Kurz & kritisch : Ass-Dur und Hippie-Tunika

MUSIK-KABARETT

In Unterhose am Klavier:

„Ass-Dur“ in der Bar jeder Vernunft

Klausur: bestanden. Referat: gehalten. Urinprobe: negativ. Was einem im Studium alles abverlangt wird. Dominik Wagner und Benedikt Zeitner wissen es genau. Die beiden haben lange genug in Seminaren der Musikhochschule „Hanns Eisler“ gehockt. Jedenfalls lange genug, um grandios singen, virtuos klimpern und wissenschaftlich-schläfrige Vorträge imitieren zu können. „Ass-Dur“ nennt sich das junge Comedyduo, das Lektionen mit rollendem „r“ und unverständlichem Inhalt herunterleiert, die Happy-Birthday-Melodie in Beethovens Mondscheinsonate und im James-Bond-Soundtrack findet und sich beim gemeinsamen Klavierspiel mal eben aus- und wieder anzieht. Großartig, wie sich die Musiker dabei streiten. Streber Benedikt ringt in der Bar jeder Vernunft um ein tiefsinniges Gespräch, Trottel Dominik fällt dazu nichts ein. Aber ihm fällt etwas auf: „Deine neuen Kontaktlinsen machen dich irgendwie dick.“ Benedikt spricht geschliffen, ohne ein „äh“ in den vielen, endlosen Schachtelsätzen. Dominik stammelt ein paar Worte („Mein Gehirn, verstehst du?“). Und wenn Benedikt sein ausgeklügeltes Referat halten möchte, freisprechend natürlich, fällt ihm sein Partner plump ins Wort: „Was ist grün und trägt ein Kopftuch? Eine Gürkin.“ „Ass-Dur“ können so viel übertreiben und einstudierte Witze erzählen wie sie möchten, sie wirken trotzdem nicht überkandidelt. Weil sie mit dem Publikum agieren, ganz charmant. Weil sie Musik und Humor verbinden, ganz erfrischend. Weil der ein oder andere Zaubertrick auch mal danebengeht – absichtlich, ganz klar (bis 11. April, Mi.–Fr. 20, Sa./So. 19 Uhr). Annabelle Seubert

NEOFOLK

Mit Hippie-Tunika an der Gitarre: First Aid Kit im Magnet

Berlin fänden sie toll, sagen die Schwestern Johanna und Klara Söderberg von First Aid Kit. Im letzten Jahr haben sie sich als Vorprogramm von Port O’Brien im Kreuzberger Lido eine Menge neuer Freunde gemacht. Heute sind sie selber Hauptattraktion im Magnet.„Wir wollen, dass unsere Musik von vergangenen Zeiten erzählt und von alten Seelen“, sagten die Schwestern im Interview. Tatsächlich klingt der erste Song dann auch nach der Carter Family, den Wegbereitern amerikanischer Folk- und Countrymusik. Eine einfache, hübsche Folkmelodie mit dichtem Harmoniegesang. Die 17-jährige Klara, die mit ihrer weitärmeligen Hippie-Tunika an Woodstock-Legende Melanie erinnert, zupft und schrammelt auf einer Akustikgitarre und singt meistens die Hauptstimme. Johanna, knapp 20, spielt abwechselnd auf einem Keyboard Bass-, Cello-, Violinen- und Orgelstimmen und singt die Begleitung. Muntere appalachische Tanzliedchen und elegische Balladen über die Liebe, Seeleute, scheiternde Ehen und den „Tiger Mountain Peasant Song“ der Fleet Foxes, mit dessen Coverversion die Schwestern die YouTube-Gemeinde eroberten und dem selbsterklärten Ziel näher brachten: „Wir wollen die Herzen erreichen, nicht die Charts.“ Gelegentlich allerdings entwickeln die Stimmen eine spitze, metallische Schärfe, wo ihnen kleine Varianten der Modulation, sowie Dynamik in der Lautstärke mehr Ausdruck und Seele verleihen könnten. Umwerfend sind die jungen Frauen, wenn sie sich unverstärkt und ohne Mikrofone ins entzückte Publikum stellen und ihr Talent von der schönsten, unverfälschten Seite zeigen. H.P. Daniels

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