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KLASSIK

Träume: Jun Märkl im Konzerthaus mit dem MDR-Sinfonieorchester

Gesegnetes Sachsen: Aus der Kulturlandschaft, die Johann Sebastian Bach mit diesen Worten preist, kommt das MDR-Sinfonieorchester Leipzig. Und man ist dort stolz darauf, jene Tradition zu pflegen und zu erneuern, die von Bach über Mendelssohn Bartholdy und Schumann zu Wagner und Weill führt. Da trifft es sich gut, dass die Gäste im Konzerthaus ihr Programm mit Robert Schumann rahmen, der Ouvertüre zu Schillers „Braut von Messina“, einer Musik, die der Komponist zu Recht besonders schätzte, und mit der dritten Sinfonie, der „Rheinischen“. Der rührendste Beitrag zum Schumann-Jahr aber erklingt unverhofft als Zugabe: die „Träumerei“ aus den „Kinderszenen“ in diskreter Orchesterbesetzung als Traum für Erwachsene.

Der Klangkörper ist an die frühe Geschichte des Radios geknüpft wie in Berlin das Rundfunk-Sinfonieorchester. In Jun Märkl haben die Musiker heute einen 50-jährigen Chef mit dem Impetus und der Ausstrahlung eines Jungdirigenten, und die Interpretationen atmen Frische und neugierige Vitalität.

Erstaunlich auch, wie präzis und fein modellierend Märkl und das Orchester ihren Solisten begleiten: Herbert Schuch, 1979 in Rumänien geboren. Er bietet eine Interpretation des ersten Klavierkonzerts C-Dur von Beethoven, die in einem Zwischenreich angesiedelt ist, in dem sich Akkuratesse und Empfindsamkeit begegnen. Wundersame Läufe. Was Beethoven ererbt hat aus der Linie Haydn-Mozart, was er weiterspinnt an Fäden zu den Romantikern, dieser Pianist ist empfänglich für musikalische Geheimnisse. Das erklärt sich ein wenig vielleicht auch aus seiner Arbeit mit Alfred Brendel. Wenn Herbert Schuch frühen Beethoven spielt, ist das Natürliche das Poetische. Ovationen. Sybill Mahlke

KLASSIK

Zaubereien: Konzerthausorchester mit Lothar Zagrosek und Fazil Say

Der zündende Marsch aus der Haffner-Serenade liefert die Einleitung zu dieser Mozart-Matinee, und Konzerthausorchester-Chef Lothar Zagrosek greift selbst zum Mikrofon, um das zahlreich erschienene Publikum mit den vielen Kindern auf das Programm einzustimmen. Mit der Anekdote etwa, dass der Komponist zur gelungenen Uraufführung seiner C-Dur-Sinfonie KV 338 von 40 Violinen, acht Kontrabässen und sechs Fagotti berichtete, und in eben dieser Riesenbesetzung wird jetzt auch gespielt. Das klingt erstaunlicherweise gar nicht schwerfällig, sondern frisch und transparent – ein schwungvoller, sinnlicher Mozart ohne die Zickigkeit so mancher „historisch“ orientierter Aufführung.

Im Klavierkonzert D-Dur KV 537 übertrifft der Solist Fazil Say den Dirigenten sicher noch durch den Mut zur Individualität, doch gerade dadurch ergibt sich ein sorgsam aufeinander hörendes Zusammenspiel.

Da finden etwa wunderbare Seufzer-Dialoge mit den Holzbläsern im zärtlichen Seitenthema statt, und Say serviert dem Orchester seine hochdynamischen Überleitungen, als sei er selbst der Dirigent. Dass der künftige „Pianist in residence“ im Konzerthaus seine leuchtenden Kantilenen gestisch unterstreicht und fast immer mitsummt, erhöht den Eindruck absoluter Spontaneität. Er kulminiert in der eigenen Kadenz mit rockig stampfenden Bässen, virtuos wildem Akkordspiel und zarten Pedalzaubereien – Mozarts Kühnheit weitergedacht. Das alles kann nicht davon ablenken, dass hier ein vorzüglicher Pianist am Werk ist, trotz gelegentlicher Nonchalance mit delikat perlendem Passagenspiel bezaubernd und immer wieder strukturell kluge und emotional tiefgründige Akzente setzend.

Isabel Herzfeld

POP

Höllenlärm: Steven Ansell und

Laura-Mary Carter im Maria

Um viertel nach neun grollt und bebt es durch das gesteckt volle Maria, wie ein herannahender Orkan, dräuendes Unheil. Aber es sind nur zwei nette junge Leute, die zum bösen Grummelintro und zu Jubelschreien auf die Bühne kommen. Der blonde Steven Ansell setzt sich an sein kleines Schlagzeug am rechten Bühnenrand, seitlich zum Publikum, reckt den rechten Arm mit dem Trommelstock steil nach oben. Zum Zeichen für seine Mitstreiterin Laura-Mary Carter, die hübsche Lady in düsterem Goth-Chic, einem flatterigen schwarzen Kleid mit raffiniert durchsichtigen Chiffon-Ärmeln, die ihre schwarze Telecaster in einen großen Marshall-Verstärker gestöpselt hat.

Steven senkt den Arm, lässt ihn in die Snare krachen, und sie donnern los in einem Höllenlärm. Laura-Mary knallt elektrisierende Achtel in ihre Gitarre, während die dunklen Haare wild wehen im Wind eines Ventilators. „Doesn't matter much“ singen sie vom ersten Album „Box Of Secrets“ aus dem Jahr 2008. Ob schon jemand die neue Platte gehört habe, fragt Steven. „Fire Like This“ ist erst diesen Monat erschienen, aber die Fans kennen sie längst und feiern jeden Song davon enthusiastisch. Es rattert und knattert. Steven drischt in die Trommeln, Laura-Mary semmelt in die Gitarre, abwechselnd oder gemeinsam singen oder schreien sie ihre zornigen Lieder über Teenage-Angst, Wirrnisse, Langeweile und den unbändigen Drang nach Freiheit. „I Wish I Was Someone Better“, „Don’t Ask“. Entschiedene Statements zu einem hitzigen musikalischen Lärm, den das Duo aus Brighton selbst als „Grunge On The Dancefloor“ verstanden wissen möchte. Und schließlich verwandelt sich der ganze Saal in eine ausgelassene Hüpfburg. Nach einer Stunde sind alle erschöpft, zufrieden. H.P. Daniels

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