Kultur : Kurz nach zehn

Mit einer kleinen, feinen Ausstellung ehrt die Galerie Bischoff K.R.H. Sonderborg, der heute seinen 80. Geburtstag feiert

Ulrich Clewing

Schönheit ist vergänglich. Und all die anderen angenehmen und unangenehmen Dinge des Lebens sind es auch. Das Vergänglichste aber ist die Zeit. Sie verrinnt buchstäblich im Sekundentakt, und nichts kann sie anhalten. Aber sie kann sichtbar gemacht werden in ihrem Vergehen, wobei verschiedene glückliche Umstände zusammenkommen müssen, und grundsätzlich gilt: Je kleiner die Maßeinheit, desto schwieriger das Unterfangen. So gesehen, ist dem Maler K.R.H. Sonderborg Erstaunliches geglückt. Seine Gemälde, Zeichnungen und Grafiken sind nicht nur perfekt austariert komponiert und bestechen durch ihre gewaltige Dynamik; sie zeigen vor allem die Zeit, die es zu ihrer Herstellung gebraucht hat, und das auf eine Art, die die Flüchtigkeit des Moments beinahe mit Händen greifen lässt.

Oft sind es nur wenige Minuten, manchmal aber auch ein oder zwei Stunden wie etwa bei dem Bild „Park Avenue South 333“ aus dem Jahr 1961, welches sich heute im Saarland Museum in Saarbrücken befindet. Das Gemälde, eine furiose, wie auf den Bildträger gepeitschte Agglomeration von Schwarz, Braun und Rottönen trägt im Titel außer dem exakten Datum (dem 22. 1. 1961) auch noch die Uhrzeit („22:07 – 23:25“), und tatsächlich glaubt man, diese gut eineinviertel Stunde regelrecht mit dem Finger nachfahren zu können.

1923 als Kurt Rudolf Hoffmann im dänischen Sonderborg geboren, studierte der Künstler nach der Umsiedelung der Familie nach Hamburg und einem ortstypischen beruflichen Schlenker – einer kaufmännischen Lehre – von 1947 bis 1949 an der damaligen Landeskunstschule Freie Malerei. Der erklärte Verächter der Nationalsozialisten gehörte damit zu der Generation, welche die Jahre unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in einer euphorischen Aufbruchstimmung erlebten und mit ihrem Schaffen dafür sorgten, dass Deutschland künstlerisch wieder Anschluss an die internationale Szene fand.

1953 wurde er auf Vorschlag seiner Malerkollegen Willi Baumeister und Fritz Winter in die Gruppe Zen 49 aufgenommen. Deren Mitglieder hatten sich der Abkehr von der geometrischen Abstraktion der Vorkriegszeit verschrieben, um sich, wie es ein Kunsthistoriker später einmal formulierte, der „Auflösung der Form zur Nicht-Form“ zu widmen. Ähnlich wie Jackson Pollock oder den Franzosen Henri Michaux und Georges Mathieu ging es K.R.H. Sonderborg darum, starke Empfindungen und Erregungszustände mit Hilfe von gestisch-bewegter Pinselführung zu illustrieren und nachvollziehbar zu machen. Dabei versetzte sich der Künstler in Konzentration, die einer Trance nahe kam und ihn jene „Leere“ finden ließ, „die der Hand totale Freiheit gibt, die Erinnerung zum Handeln bringt und die in ihr registrierten Erlebnisse ans Licht hebt“.

Die Verbindung zur internationalen Avantgarde suchte Sonderborg auch räumlich. In den fünfziger Jahren zog er nach Paris, lebte zeitweilig in New York, was seiner Kunst zusätzlich einen dezidiert urbanen Charakter verlieh. Denn bei aller Innerlichkeit orientierte sich Sonderborg bei seinen Motiven stets auch an alltäglichen Realitäten. Straßenzüge in Manhattan, der Hamburger Hafen, technische Apparate und Vorrichtungen verschiedenster Machart – wenn man die Vorlagen einmal identifiziert hat, erkennt man in dem vermeintlich frei schwebenden, gegenstandslosen Liniengewirr den häufig recht spröden, prosaischen Kern.

In der Jubiläumsausstellung mit Gemälden (15 000-40 000 Euro), Zeichnungen (4000-8000 Euro) und einigen Lithografien (450-900 Euro), die ihm die Galerie Walter Bischoff eingerichtet hat, kann man sehen, dass dies durchaus auch politische Stellungnahmen einschließt – etwa in der Grafik „Elektrischer Stuhl“, die Sonderborg 1974 nach Zeitungsberichten anfertigte. Am heutigen Sonnabend begeht der Künstler seinen achtzigsten Geburtstag.

Walter Bischoff Galerie, Linienstraße 121, bis 22. Mai; Dienstag bis Freitag 14–19 Uhr, Sonnabend 13–17 Uhr.

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