Kultur : Kurvenwunder

BERLIN BAUT Die Feuerwache im Regierungsviertel von Sauerbruch + Hutton

Frank Peter Jäger

Ihre Stärke ist die großzügige, raumgreifende Form, die der Umgebung einen unverwechselbaren Anziehungspunkt verleiht: Mit ihrem Photonikzentrum in Berlin-Adlershof, dem Rathaus in Hennigsdorf bei Berlin und – gerade in Fertigstellung – dem Umweltbundesamt in Dessau legten die Architekten Sauerbruch und Hutton amorphe, kurvenfreudige Großformen in Randzonen des Urbanen. Auch wenn es gilt, Vorhandenes einzubeziehen? Der Wettbewerb zum Bau einer Polizei- und Feuerwache für das Regierungsviertel, den das in Berlin ansässige Büro 1999 gewann, sah vor, einen Verwaltungsbau der Jahrhundertwende, das alte Hauptzollamt, in die Planung einzubeziehen. Jetzt ist das Haus an der Moltkestraße, in Sichtweite des Bundeskanzleramtes, fertig gestellt.

Der Altbau ist einer der in Berlin häufigen Torsi, Rest eines im Krieg weitgehend zerstörten Gebäudes. Der Neubau ist seitlich an die Langseite des L-förmigen Backsteinbaus angefügt.

Gerade einmal halb so hoch wie sein Pendant, liegt der Ergänzungsbau als monolithischer, von farbigen Paneelen belebter Quader vor dessen Ziegelfassade. Die Nordhälfte, wo sich vor allem Diensträume der Polizei befinden, steht auf x-förmigen Betonstelzen, an der Südseite befindet sich im Parterre die Fahrzeughalle der Feuerwehr. Alt und Neu sind so ineinander verschränkt, dass der Neubau ohne eigene Korridore und Treppen auskommt. Trotz dieser funktionalen Verzahnung stehen sich die beiden Flügel äußerlich merkwürdig beziehungslos gegenüber. Als gelte es, das disproportionierte Nebeneinander eines langen niedrigen und eines schmalen hohen Baukörpers noch zu unterstreichen, ragt der Neubau nicht nur im Süden, sondern auch an der Nordseite über das alte Gebäude hinaus. An keiner Stelle wird der Bestand zum wirklichen Referenzpunkt für die Ergänzung.

Man habe den Charakter des fragmentarischen Altbaus wahren und seine Bruchkante sichtbar belassen wollen, erklärt Projektleiter Jens Ludloff auf Anfrage. Das führte jedoch dazu, dass keine neue Einheit entstand, sondern eher eine Kombination zweier Einzelstücke. Die als Solitär so geschmeidige und organische Architektur von Sauerbruch und Hutton erweist sich hier, wo es um die Synthese mit etwas Vorhandenem geht, als eigentümlich sperrig.

Um der Anordnung der farbig bedruckten Glaspaneele ein Thema zu geben, kamen die Planer auf die Idee, sie zur Entsprechung für die räumliche Verteilung der Nutzer zu machen: An der durch die Feuerwehr genutzten Südseite dominieren Tönen zwischen karmin-, siena- und lachsrot. Mit jedem Meter hin zur – vor allem von der Polizei – genutzten Nordhälfte des Gebäudes mischen sich mehr grüne Pixel in das farbige Spektrum, bis die roten Streifen nur noch vereinzelte Fremdkörper zwischen den Schattierungen von Mint-, Moos- und Olivgrün sind. Mit 24 verschiedenen Farbtönen wurden die zwischen 120 und 280 Zentimeter langen Glaspaneele bedruckt. Die farbliche Heterogenität bei plastischer Homogenität erzeugt ein ausgesprochen elegantes Fassadenkleid, nicht zuletzt, weil sich die Glasfelder ganz selbstverständlich um die sanft gewölbten Ecken an der Stirnseite des Neubaus schmiegen. Wo hinter dem farbigen Streifenwerk Fenster liegen, lassen sich die Glasfelder in die Höhe klappen und bilden auf diese Weise den Sonnenschutz für die betreffenden Räume.

Die Skepsis angesichts der fehlenden Synthese von Alt und Neu zerstreut sich im Inneren. In den Dienst- und Aufenthaltsräumen, vor allem der Feuerwehr, verbinden sich anspruchsvolle Form und Zweckmäßigkeit ganz selbstverständlich, sie sind so wohnlich wie elegant. Zur Belichtung des Aufenthaltsraumes dient ein eiförmiges Oberlicht von mehr als drei Metern Durchmesser. Da zwischen dem Saal und dem Dach eine Etage der Polizei liegt, sparte man die notwendige Fläche zylinderförmig aus deren Grundriss aus, als drei Meter hohe Laterne erhellt dieses „void“ nun die Esstische der Feuerwehrmänner.

Den Hauptaufenthaltsraum umfängt eine sanft zurückschwingenden Eichenholzwand – die Freude der Architekten am Oval ist kein bloßer Selbstzweck, sondern fand auf wundersame Weise mit den Bauvorschriften für Feuerwachen zusammen: Damit die Türen bei Alarm nicht in den so genannten „Angriffsweg“ der ausrückenden Truppe ragen, müssen sie sich gegen eine feste Wand öffnen. Weil das für alle Türen am Angriffsweg gilt, setzt sich die gewölbte Wand in vielen Wellen im Korridor der Mannschaftsunterkunft fort. Was man auf dem schnellen Weg zum Feuerwehrauto vergeblich sucht, sind die traditionellen Rutschstangen. Die Brandbekämpfer bevorzugen inzwischen eine – extrabreite – Treppe.

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