförmig aus deren Grundriss aus. Als drei Meter hohe Laterne erhellt dieses „void“ nun die Esstische der Feuerwehrmänner.

Den Hauptaufenthaltsraum umfängt eine sanft zurückschwingende Eichenholzwand – die Freude der Architekten am Oval ist kein bloßer Selbstzweck, sondern findet auf wundersame Weise mit den Bauvorschriften für Feuerwachen zusammen: Damit die Türen bei Alarm nicht in den so genannten „Angriffsweg“ der ausrückenden Truppe ragen, müssen sie sich gegen eine feste Wand öffnen. Weil das für alle Türen am Angriffsweg gilt, setzt sich die gewölbte Wand in vielen Wellen im Korridor der Mannschaftsunterkunft fort. Was man auf dem schnellen Weg zum Feuerwehrauto vergeblich sucht, sind die traditionellen Rutschstangen. Die Brandbekämpfer bevorzugen inzwischen eine – extrabreite – Treppe.

Standort: Moltkebrücke, Alt Moabit. Ein guter Fotostandort ist das Gartenlokal am Spreeuferweg gegenüber.

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