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KLASSIK

Wagner, gerappt: Die Kaminski-Band mit „Rheingold“ in der Philharmonie

Warum kommt die Deutsche Oper nicht auf so eine Idee? Wenn Donald Runnicles im April an der Bismarckstraße zweimal den „Ring des Nibelungen“ dirigiert, gibt es dort als flankierende Maßnahmen Fritz Langs Drachtentöter-Film mit Live-Orchester sowie „Klein-Siegfried“ für Wagnerinos ab sechs. Das perfekte Präludium zur Tetralogie aber findet anderswo statt: Die Berliner Philharmoniker, die gerade in Salzburg ihre „Götterdämmerung“ proben, haben den coolsten Act in Sachen Gesamtkunstwerk in den Kammermusiksaal eingeladen. An vier Abenden zelebriert die Kaminski-Band hier den „Ring“ als Live-Hörspiel (Fortsetzung am 29. und 31. 3. sowie 8. 4.).

Das Deutsche Theater ist die künstlerische Heimat von Schauspieler Stefan Kaminski und seinen Musikern, doch ihre Wagner-Performance funktioniert auch in der Klassik-Halle. Wie aus einem Fantasy-Comic scheinen die „Rheingold“-Recken entsprungen, wenn Vokalakrobat Kaminski ihnen seine Stimmen leiht. Dabei macht er den Text nie lächerlich, reizt lediglich das Skurrilitätspotenzial der Stabreime aus, schärft Figurenprofile, wenn er Fafner berlinern und Loge rappen lässt. Das Ganze ist zwar nicht mit Wagners Musik, wohl aber mit viel Geräusch verbunden: Hella von Ploetz bedient Glasharfe sowie Donnerblech, Sebastian Hilken spielt Kontrabass und Bandleader Stefan Kaminski steuert die gesamte übrige Soundkulisse bei. Ein akustisches Vergnügen für Fans wie Verächter des Bayreuther Meisters. Frederik Hanssen

KUNST

Gemschistöckli: Eliska Barteks Gemälde im Haus am Lützwoplatz

Ein Gemälde aus der Serie „Stockhornkette mit Thunersee“ des Schweizer Malers Ferdinand Hodler darf nicht ausgestellt werden, weil die vermögensrechtlichen Fragen ungeklärt sind. Die einstigen Besitzer mussten das Werk auf Druck der Nationalsozialisten verkaufen, später kamen sie in Auschwitz um. Für die gebürtige Tschechin Eliska Bartek haben Hodlers Bergwelten daher ihre Unschuld verloren. Und so malt die heute in Luzern und Berlin lebende Künstlerin die zerklüfteten Gipfel am Fuße des Thunersees in Schwarz-Weiß. Mal grundiert sie mit der einen Farbe, mal mit der anderen. Dann schabt sie eine zweite aufgetragene Schicht wieder ab. Die Künstlerin gibt den Bergen ihre Rohheit zurück, fern jeder Heidi-Idylle. Dazu hat sie die Bergnamen an die Wände geschrieben: Gemschistöckli oder Öugstchummuhorn.

Eliska Barteks Arbeiten sind Stimmungsbilder. Das wird vor allem in der farbigen Serie deutlich, die in der Ausstellung „Berge versetzen“ im Haus am Lützowplatz zu sehen ist (bis 18. 4., Di–So 11–18 Uhr). Da lösen sich die Täler und Gipfel in gespachtelte und gepinselte Flecken auf. Barteks Fotomethode ist ähnlich angelegt, wie sich in einer zweiten Ausstellung beobachten lässt. Die Galerie Foto Edition Berlin zeigt unter dem Titel „Erregte Fotografie – Blumen und neue Arbeiten“ Langzeitbelichtungen, auf denen sich die Farben exotischer Blüten so lange einbrennen, dass sie leuchten (bis 10. 4., Mi–Sa 14–18 Uhr u. nach Vereinbarung, Ystader Straße 14). Anna Pataczek

KUNST

Fragwürdiger Ästhet: Otto Manciolis Zeichnungen im Bröhan-Museum

Am auffälligsten ist das Paar von der Mafia gekleidet. Sie trägt einen ausladenden Mantel mit Karomuster. Er hat sein Haar mit Brillantine zurückgekämmt und einen papageiengelben Pullunder gewählt. Schon während seines Medizinstudiums hielt Ottorino Mancioli, Sohn aus gutbürgerlichem Hause, die Mode der Römer fest. Das Bröhan-Museum zeigt nun vierzig Blätter aus den zwanziger und dreißiger Jahren (bis 20. Juni, Schlossstraße 1, Di–So 10–18 Uhr). In der Kabinett-Ausstellung „Sport und Mode in Italien um 1930“ wird die Beschleunigung dieser Zeit spürbar, wie sie der Futurismus verehrte. Die elektrisierten Bewegungen einer Charleston-Tänzerin, die laszive Gesten von Josephine Baker – die Mode passt sich dem Bedürfnis nach körperlichem Ausdruck an. Die Röcke flattern, die Sporthosen dehnen sich.

Mancioli liebt den Moment, in dem die Sportler Schwung holen und ihren Körper zur Spirale verdrehen. Der Golfspieler zum Beispiel, oder der Speerwerfer. Der Schwimmer aus dem Jahr 1933, ein Entwurf für den italienischen Schwimmverband, ist dann aber von klar faschistischer Ästhetik. Wenn das Bröhan-Museum in der gegenüberliegenden Vitrine die Porzellanfiguren einer schwarzen Jazzkappelle aus eigenen Beständen präsentiert, die vom Rassismus der Zeit geprägt sind, nimmt die Ausstellung eine befremdliche Wendung. Vage sind auch die biografischen Hinweise. Mancioli war Marineoffizier, war in Italienisch-Ostafrika stationiert und in Spanien im Einsatz. Was hat er dort gemacht? Zu unbekümmert werden hier Zeichnungen von Sport und Mode von ihrem historischen Hintergrund gelöst. Simone Reber

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