KURZ & KRITISCH : KURZ & KRITISCH

von

MUSICAL

Kreuzigung:

„Peaches Christ Superstar“ im HAU

Es ist schon ein Kreuz mit dem Mann. So wundertätig, berühmt und umschwärmt. Aber wie kann eine Frau Jesus lieben, ihn, den doch alle lieben? Maria Magdalena ist verzweifelt. Doch dann, ganz leise, die Erkenntnis: „He’s a man, he’s just a man“ – also kein Grund zur Panik. Ein halbes Lächeln huscht über das Gesicht von Merrill Nikser, besser bekannt als Peaches, als sie die Zeile singt. Es wirkt wie ein winziger Verweis auf ihre früheren Konzertshows und Videos, in denen sie sich mit großem Körpereinsatz auf die Genderdebatte stürzte.

Aber die Kunstfigur Peaches bleibt im Hintergrund an diesem Abend. Es geht ihr um die Sache: „Jesus Christ Superstar“ als Solo. Peaches ist genau wie Gonzales, der sie am Flügel begleitet, Fan dieser 40 Jahre alten Rockoper von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice. Mit deren Rechtevertretern gab es vorab einigen Ärger. Nach der Premiere von „Peaches Christ Superstar“ (wieder heute, 19.30 Uhr) dürften sie beruhigt sein, denn die Kanadier haben eine gelungene Hommage ganz im Geist des Originals geschaffen. Es ist ein Fest des camp. Mit beeindruckender Präsenz und Stimmkraft verkörpert Peaches alle Rollen. Wie sie bei „Everything’s alright“ übergangslos von Maria Magdalena über Judas zu Jesus gleitet, ist einfach großartig. In der Pause tauscht die 43-Jährige den schlichten weißen Body gegen eine voluminöse, silber-goldene Jacke ein, die aussieht, als stamme sie aus dem Kostümfundus von „Starlight Express“. Es geht jetzt deutlich expressiver zur Sache: Zum varietéhaften „King Herod’s Song“ führt Peaches ein witziges Tänzchen inklusive Moonwalk auf und die „39 Lashes“ knallt sie mit einer Peitsche auf den Boden. Dass sie beim Finale das Soloprinzip aufhebt, ist ein toller Effekt. Weniger überzeugend wirkt das riesige Kreuz in Penisform – aber vielleicht sollte man Peaches so viel Selbstzitat einfach mal zugestehen. Nadine Lange

KLASSIK

Passion: Grigorij Sokolov in der Philharmonie

Er ist ein später, triumphaler Debütant. Über Jahre hinweg hat sich Grigorij Sokolov im Kammermusiksaal ein treues Publikum erspielt, das auf die bloße Ankündigung seines Auftretens schon Tickets orderte. Was genau der Pianist aus Sankt Petersburg zu spielen gedachte, stand da oft noch nicht fest. Nun gibt Sokolov kurz vor seinem 60. Geburtstag sein Debüt in der Philharmonie, die fast komplett ausverkauft ist. Dabei hat keine Plattenfirma für das Konzert geworben, denn Sokolov meidet das Studio. Er ist einer der raren Live-Künstler der Klassik, und das dankt ihm sein Publikum, unter dem auch Daniel Barenboim weilt.

Die Huster ersterben sekundenschnell, Sokolovs Kunst löst einen sogleich ab von der Realität. Bachs 2. Partita atmet unter seinen Händen einen kühnen Ernst, eingebettet in ein großes Spiel von Entstehen und Vergehen der Klänge. Anders als bei András Schiffs pedalfreiem Bach-Abend vor einer Woche werden alle Stilmittel des romantischen Musizierens aufgeboten. Sokolovs Innigkeit überwindet diskret alle Stil- und Epochengrenzen. An so einen Pianisten muss Brahms gedacht haben, als er seine späten Fantasien op. 116 komponierte. Versunkenheit, kaum merkliche Bewegung an der Oberfläche, doch ein unerschöpflicher innerer Resonanzraum. Ein herbstlicher Abend, kontrapunktisch zum Frühlingsgefühl, der Schumanns wenig geliebtem Concert pour Piano seul op. 14 alle Hingabe schenkt. Sechs Zugaben spielt Sokolov noch mit vollkommener Geistesgegenwart, eins geworden mit seinem Instrument. Und muss ertragen, dass er den Jubel damit keineswegs dämpfen kann. Ulrich Amling

KUNST

Auferstehung: ein Baselitz

für die Berlinische Galerie

Er ist gewachsen in den 40 Jahren. „Ein moderner Maler“ stößt jetzt mit dem Kopf an den Bildrand, seine Hände stecken im Wurzelwerk eines umgedrehten schwarzen Baumes. Er ist geerdet. Und er muss nicht mehr provozieren. Nicht so wie 1966, als der damals 28-jährige Georg Baselitz ihn mit einem Schweineschwanz als Pinsel unter dem Arm darstellte. Mit den Fingern in Furchen grabend, die eine Vagina darstellen sollen. Dazu ein kreisender Penis und auf dem Rücken einen Rucksack mit der Last der deutschen Geschichte. Fast altersmilde, leuchtend hell wirkt da die neue Version von 2007. Der Hintergrund ist weiß statt schwarz. Die Pinselstriche sind großzügiger, die offene Hose deutet Baselitz nur noch an. Vor fünf Jahren er begonnen, seine eigenen Schlüsselwerke noch einmal zu malen. Dass die Berlinische Galerie, die bereits das Original besitzt, nun auch eine der sieben Neuinterpretationen dieses Motivs ankaufen konnte, ist ein großes Glück (Alte Jakobstr. 124 - 128, tgl. außer Di 10 - 18 Uhr).

Das Bild wurde mit Geldern der Kulturstiftung der Länder, dem Bundesbüro des Kulturstaatsministers und der Deutschen Bahn erworben, das Landesmuseum hat selbst keinen Ankaufetat. Am Donnerstag wurden beide Gemälde bei einem Festakt in Anwesenheit Baselitz’ präsentiert. Sie treten nicht nur in einen Dialog über das Leben eines der bedeutendsten Künstler Deutschlands. Original und Remix stellen bereits jetzt schon deutsche Kunstgeschichte dar. Das figurative Heldenbild aus den Sechzigern war ein Sich-Entgegenstemmen gegen die damals gängige abstrakte Malerei. Diese Beharrlichkeit über die Jahrzehnte hinweg wurde zu Baselitz’ Markenzeichen, ebenso wie seine auf dem Kopf stehenden Motive. Anna Pataczek

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben