Kurz & kritisch : Comedy und Klassik

Oliver Polak im Quatsch Comedy Club, "Sax meets Clarinet“ in der Philharmonie und das Deutsche Symphonie-Orchester.

von

COMEDY

Das J-Wort: „Jud süß sauer“ im Quatsch Comedy Club

Er ist Berufsjude, wie andere. Nutzt seine Herkunft als Material für öffentlichen Erfolg. Das ist keine Schande, aber noch nicht lustig. Eigentlich wird er als Emanzipator des neuen deutsch-jüdischen Gelächters gehandelt. Oliver Polak begrüßt auf der Bühne des Quatsch Comedy Clubs die „liebe Herrenrasse“: seine erste von 54 Nazi- und/oder Juden-Pointen in den 108 Auftrittsminuten von „Jud süß sauer“ (wieder heute, 17. 2., 20 Uhr). Die „Tabubrüche“ müssen alle naslang Spannung wiederherstellen.

Rot verhüllte Pappkameraden entpuppen sich als Schäferhunde mit Glühaugen, Davidstern, Totenkopfmütze. Wenn ihr nicht lacht, seid ihr keine Antisemiten, sagt der Künstler mild, nur humorlose Arschlöcher. Woran denken Juden bei Bühnennebel? Unter der Brause denkt Polak an Adolf. Warum haben Lokführer nicht auch vor 70 Jahren gestreikt? Polak träumt von Udos „Sonderzug nach Auschwitz“. Sind Pinocchio, Bill Gates oder Alfred Biolek … Juden? Denkste! Die Zuschauer rufen keck das J-Wort oder „normal“, wenn der Bärtige im Trainingsanzug („Auch Juden joggen, früher hieß das Vernichtungsmarsch“) beim Promi-Raten den Chor dirigiert. Er sagt „Ihr“ und „Wir“: Das Zoo-Szenario ist sein Marketing-Ansatz. Er bedient sich und bedient. Die proklamierte Entkrampfung des politisch Korrekten reproduziert lediglich herz-und hirnlose Oberflächenzoten. Radikaler Witz? Effekt-Surferei. Durch die eigene Magengrube geht dem Shoa-Business-Master seine Büttenrede nicht. Er wolle „vielleicht gar kein Komiker sein“, singt Polak. Nu. Thomas Lackmann

KLASSIK

Jazzy: „Sax meets Clarinet“in der Philharmonie

Es ist der Versuch, das U-Korsett endlich abzustreifen, den das „Clair-obscur“ Saxofonquartett im Kammermusiksaal der Philharmonie unternimmt. Seit jeher ist ihr Instrument untrennbar mit Unterhaltungsmusik verbunden. Der Weg da raus? Sich mit den Klarinettisten der Berliner Philharmoniker verbrüdern und einen ganzen Abend unter dem Motto „Sax meets Clarinet“ über die Grenzen hinwegschweben. Was bei den barocken „Airs de hautbois“ von Jean-Baptiste Lully beginnt, wunderbar zur transparenten Polyphonie ausgearbeitet, endet in beinahe aristokratischer Strenge mit dem Walzer aus Schostakowitschs Jazz-Suite. Und hier wie dort die gleiche Erkenntnis.

Wenn man so viel Feingefühl für sein eigenes und für das verwandte Instrument aufbringen kann wie die Beteiligten dieses Abends, wenn man Bassklarinette so jazzy spielt wie Manfred Preis in Piazzollas „Libertango“ und einem Sopransaxofon so viel produktiven Akademismus abgewinnt wie Jan Schulte-Bunert in Hanns Eislers Orchestersuite Nr. 2, dann kann selbst dieses von Schumann bis Bernstein arg zusammengeschusterte Programm immer wieder durch neue Erkenntnisse in Sachen Klangsymbiose überzeugen. Schade, dass gerade die Uraufführung der Philharmoniker-Auftragskomposition sich als schwächstes Argument für die spezifische Besetzung entpuppt. „Fire Dances“ heißt das Werk von Frank Zabel, der selbst am Klavier sitzt und die postmodernen Lautfragmente der Klarinetten und Saxophone elektronischen Echtzeitverfremdungen unterwirft. Das enthält zwar beeindruckende Klangverwischungen, die ihren ästhetischen Zweck aber in jeder anderen Besetzung auch erfüllt hätten. Daniel Wixforth

KLASSIK

Große Geste: Jayce Ogren debütiert mit dem DSO in der Philharmonie

Was kann man in vier Tagen alles auf die Beine stellen? Mehr Zeit steht jungen Künstlern nicht zur Verfügung, um sich für ihr „Debüt im Deutschlandio Kultur“ in der Philharmonie zusammenzuraufen. Eine Probe für ihr Einfühlungsvermögen ist das vor allem im Zusammenspiel von Solist und Orchester. Der 31-jährige Amerikaner Jayce Ogren setzt schon in Igor Strawinskys „Scherzo à la russe“ mehr auf den Oberflächencharme glänzender Blechbläser denn auf Differenzierung. In Carl Nielsens Klarinettenkonzert führt der ehemalige Assistent von Franz Welser-Möst das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin zwar zu vollem Klang, die Spannungsimpulse des Solisten Julian Bliss nimmt er aber nicht auf. Der 21-jährige Brite zeichnet sich vor allem durch lyrischen Ton und überlegene Phrasierung seiner melodischen Linien aus.

Mit überragender Musikalität vermag auch Yoriko Muto Strawinskys sperrigem Violinkonzert Leben einzuhauchen. Wo es im Orchester betriebsam rappelt, fasziniert die junge Japanerin mit kraftvollem Ton und großer gesanglicher Geste dort, wo Strawinsky auf seine Art eine barocke „Aria“ schreibt. Alles verwandelt die 22-Jährige in Leichtigkeit. Danach kann man nur staunen, wie Ogren selbst in der 7. Sinfonie von Jan Sibelius zu großer Form aufläuft, ihre Melodik aufblühen lässt und Steigerungen von rauschhafter Farbigkeit aufbaut – sehr zur Freude des Publikums und des animierten Orchesters. Isabel Herzfeld

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